Porträt der Woche

»Ich wäre gern Oma«

»Ich hatte beruflich Glück, als ich 1993 nach Deutschand kam«: Irina Moldaver (54) Foto: Jörn Neumann

Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich Musiklehrerin werde. Ich nicht so sehr. Ich habe in der Ukraine die Musikschule absolviert. Danach habe ich mich nur ab und an ans Klavier gesetzt, mehr nicht. Heute bin ich froh, dass ich Bauingenieurin geworden bin. Als Musiklehrerin Arbeit zu finden, wäre problematisch gewesen.

Von Beruf bin ich nun Baukonstrukteurin. Das ist sozusagen weniger als Statikerin und mehr als Bauzeichnerin. Als ich 1993 nach Deutschland kam, habe ich einfach Glück gehabt, denn die Baubranche florierte. Ich habe einen einjährigen Anpassungslehrgang gemacht und war zuerst in einem kleineren Ingenieurbüro in Troisdorf beschäftigt. Als es dort irgendwann immer weniger Arbeit gab, sagte der Chef: »Kinder, guckt euch um, was es noch gibt!« Ein Kollege und ich sind dann in Köln bei einem großen Büro gelandet. Hier arbeite ich nun seit zwölf Jahren.

Eingeschalt Wir stehen zwischen dem Architekten und der Baustelle. Der Architekt malt alles schön, wie er es sich vorstellt, mit allem Drum und Dran, mit Fassade und Verzierungen. Wir machen seine Pläne nackt und gucken, wie sie umzusetzen sind. Die Statiker errechnen die Werte, und wir Baukonstrukteure stellen dar, wie es auf der Baustelle gemacht werden soll: eingeschalt, betoniert und so weiter.

Meine Arbeitswoche verläuft recht eintönig. Ich fange ziemlich spät an, erst um 10 Uhr. Wir haben das extra so eingerichtet, damit das Büro von morgens bis abends besetzt ist. Ich habe mich an die Arbeitszeit meines Mannes angepasst: Er fängt um 11 Uhr an. Bis mindestens 19 Uhr bin ich am Arbeitsplatz. Zurzeit machen wir aber oft Überstunden, manchmal sogar am Wochenende.

Wenn ich Probe habe, gehe ich nach der Arbeit direkt zur Kölner Synagoge, wo unser Chor »V.I.P.« zweimal die Woche übt. Hebräische Lieder sind unser Schwerpunkt. Aber wir singen auch deutsche, englische und russische. Den Juli habe ich dieses Jahr ganz dem Chor gewidmet. Jedes Wochenende hatten wir einen und manchmal sogar zwei Auftritte. Dann waren da noch das Sommerfest und eine CD‐Aufnahme.

Wir hatten ein Mädchen im Chor, ein wunderbares Wesen. Sie hatte eine so schöne Stimme und eine starke Ausstrahlung. Ich glaube, sie kann ein Stadion mit Energie versorgen. Vor ein paar Wochen ist sie nach Israel ausgewandert: Wir haben zum Abschied etwas Schönes für sie zusammengestellt. Mithilfe der Redaktion des Gemeindeblatts haben wir eine Extra‐Ausgabe gemacht. Jeder hat ein paar Zeilen dafür geschrieben. Das bekam sie als Geschenk zusammen mit einem schönen Fotoalbum.

Demenz Früher habe ich viele Jahre in der Gemeinde im Chor »Schalom« gesungen. Dann erkrankte meine Schwiegermutter schwer an Alzheimer. Ich habe sie gepflegt, und kam nicht mehr zum Singen. Zuletzt war sie in einer Kölner WG für russischsprachige Demenzpatienten untergebracht. Diese Einrichtung ist in Deutschland einmalig. Drei Jahre hat sie da gewohnt.

Heute berate ich hin und wieder Familien, die sich für das Leben in dieser WG interessieren. Ich weiß aus Erfahrung, wie schwer die Entscheidung fällt, einen Verwandten dort hinzubringen. Manchmal schicken die Betreiber Leute zu mir, die sich nicht entschließen können, was mit den Eltern geschehen soll. Es war bei mir nicht anders – eine lange Geschichte. Wir wollten es so lange hinausschieben wie nur möglich. Aber irgendwann schafften wir es nicht mehr allein.

