Porträt der Woche

»Ich stehe zu dem, was ich bin«

Debora Antmann ist feministische Bloggerin und studiert Gender Studies in Berlin

von Jérôme Lombard  27.03.2017 18:25 Uhr

»Ich möchte so leben, wie es mir gefällt«: Debora Antmann (27) lebt in Berlin. Foto: Chris Hartung

Debora Antmann ist feministische Bloggerin und studiert Gender Studies in Berlin

von Jérôme Lombard  27.03.2017 18:25 Uhr

Ich liebe High Heels und lege großen Wert auf das Gendergap, die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, in der Sprache. Wenn ich mich selbst kurz und knapp beschreiben soll, sind das die beiden Dinge, die ich nenne. Einfach deshalb, weil schicke, hohe Schuhe und eine kritisch‐reflektierte Sprache mich als Person ausmachen.

Ich bin 27 Jahre alt und gebürtige Berlinerin. Den ersten Teil meiner Kindheit habe ich allerdings in der Nähe von Karlsruhe verbracht. Das waren prägende Jahre für mich. In Berlin habe ich dann nach meinem Abitur Soziale Arbeit an der Alice‐Salomon‐Hochschule studiert. Aktuell mache ich dort meinen Master in Gender Studies. Seit April 2016 arbeite ich als hauptamtliche Frauenbeauftragte an der Hochschule. Mein Job bedeutet aber nicht Gleichstellungsarbeit im klassischen Sinne. Gott sei Dank!

Ich verstehe meine Arbeit nicht nur als Anti‐Diskriminierungsarbeit gegenüber Frauen. Wir bieten ein breiter gefächertes, spezifisch ausgerichtetes Angebot, zum Beispiel für Transpersonen und andere gesellschaftlich marginalisierte Gruppen.

familie Generell denke ich, dass der traditionelle bürokratische Ansatz der Gleichstellungsarbeit antiquiert ist. Ich bin Jüdin, Feministin und Lesbe. Wenn ich das so sage, fällt vielen Leuten das Essen aus dem Gesicht. Und das ist auch gut so. Ich breche gerne gesellschaftliche Tabus. Ich stehe zu dem, was ich bin, und ich möchte so leben, wie es mir gefällt. Ich bin keine Rebellin. Ich sehe mich vielmehr als Provokateurin.

Meine Mutter war jüdisch, mein Vater ist es nicht. Meine Mutter hat sich das Leben genommen, als ich neun Jahre alt war. Ebenso mein Großvater, ihr Vater. Ich spreche ganz offen darüber und schreibe auch Artikel über das Thema auf meinem Blog »Don’t Degrade Debs, Darling«.

Es gibt eine Suizid‐Tradition in meiner Familie. Diese hängt auch mit den Traumata der Vergangenheit und den Schrecken des Nationalsozialismus zusammen. Meine Oma mütterlicherseits ist zum Judentum konvertiert, ihr Vater war höherer SS‐Offizier. Mein Opa kommt aus einer jüdischen Familie. Ein Teil meiner Verwandten lebt heute in Israel, und ich fliege mindestens zweimal pro Jahr dorthin, um sie zu besuchen.

identität Ich bin sehr jüdisch aufgewachsen. Meine Mutter hat mich liberal erzogen, wir haben alle wichtigen religiösen Feste zusammen gefeiert. Ich glaube, das Judentum war auch die Kraft, die sie so lange in dieser Welt gehalten hat. Meine Mutter wollte auch mir diese Kraft mit auf den Weg geben. Das hat sie geschafft. Ich habe mich immer als Jüdin verstanden, obwohl nach dem Tod meiner Mutter kaum Jüdisches in meinem Leben präsent war. Alles war wie erstarrt. Mein Vater hat sowieso keinen Zugang zu dem Thema, und erst vor ein paar Jahren habe ich mich meinen jüdischen Wurzeln wieder bewusst zugewandt.

Die jüdische Philosophie bietet viele Anknüpfungspunkte und neue Impulse für die queer‐feministische Bewegung. Das ist meine Kernthese, mit der ich politisch arbeite. Dinge zu hinterfragen, Schwarz‐Weiß‐Bilder aufzubrechen, das ist doch gleichermaßen der Kern von Queerness und Judentum.

Ich bezeichne mich als gläubig, aber nicht im konventionellen Sinn. Ich gehe selten in die Synagoge. Und wenn, dann in die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg oder in die Neue Synagoge in Mitte. In der Oranienburger Straße geht es mitunter chaotisch und etwas unruhiger zu, am Fraenkelufer kann ich mich fallen lassen. Es gibt dort einen guten Spirit. Eingetragenes Gemeindemitglied bin ich ganz bewusst nicht. Es gibt in Berlin viel zu viele Synagogengemeinden, in denen ich als Lesbe nicht willkommen bin.

ikea Generell sehe ich mein Jüdischsein nicht an eine religiöse oder institutionelle Praxis gebunden. Judentum ist für mich in erster Linie Kultur, Philosophie und Denktradition. Ein helles Licht, das mich meiner Familie und meiner Mutter näherbringt.

