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»Ich lebe diesen Roman«

»Literatur ist für mich ein Lebenselixier«: Marian Offman Foto: picture alliance / SZ Photo

Herr Offman, in Ihrem Roman »Jakov der Municher« geht es um eine Reise durch die Herzogtümer Bayern und Tirol des 13. Jahrhunderts, mit einer beeindruckenden Detailfülle. Gierige Wegelagerer, gemeine Fürsten, unberührte Landschaften und ein Verkehrschaos am Sendlinger Tor: Wie haben Sie sich auf die Beschreibung der damaligen Lebensumstände, der Landschaften, Kleidung und der anderen Nebenaspekte vorbereitet?
Ich habe mich dafür überhaupt nicht vorbereitet. Ich habe diese Aspekte so aufgeschrieben, wie sie in meiner Vorstellung waren. Einige Details, die ich benötigte, habe ich aus dem Internet geholt, nachdem ich sie dort sehr schnell gefunden hatte. Auch hatte ich noch ein altes Buch über München, in dem die Karte aus der damaligen Zeit zu sehen war, sodass man alles nachvollziehen konnte. Abgesehen davon ist alles in meiner Fantasie, in meiner Vorstellung passiert.

Jakov verliert in dem Roman seine gesamte Familie, die einem Pogrom zum Opfer fällt. Wie sah die Situation der Juden im 13. Jahrhundert in Bayern und Tirol beziehungsweise in München generell aus?
In München gab es 1285 das erste Judenpogrom. Die Stadt ist knapp 130 Jahre vorher gegründet worden, durch Heinrich den Löwen, und ist dann zu einer herzoglichen Stadt geworden. Dieses Judenpogrom ist bestätigt. Es geschah in der Synagoge in der damaligen Judengasse. Die Gasse wurde sofort umbenannt. Man kennt sogar heute noch die Namen derer, die dort umgekommen sind. Die Figur des Jakov habe ich erfunden. Das ist Fantasy, aber das Pogrom selbst nicht. Einige der Namen aus dem Pogrom habe ich in den Roman eingeflochten.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist es zunehmend gefährlich, sich als äußerlich erkennbarer Jude in der Öffentlichkeit zu bewegen. Der Judenhass ist zurück. Was hat sich diesbezüglich 800 Jahre nach der Zeit von Jakov dem Municher verändert?
Dieses Schicksal des Jakov, der seine gesamte Familie verloren hat, ist auch zum Teil mein Schicksal. Ich habe also einen Großteil meiner Familie väterlicherseits in Polen verloren. Es waren unzählige Verwandte, die ermordet wurden. Aus dieser Familie konnten sich nur mein gottseliger Vater und mein Onkel retten, der der Mann der Schwester meines Vaters war. Und dieses Gefühl, verlassen worden zu sein, spiegelt sich in dem Roman wider, ebenso wie dieses schlechte Gewissen. Warum darf ich leben – und warum die anderen nicht? Dieses Gefühl erleidet auch Jakov.

Welche historischen Parallelen müssen wir bei der Lektüre von »Jakov der Municher« generell ziehen?
Das Buch ist als Roman meiner Fantasie entsprungen. Zugleich ist es der Versuch, den Traum des Zusammenlebens darzustellen. Es gibt zwei Aspekte. Natürlich werden die Hauptfiguren verfolgt. Sie müssen Angst haben und fliehen vor der Herrschaft. Sie setzen sich für die Armen ein. Ich bin Sozialdemokrat, und dies ist auch etwas, das für mich wichtig ist. Außerdem wird eine bunte Familie beschrieben. Der Jude Jakov trifft den Juden Süßkind von Trimberg. Er ist übrigens eine in meinen Augen immens wichtige jüdische Figur des Mittelalters, der einzige jüdische Minnesänger. Ich zitiere im Buch aus seinen Liedern. Hinzu kommt: Ein Sinti-Mädchen wird gerettet, eine bunte Familie entsteht. Dies ist meine Vorstellung einer Gesellschaft, die bunt ist, wo alle auf Augenhöhe miteinander leben können. Am Ende ist ja der Witz an dem Ganzen, dass Jakov zurückkommt. Und sie brauchen ihn als Geldjuden, weil sie sonst ihre Geschäfte nicht abwickeln können. Genauso war es natürlich auch. Übrigens, diesen Rabbiner in Bozen, der ebenfalls Teil des Romans ist, hat es tatsächlich gegeben. Er findet sich im Internet sogar mit Bild. Ich habe versucht, historische Aspekte mit einzubauen, die es tatsächlich gab. Es gibt also viele Parallelen.

Ist »Jakov der Municher« ein historischer Liebesroman, der den Judenhass beleuchtet? Handelt es sich um einen mit dem Aspekt Liebe garnierten, historischen Roman über jüdisches Leben im 13. Jahrhundert? Oder sollte der jeweilige Leser die Genre-Schublade wählen, die ihm richtig erscheint?
In meinen Augen handelt es sich um eine Überlebensgeschichte einer jungen, bunten Familie auf der Flucht. Und diese Fluchtsituation ist ja etwas, das auch unsere heutige Zeit massiv bestimmt. Ich war 2015 jeden Tag am Münchner Hauptbahnhof, als die Geflüchteten ankamen, und habe viele junge Menschen aus Syrien getroffen. Ihnen habe ich gesagt, dass ich jüdisch bin, was sie überhaupt nicht interessiert hat. Diese jungen Familien auf der Flucht habe ich gesehen und mich für sie eingesetzt. Das ist ein Thema, das mich beschäftigt. Juden waren immer auf der Flucht. Vom Genre her ist »Jakov der Municher« ein historischer Roman, in dem das Thema Flucht im Mittelpunkt steht.

Wie viel Spaß hatten Sie beim Schreiben, und zu welcher Tageszeit haben Sie geschrieben?
Ich hatte viel Spaß. Meine beste Zeit zum Schreiben ist immer so ab 15 bis etwa 19 Uhr. Innerhalb dieser paar Stunden kann ich sehr viel schreiben.

Welche Bedeutung hat der Roman für Sie?
Ich lebe diesen Roman. Ich kann es nicht anders sagen. Oft verweilte ich in einer Parallelwelt. Immer, wenn mir die Dinge zu schwierig geworden sind, bin ich dort hin geflüchtet. Außerdem habe ich schon immer viel gelesen. Literatur ist für mich ein Lebenselixier. Also begab ich mich in diese Welt von Jakov. Dies ist mein zweiter Roman. Er ist für mich wirklich fast wie ein Gedicht, vom Anfang bis zum Ende. Ich freue mich über jeden, der diese Geschichte liest.

Mit dem Autor, der zugleich Beauftragter der Stadt München für den interreligiösen Dialog und SPD-Stadtrat ist, sprach Imanuel Marcus.

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