Porträt der Woche

»Ich liebe die Unabhängigkeit«

»Wer frei über seine Arbeitszeit verfügen kann, entwickelt ungeahnte Fähigkeiten«: Noemi Staszewski (60) Foto: Chris Hartung

Porträt der Woche

»Ich liebe die Unabhängigkeit«

Noemi Staszewski ist Psychologin und arbeitet freiberuflich – aus Überzeugung

von Canan Topçu  26.05.2015 14:15 Uhr

Meinen Tag beginne ich immer mit einer Tasse Tee. Ich setze mich erst einmal in Ruhe hin, trinke Tee und lese entweder eine Tageszeitung oder surfe im Netz, um zu erfahren, was so passiert ist. Das ist auch schon alles an Regelmäßigkeit. Denn feste Strukturen und Zeiten sind nichts für mich: Ich habe einen unglaublichen Drang zu Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Wenn mir jemand quer kommt, dann möchte ich sagen können: »Mach deinen Kram alleine.« Daher habe ich immer auf Honorarbasis gearbeitet. Auch meiner derzeitigen Arbeit als Leiterin des Treffpunkts für Überlebende der Schoa und ihre Familien gehe ich als Honorarkraft nach. Das mache ich jetzt schon seit mehr als zwölf Jahren.

2002 habe ich dort die Leitung übernommen. Der Zeitpunkt passte, weil meine Kinder alle groß genug waren, sodass ich mehr arbeiten konnte. Es ist eigentlich eine Teilzeitstelle, die aber viel mehr meiner Zeit beansprucht. Wie das nun einmal so ist, wenn man sich mit der Arbeit identifiziert.

Es ist schwer, Grenzen zu setzen, gerade wenn man Empathie entwickelt zu den Menschen und sich verantwortlich fühlt. Es gibt Lebensgeschichten, die einem sehr unter die Haut gehen. Mein Vater überlebte, weil er noch rechtzeitig nach Schweden fliehen konnte; meine Mutter wiederum wurde in Böhmen versteckt. Kennengelernt haben sich beide während des Studiums in Berlin.

Jugend Ich wurde 1954 in Ost-Berlin geboren. Aufgewachsen bin ich aber in West-Berlin in einem bildungsbürgerlichen Milieu. Ich habe eine typische jüdische Sozialisation durchlaufen: Gemeinde, jüdisches Jugendzentrum, Zionistische Jugend. Ich habe dann auch in Berlin studiert – Islamwissenschaft, Psychologie und Sozialpädagogik.

Damals hatte ich den Traum, ein multikulturelles Jugendzentrum aufzubauen. Ich dachte: Meine eigene Geschichte und Religion kenne ich. Über das Christentum habe ich etwas in der Schule erfahren – ich ging nämlich in eine katholische Nonnenschule. Also studiere ich Islamwissenschaft! Meinen Abschluss habe ich aber dann in Psychologie und Sozialpädagogik gemacht und anschließend noch Zusatzausbildungen zu Psychodrama und Gestalttherapie angehängt.

Psychotherapeutisch gearbeitet habe ich zum Beispiel in der Praxis meines Mannes. Kennengelernt habe ich meinen Mann, der damals in Frankfurt lebte, 1970 über die Zionistische Jugend. Ich habe ihn dazu gebracht, dass er in Berlin studiert. Wir haben 1978 geheiratet und sind 1986 von Berlin nach Frankfurt umgezogen – da hatten wir schon unsere vier Kinder, die jetzt zwischen 29 und 35 Jahre alt sind. Unsere beiden jüngeren Kinder leben mittlerweile in Israel.

kinderbücher Anfang der 90er-Jahre fing ich an, bei der ZWST zu arbeiten. Ich habe zunächst das Pädagogische Zentrum geleitet, Seminare organisiert und Konzepte entwickelt für Lehrerfortbildungen – für die damals noch relativ überschaubare Landschaft jüdischer Schulen. Nach acht Jahren habe ich diese Tätigkeit aufgegeben, um mehr zu Hause sein zu können, weil eines unserer Kinder krank wurde.

Während der Zeit im Pädagogischen Zentrum habe ich zwei Kinderbücher geschrieben und war mehr als zehn Jahre – bis 2012 – Vorsitzende von Keren Hayesod in Frankfurt. Worauf ich hinaus will: Ich habe immer mehrere Sachen parallel zu meiner Arbeit gemacht.

Im Moment zum Beispiel schreibe ich eine wissenschaftliche Arbeit über die Konzepte der psychosozialen Versorgung von Überlebenden. Das hat zwar sehr viel mit meinem Alltagsjob zu tun, ist aber auch etwas anderes, weil es ein akademischer Zugang ist.