Nur als Religion verstanden, ist Judentum verschenktes Potenzial. Die religiösen Gebote befolge ich kaum. Ich esse kein Schwein, aber wenn ich bei einem großen schwedischen Möbelkonzern einkaufen gehe, kann ich an den dort angebotenen Hotdogs nicht vorbeigehen. Die sind so lecker! Und sie sind wahrscheinlich aus Schwein hergestellt. Egal. Ich mache das, wozu ich in diesem oder jenem Moment Lust habe.

Ich bezeichne mich gerne als Lesbe, ich finde dieses Wort großartig. Lesbe zu sein, ist für mich politisches Statement und identitätsstiftender Teil meines Lebens zugleich. Ich bin generell ein sehr politischer Mensch. Ich interviewe deutsch‐jüdisch‐lesbische Aktivistinnen und veröffentliche die Texte in Zeitschriften.

Ich habe angefangen, über jüdisch‐lesbische Themen zu forschen, weil es mir lange Zeit so schien, als ob ich die einzige lesbische Jüdin in Berlin sei. Das ist natürlich Quatsch. Inhaltlich beschäftige ich mich intensiv mit der feministischen Bewegung der 80er‐ und 90er‐Jahre in Westdeutschland und speziell mit dem jüdisch‐lesbischen Schabbeskreis.

heimat Das war eine Gruppe, die sich mit der Sichtbarkeit von Jüdinnen und Antisemitismus innerhalb der Frauen‐ und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik auseinandergesetzt hat. Meinen Blog habe ich ins Leben gerufen, weil das Internet ein idealer Weg ist, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Ich blogge über mein Leben als lesbische Jüdin in Berlin, aber auch über queere Lebensrealitäten und feministische Identität. Es ist dieser Mix aus Wissenschaft und Aktivismus, der mich reizt.

Berlin ist meine Heimat, und als Lesbe fühle ich mich hier sehr wohl. Weltweit gibt es – vielleicht mit Ausnahme von New York – keine queere Stadt, die gleichzeitig so viel jüdische Normalität zu bieten hat. Die Szene ist hier sehr vielfältig. Als Jüdin fühlt sich Berlin für mich trotz aller Internationalität irgendwie deutsch an. Ich weiß, dass mir viele an diesem Punkt widersprechen werden.

antisemitismus Vielleicht hängt meine Einschätzung auch damit zusammen, dass ich momentan in Lichtenberg wohne. Das ist ein erzkonservativer Ost‐Bezirk. Aber doch habe ich generell dieses Gefühl subtiler Bedrohung. Ich bin noch nie offen auf der Straße als Jüdin angefeindet worden, aber Antisemitismus ist ein präsentes Thema.

Als Kind in Baden‐Württemberg war ich immer mit dem Gedanken konfrontiert, dass es mich als Jüdin in Deutschland eigentlich gar nicht geben könne. Auf der anderen Seite war ich in der Schule immer die Expertin für die Schoa.

Ich habe also früh gelernt: In Deutschland kann ich als Jüdin nur mit Bezug auf den Nationalsozialismus existieren. Das ist beklemmend. Aus diesem Grund bin ich auch stets hin‐ und hergerissen, wenn es um Berlin geht. Aber ich wüsste auch nicht, wohin ich sonst gehen sollte. Tel Aviv kann Berlin nicht das Wasser reichen. Die queere Szene ist dort viel kleiner als hier. Tel Aviv ist vor allem schwul. Also werde ich wohl bleiben.

zukunft Ich führe quasi eine On‐Off‐Beziehung mit Berlin. Eigentlich weniger Off, aber gelegentlich denke ich schon ans Schlussmachen. Ich kann eigentlich weder mit der Stadt, noch kann ich ohne sie. Ich bin kein Fan von monogamen Beziehungen. Obwohl ich gerne ein Kind hätte. Manchmal zumindest. Heiraten muss ich nicht unbedingt, abgesehen davon, dass ich das in Deutschland gesetzlich sowieso nicht tun dürfte. Aber wenn ich heirate, dann nur wegen der Brautkleider. Die liebe ich nämlich genauso wie High Heels.

Es gibt zwei weitere gute Gründe, warum ich Berlin nicht verlassen möchte: zum einen meine Pudeldame Lola, die mit mir seit Kurzem in meinem Apartment wohnt. Zum anderen meine Abneigung gegenüber größeren Veränderungen. Ich bin keine Freundin von Reisen. Wenn ich eine Tour nicht von Beginn an durchplane, bin ich schnell überfordert. Jeder Mensch hat eben so seine Macken.
Ich bin zufrieden, wenn ich im Sommer mit Freundinnen an den See fahren kann. Ich möchte am liebsten so weitermachen wie bisher.

In ein paar Jahren sehe ich mich als Professorin an der Universität, die Seminare zu jüdisch‐feministischen Themen gibt. Und noch ein ganz wichtiges Zukunftsziel habe ich: Wenn meine Beinverletzung endlich verheilt ist, möchte ich wieder hohe Schuhe tragen können.

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