Poträt der Woche

»Ich mache das, was ich liebe«

»Man muss verantwortungsvoll mit den Geschichten der Menschen umgehen«: Emanuel Rotstein (37) lebt in München. Foto: Christian Rudnik

Poträt der Woche

»Ich mache das, was ich liebe«

Emanuel Rotstein arbeitet beim Fernsehen und mag die Magie des Augenblicks

von Katrin Diehl  29.11.2016 10:42 Uhr

Es sind diese magischen Momente, die mich morgens glücklich aufwachen lassen. Sie passieren unerwartet, zum Beispiel mitten in einem Interview. Man fragt, hört zu. Plötzlich kommt ein Satz, bei dem man schlagartig weiß: Das ist der O-Ton, um den wird sich der ganze Film drehen. Um so weit zu kommen, ist allerdings manchmal einiges an Fingerspitzengefühl gefragt. Man muss den Interviewpartnern helfen, ihre Gedanken zu sortieren, und versuchen, sie genau zu dem Punkt zu führen, um den es geht.

Voller Magie ist auch der Augenblick, in dem man die Sprachaufnahmen, den Text, mit dem Bild »verheiratet«: Man sitzt vor dem Monitor und sieht und hört, dass das, was man da gemacht hat, funktioniert. Auf einmal ist es Fernsehen.

Nine-to-five-job Das alles ist so erfüllend, dass ich noch nie das Bedürfnis nach einem geregelten Nine-to-five-Job gehabt habe. Mein Arbeitstag kennt weder einen Anfang noch ein Ende. Auf der anderen Seite habe ich nie das Gefühl, wirklich zu arbeiten. Mein Gehirn dreht sich einfach immer weiter und weiter. Ich habe, wo ich gehe und stehe, einen Notizblock in der Tasche, bin immer für eine neue Idee bereit, begleitet von dem guten Gefühl, dass ich genau das mache, was ich liebe.

Was für ein Privileg! Aus einem kleinen Einfall, geboren in den Büroräumen eines TV-Senders in der Münchner Maxvorstadt, kann etwas werden, worüber die Leute da draußen sprechen, was sie begeistert, woran sie sich reiben oder was sie manchmal auch verstört. Das ist großartig. Na ja, wenn der Film dann fertig ist, kann es schon zu dieser typischen postnatalen Depression kommen. Man spürt deutlich, da ist jetzt weg, was einen ganz lange und sehr intensiv beschäftigt hat.

Und am Ende dann das große Feuerwerk: Der Film wird in die Welt geschickt. Dieses Gefühl möchte man natürlich so schnell wie möglich wieder haben. Da ist es gut, dass sich oft aus einem Thema gleich das nächste ergibt, und dass ich jemand bin, der Beziehungen, die er einmal aufgebaut hat, nicht einfach hängen lässt.

vertrauen Bei »Die Befreier«, einer Dokumentation über die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau, stehen wir bis heute mit den Leuten in Verbindung. Wenn wir uns mal wieder mit den damals Befreiten und ihren Familien treffen, dann nennen wir das unseren »Dachau-Stammtisch«. Das hat schon etwas sehr Skurriles, finde ich.

Wir haben WhatsApp-Gruppen, und an den Feiertagen gehen natürlich E-Mails hin und her. Bei den im weitesten Sinne Holocaust-bezogenen Themen, aber auch beim Film Der elfte Tag, in dem die Überlebenden des Olympiaattentats von 1972 in München im Mittelpunkt stehen, hatte ich es schon etwas leichter, dadurch, dass ich jüdisch bin. Man bekommt da einen gewissen Vertrauensvorschuss, dem man gerecht werden muss. Die Menschen sind einem nahe, und man kann nicht einfach rein ins Thema und nach erledigter Arbeit wieder heraus. Allerdings ist das sowieso nicht meine Art.

Wenn ich aus meinem Gegenüber etwas tief Verborgenes »herauskehre«, dann hat das etwas von einem intimen Therapiegespräch. Ich muss verantwortungsvoll mit diesen Geschichten umgehen. Später, wenn alles im Kasten ist, sagen mir die Leute oft: »Wir haben dir da Dinge erzählt, die haben wir zuvor noch keinen Menschen wissen lassen.«

Geboren wurde ich 1979 in München. Ich bin traditionell jüdisch aufgewachsen, habe den jüdischen Kindergarten und die jüdische Grundschule besucht, die man damals fast als verlängerten Arm des Elternhauses bezeichnen konnte, denn wir waren dort nicht mehr als sieben Kinder. Wir waren die Nachkommen der Übriggebliebenen, spielten und lernten in einer schönen alten Villa. Alles, was mit Fernsehen und Film zu tun hatte, hat mich schon damals angezogen.