Parallel zu der Treffpunktleitung organisiere ich mit Doron Kiesel zusammen die Kongresse und Fortbildungen für Mitarbeiter von Zentren, die sich um Schoa-Überlebende kümmern. Es ist eher selten, dass Leute, die Fortbildungen organisieren, auch mit der Praxis zu tun haben. In meinem Fall ist es so, dass es eine Schnittstelle gibt zwischen Theorie und Praxis. Das finde ich sehr gut und wichtig. Viele Leute fragen mich, wie ich all das, was ich mache, hinbekomme. Ich denke, dass es wichtig ist, noch etwas zu tun, das nichts mit dem Job zu tun hat, um Distanz aufbauen zu können.

Ausgleich Ich bin nicht jemand, der jeden Tag Yoga oder Qigong macht oder ins Fitnessstudio geht. Das ist nicht mein Ding. Wenn ich merke, dass ich mal eine Pause brauche, dann nehme ich mir eine Auszeit und fahre ein paar Tage weg, ans Meer oder in die Berge. Ich bin gern draußen in der Natur. Wenn ich es schaffe, gehe ich ausgiebig spazieren oder walke. Außerdem fotografiere ich gerne, besuche Ausstellungen und Konzerte. Ich liebe Jazz, gehe aber auch gerne in Musicals. Letztens war ich in einem Konzert von Charles Aznavour: Mit seiner Musik bin ich aufgewachsen, weil meine Eltern ihn so gerne hörten.

Der Zusammenhalt in der Familie ist mir sehr wichtig, gerade weil sie so weit verstreut ist – Israel, USA, Freiburg, Hamburg und Berlin. Ich habe zwei Enkelkinder, die ich Gott sei Dank auch immer wieder sehen kann. Zu Festen kommt immer die ganze Familie zusammen, manchmal hier, manchmal in Israel und manchmal ganz woanders. Ich bin also immer wieder unterwegs, bei meinen Kindern oder Eltern.

flexibel Heutzutage kann man Berufliches ja relativ flexibel gestalten. Ich sitze auch mal abends oder nachts am Schreibtisch. Wann ich ins Büro gehe, hängt davon ab, was gerade ansteht. Wir haben im Treffpunkt Kernzeiten, weil wir ja auch erreichbar sein müssen. Ansonsten finde ich freie Zeiteinteilung wichtig, weil sie viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, selbst zu bestimmen, wie und wann sie ihre Arbeit erledigen, entwickeln sie ungeahnte Fähigkeiten. Enge und hierarchische Strukturen führen dazu, dass die Menschen nur das machen, was sie machen sollen. Das ist meine Erfahrung.

Ich bin viel mit Networking beschäftigt, bringe gerne Leute zusammen. Vorurteile und Vorbehalte bestimmten Gruppen gegenüber, Islamophobie und Antisemitismus, Rassismus und politisch motivierte Ablehnung von Menschen, egal welcher Couleur, hat meiner Ansicht nach viel mit Angst vor Begegnung und Unwissen über die Kultur der anderen zu tun. Ich denke, direkte Begegnung ist der beste Weg, Menschen dazu zu bringen, Dinge anders zu sehen und auch Informationen zu hinterfragen.

begegnungen Gelegenheiten für Begegnungen im Privaten haben wir oft am Wochenende. Es kommt selten vor, dass mein Mann und ich sonntags alleine frühstücken. Wir laden Freunde ein, um im kleineren Kreis ins Gespräch zu kommen. Abends kommen wir zwar oft auf Empfängen oder Veranstaltungen mit Freunden und Bekannten zusammen. Die Unterhaltungen laufen bei solchen Treffen aber anders ab als zu Hause. In einer kleineren Runde, gemeinsam am Tisch sitzend, kann ich eher über Persönliches sprechen und Beziehungen pflegen. Das ist mir wichtig.

Derzeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie es in den nächsten Jahren weitergehen wird. Bleibe ich hier? Gehe ich nach Israel? Ich denke aber nicht über den Lebensabend nach, sondern über die Frage, was ich beruflich machen könnte.

Ich habe Lust, die praktischen Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren gesammelt habe, auf wissenschaftlicher Ebene einzubringen. Ich weiß natürlich nicht, ob es in meinem Alter noch funktioniert. Ich bin 60 Jahre alt. Bisher jedoch habe ich alle meine Pläne umsetzen können. Mal schauen, ob es auch diesmal funktioniert.

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