Porträt der Woche

»Ich lebe mittendrin«

»In Deutschland Fuß zu fassen, war schwer – doch ein Unfall brachte mich zurück ins Leben«: Grigory Berstein (68) Foto: pr

Bloß nicht auffallen – das war das höchste Gebot meiner Kindheit. Keine Aufmerksamkeit zu erregen und sich nicht als Jude hervorzuheben, war meinen Eltern ungemein wichtig. Das hat mich sehr geprägt – nur ist es sehr schwierig, mit solch einer Zurückhaltung als Künstler Erfolg zu haben. Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, zwischen zwei Stühlen zu sitzen: Auf der einen Seite habe ich das Bedürfnis, mich zu zeigen und meine Kunst auszustellen. Auf der anderen Seite besteht der Wunsch, meine Gefühle für mich zu behalten und nicht als übermäßig begabt aufzufallen. Denn das fände ich unanständig.

Künstler zu werden, war meine eigene Entscheidung. Doch meine Eltern haben mich trotz ihrer Einstellung immer unterstützt – wahrscheinlich aus Liebe zu mir und weil sie mir vertraut haben.

jugend Wir waren eine typisch jüdische Familie. Meine Kindheit war glücklich, für mich war unser Innenleben paradiesisch – verglichen mit der Außenwelt.

Meine Eltern waren beide Ingenieure. Das war in der ehemaligen Sowjetunion absolut nichts Besonderes. So gehörten wir zur unteren Mittelschicht. Meine künstlerische Ausbildung begann auf dem Gymnasium.

An meiner Schule mit dem Schwerpunkt Kunst sah der Stundenplan es vor, dass immer einen halben Tag lang nur gemalt und gezeichnet wurde. Doch sehr viel Freigeist war hier, so wie überall in der Sowjetunion, nicht erwünscht. Es herrschte ein sehr akademisches Klima. Kunst musste sowjetisch und sozialistisch sein, um nicht zensiert zu werden. Selbst Realismus war schon verdächtig.

Wie bei jedem Bürger der Sowjetunion stand in meinem Pass auch meine Nationalität: Jude. Und Jude zu sein, das war damals ein großer Makel. An vielen Universitäten war man als Jude einfach unerwünscht. Ich konnte mir also nicht einfach aussuchen, wo ich studieren wollte.

Es gab nur einen Zweig, an dem man problemlos, auch als Jude, zugelassen wurde: Buchillustration. Und obwohl ich in diese Nische gedrängt wurde, gefielen mir das Studium und später die Arbeit als Buchillustrator sehr.

Beruf Während meiner Zeit an der Universität begann ich, in systemkritischen Kreisen zu verkehren. Meine Abneigung gegen die Sowjetunion hatte natürlich etwas mit ihrem Antisemitismus zu tun, aber nicht nur. Ich habe mich innerlich auch gegen das sozialistische Denken und die kommunistische Lüge gesträubt. Doch ich war kein politischer Dissident.

Ich versuche immer, meine Kräfte realistisch einzuschätzen. So wusste ich auch damals, dass ich nun einmal kein Politiker bin, sondern Künstler. Als solcher lebte ich in einer Art »inneren Emigration«.

Ich konnte meinen Beruf mit meiner Moral vereinbaren, weil ich als Buchillustrator für sehr klassische Literatur, wie etwa antike griechische Gedichte, zuständig war – nichts Sowjetisches also, aber auch nichts Kritisches. Ich sollte Bücher bebildern, mehr nicht. Für mich war das ein guter Kompromiss, und die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht.

Als Buchillustrator ist man der Vermittler zwischen dem Buchautor und seinen Lesern. Man muss die Leser mithilfe der Illustrationen locken, darf sie jedoch nicht vom Text ablenken. Darin war ich sehr gut und habe für große Verlage Bücher gestaltet. Aber meinem Wunsch, freier Künstler zu sein, konnte ich damals noch nicht nachgehen.

freiheit Doch sobald das System zu wackeln begann, sobald ich konnte, habe ich das Land verlassen. Ironischerweise hat es mir der Eintrag »Jude« im Pass ermöglicht, nach Deutschland zu kommen. Meine Situation war ähnlich wie die der armen Syrer heute. Ich verstehe diese Leute. Sie möchten sich aus ihrem schrecklichen Heimatland retten. So wie ich damals träumen sie jetzt von der Freiheit des Westens und vom Kapitalismus.