Nach dem Abitur wollte ich es erst einmal mit Jura probieren, habe dann aber schnell gemerkt, dass ich mich zwischen den Hunderten von Studenten, verschiedenen Burschenschaften und Kommilitonen mit Aktentaschen und Thermoskannen extrem fremd gefühlt habe. Ich habe im Unternehmen meines Bruders gearbeitet, um mir Geld für ein Studium in England zu verdienen. Die englischen Unis waren bekannt für ihre exzellenten Fernseh- und Filmkurse. So hat es mich im Jahr 2000 nach London an die University of Westminster verschlagen – eine wirklich gute Entscheidung.

profis Ich habe bei den Profis, die Fernsehen für BBC oder Channel 4 gemacht haben, gelernt. Die Wohnsituation war dafür weniger toll – ich bin in einer umgebauten Garage untergekommen, in die es hineingeregnet hat. Aber die Zeit am Campus war wunderbar. Zwischen den Professoren und uns gerade mal 30 Studenten aus aller Herren Länder fand ein großartiger Austausch statt. Wir waren voller Energie und Begeisterung. Ich habe mich zum Beispiel vor dem Sicherheitsmann versteckt, um auch nach Kursende weiterschreiben zu können.

Zurück nach München ging ich, weil meine damalige Freundin, meine heutige Frau, hier studierte. Mit meiner Auslandserfahrung kam ich bei dem Münchner Filmemacher Maurice Philip Remy unter, einem feinen Herrn im Maßanzug, immer mit Krawatte und einem Einstecktuch.
Die Zeit bei ihm war eine harte Schule. Wenn ich früher als drei Uhr morgens nach Hause gegangen bin, konnte ich auf die Frage gefasst sein, ob ich heute vielleicht Geburtstag hätte. Gleichzeitig war es vermutlich das Beste, was mir passieren konnte.

Philip hat ganz früh Vertrauen in mich gesetzt. Wir produzierten damals für die ARD Dimension PSI, eine erfolgreiche Mystery-Serie. Nach drei Wochen sagte er zu mir: »Du kannst doch Englisch, flieg nach Amerika und drehe Interviews.« Das habe ich getan. Später wurde ich Chefredakteur, blieb fast zehn Jahre bei Remy. Seit 2010 bin ich bei unserem Sender, der hauptsächlich Dokumentarisches zeigt, verantwortlich für Eigenproduktionen

familie Jede Arbeitswoche ist anders. Ein wenig Regelmäßigkeit bringen die Treffen mit meinem Team. Sonst besteht sie aus viel Lesen, Recherchieren, Schreiben, Gedanken sortieren, Ideen entwickeln – das kann ich übrigens überall, auch unter der Dusche oder wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin. Es ist wirklich eine Freude und Genugtuung zu sehen, wie sie hier in München in der jüdischen Gemeinschaft aufwachsen. Die beiden, zwei Jungs von vier und sieben Jahren, sind wie zwei Tasmanische Teufel.

Der Ältere fühlt sich übrigens gerade ziemlich für mein jüdisches Leben zuständig. Wir diskutieren viel. Er sagt dann Dinge wie: »Du machst ganz einfach, was du willst, Papa. Wenn du an Jom Kippur Schwein essen willst, ist das auch okay, Papa, ist wirklich okay – jeder ist für sich selbst verantwortlich.« Ich meinerseits mache meinen Kindern klar, dass es für mich das Wichtigste ist, seinen Mitmenschen Achtung entgegenzubringen.

Nach Israel reisen wir relativ oft, weil dort meine Schwiegereltern leben. Man kann da wunderbar Urlaub machen. Israel ist einfach ein cooles Land. Tel Aviv liegt am Puls der Zeit, so als hätten New York und Ibiza ein Kind bekommen. Wenn ich daran denke, wie anders alles in meiner Kindheit war: Eretz Israel war das Land von Hava Nagila, Falafelständen und nicht viel mehr. Alles war fahnenschwingend und einheitsliebend. Heute ist es ein topmodernes, hochtechnisiertes Land mit einer gespaltenen Seele, was man ständig merkt – in jedem Gespräch, mit jedem Atemzug. Es ist superkompliziert, einfache Antworten gibt es nicht. Natürlich interessiert mich immer auch, was die Fernsehmacher in Israel so treiben. Sie gehören zu den Top-Playern.

Wenn wir dann wieder nach München zurückkehren, schlägt einem viel Sattheit entgegen. Keiner hat den Drang, etwas zu verändern. Und dann weiß ich: München ist ein wunderbarer Ort für aufwachsende Kinder. Für mich ist es eher eine Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika.

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