Einige Monate nach dem Tod meiner Schwiegermutter hat mich die Dirigentin des V.I.P.-Chores angerufen und mich gefragt: »Hättest du Zeit, mit uns zu proben? Wir fahren nämlich bald nach Israel und haben zu wenige Altstimmen.« So bin ich seit mehr als einem Jahr dabei. Ich habe aber nicht vor, das ewig zu machen, denn ich merke schon den Unterschied zwischen all den Mädchen und mir – stimmlich und überhaupt. Es ist nämlich eigentlich ein Jugendchor. Ich werde noch so lange mitsingen, bis sich ein paar junge Altstimmen einfinden. An sich macht es mir großen Spaß, aber man muss das doch realistisch betrachten.

Der andere Chor, Schalom, probt zwar zu Zeiten, die für mich ungünstig sind, aber es wird schon irgendwie gehen. Ab und zu werde ich dann im Büro früher Schluss machen müssen. Wenn ich mit dem Chor verreise, akzeptiert das die Firma. Ich nehme dafür Urlaub. Mir stehen noch ein paar Tage vom Vorjahr zu. Die Chefs sind froh, wenn ich einen Teil davon abbaue.

Lesen Seit meiner Kindheit bin ich eine Leseratte. Ich habe schon mehrmals die Nächte hindurch gelesen. Bücher, keine Zeitungen oder Magazine. Meine Kollegen wundern sich gar, dass ich von den Nachrichten so wenig mitbekomme. Mein Gott der deutschen Literatur ist Thomas Mann: Ich liebe seine Sprache.

Gerade lese ich einen chinesischen Roman – zum ersten Mal in meinem Leben. Der ist wunderbar, wirklich! Hätte ich nicht gedacht. Das Leben dort in den 50er‐Jahren konnte ich mir nicht vorstellen. Wir glaubten, in der Sowjetunion ginge es uns schlecht. Aber im Vergleich zu China in den 50ern, wie es in dem Roman beschrieben wird, haben wir geradezu fürstlich gelebt!

Neben den Büchern habe ich jetzt etwas anderes entdeckt: Hörspiele. Da ich viel zu Fuß gehe, nutze ich die Gelegenheit, mir dabei die Kopfhörer aufzusetzen. Wenn ich mal abends früher von der Arbeit aufbreche, gehe ich zwei oder drei Kilometer mit meinem Lieblingsstück am Rhein entlang spazieren. Besonders reizvoll finde ich es, wenn Autoren ihre eigenen Bücher vorlesen. Davon kriegt man im russischsprachigen Internet ziemlich viel. Man merkt zwar, dass kein Profi am Mikrofon sitzt, und manche Autoren stottern mal oder lispeln – doch es ist etwas Besonderes, wenn ein Schriftsteller seine eigenen Worte spricht.

Viel Gelegenheit habe ich leider nicht zum Lesen. Oder ich kann nicht mehr so gut mit der Zeit umgehen. Früher habe ich viel mehr geschafft, mit Schwiegermutter und allem. Jetzt entspanne ich mich. Ab und zu treffe ich mich mit Freundinnen aus dem Chor Schalom.

Ich koche auch gern. Wenn mir etwas gut geschmeckt hat, versuche ich, es nachzukochen und experimentiere mit Zutaten. Im Alltag muss es meistens schnell gehen, aber wenn Gäste kommen, dann gebe ich mir richtig Mühe: mit mehreren Gängen und Süßem, so wie es in Russland üblich ist.

In letzter Zeit habe ich leider zu wenig Besuch. Als ich mit meiner Schwiegermutter beschäftigt war, sind manche Kontakte eingeschlafen. Im August hatte ich Ferien vom Chor, da habe ich versucht, manches zusammenzuflicken, was auseinandergegangen war.

Ich wäre sehr gern Großmutter. Aber meine Tochter hat erst vor Kurzem ihren lang ersehnten Job gefunden. Sie ist Kunsthistorikerin und hatte nach dem Studium eine ganze Weile nur Praktikantenstellen. Sie wird, denke ich, mit dem Kinderkriegen noch warten wollen. Ich merke auch, hierzulande sind die Vorstellungen anders als in meiner Jugend. Nun gut, ich bin bereit, noch ein bisschen zu warten. Aber nicht zu lange.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova‐Duda

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