Vier Monate, nachdem ich nach Deutschland ausgewandert bin, kam meine heutige Ex-Frau mit meinem Sohn Viktor nach. Meine Frau stammt aus einer sehr gut situierten Moskauer Familie, und das neue Leben in Deutschland war sehr hart für sie. Die ersten Jahre der Immigration sind überhaupt die schwersten. Selbst wenn man vorher einen guten Job hatte, ist man in einem fremden Land plötzlich nichts außer arbeitslos, sprachlos und hilflos.

Letztendlich war das für meine Frau alles zu kompliziert, und sie ist mit meinem Sohn wieder zurück nach Moskau gezogen. Anfangs bin ich noch hin und her gependelt, aber jetzt fahre ich nur noch ein- bis zweimal im Jahr hin, um meinen Sohn zu besuchen. Er ist inzwischen 27 Jahre alt und ein eigener Mensch geworden. Zum Glück haben wir heute ein sehr gutes Verhältnis zueinander.

Menschen denken oft, für Künstler sei Immigration leichter als für andere. Aber ich hatte die gleichen Probleme wie viele. In der ehemaligen Sowjetunion war ich so etwas wie das Sprachrohr meiner Generation. Doch mit der Auswanderung nach Deutschland habe ich mein Publikum verloren. Als Künstler in Deutschland Fuß zu fassen, war sehr schwer. Besonders, weil ich zu Beginn mutlos und deprimiert war. Dabei verlangt die Kunst ein lebendiges Wesen.

urvertrauen Meine Rettung war, so komisch es klingen mag, ein Unfall, in den ich als Fahrradfahrer verwickelt war. Eine Woche lang musste ich im Krankenhaus bleiben. Diese Zeit habe ich genutzt, um nachzudenken. Das hat mich zurück ins Leben gebracht. Seitdem fühle ich mich in Deutschland sehr wohl. Ich lebe mittendrin, es wird nicht langweilig.

Die meiste Zeit verbringe ich natürlich in meinem Atelier und arbeite. Gerne besuche ich aber auch das Theater oder lese ein Buch. Manchmal gehe ich am Schabbat in die Synagoge, weil ich mich dort sehr wohl fühle. Ich spüre so etwas wie ein Urvertrauen gegenüber anderen Juden. Aber das ist schwer zu erklären, ein bisschen wie die Kunst. Man fragt sich immer: »Gibt es das wirklich oder nicht?« Letztendlich bin ich aber kein religiöser, sondern vielmehr ein Gott suchender Jude.

In den jüdischen Gemeinden gibt es viele Menschen, die wie ich aus der Sowjetunion hierhergekommen sind. Oft sehe ich, dass einige von ihnen nicht wirklich ankommen wollen. Das ärgert mich sehr. Wozu sind sie hergezogen, wenn sie sich nur nach ihrer alten Heimat sehnen und russisches Fernsehen gucken? Hier geht es nun einmal um diese Kultur, dieses Leben.

Ich kann ihr Desinteresse gar nicht nachvollziehen, denn für mich ist es unglaublich aufregend, die deutsche und auch die deutsch-jüdische Kultur kennenzulernen. Nur ihr Gefühl der Entwurzelung kann ich nachempfinden. Denn neben Entwurzelung sind auch Flucht, Immigration und Verlust immer wiederkehrende Themen meiner Werke. Das ist wahrscheinlich auch auf meine Familiengeschichte zurückzuführen.

kunst Meine Großeltern erlebten die Pogrome der 20er-Jahre in Kiew. Das muss schrecklich gewesen sein. Auf einem meiner Bilder sieht man meine Großeltern mit meiner Mutter nachts über die Dächer der Stadt laufen. Eine ukrainische Familie hatte ihnen Unterschlupf angeboten, und weil auf den Straßen bereits der Mob tobte, mussten sie über die Dächer fliehen.

Während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater Soldat an der Front. Er wurde zweimal verletzt, sein Bruder ist umgekommen. Nach ihm wurde ich später benannt. Persönlich habe ich bei Weitem nicht etwas so Dramatisches erlebt wie meine Eltern und Großeltern.

Aber auch die Erfahrungen der Sowjetunion und als Jude oft Mensch zweiter Klasse zu sein, haben mich geprägt und zu vielem inspiriert. So ist meine Kunst fast immer auch autobiografisch gefärbt.

Meine Ideen kommen mir einfach so. Auch wenn man mir bestimmte Themen vorgibt, versuche ich, sie ein wenig zu drehen und ihnen eine eigene Perspektive zu geben. Schlichter Ästhetik und bloßem Abstraktem vertraue ich nicht. Natürlich genieße ich diese Art von Kunst. Aber in meinen Werken brauche ich kleine Beweise, kleine Spuren meiner Erlebnisse.

www.grigory-berstein.de

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