Porträt der Woche

»Ich hoffe immer auf Gutes«

Adi Gottlieb ist Produktdesigner und kam der Liebe wegen nach Deutschland

von Annette Kanis  03.07.2021 23:24 Uhr

»Ich möchte hier ein Teil der jüdischen Gemeinschaft sein«: Adi Gottlieb (33) lebt seit drei Jahren in Köln. Foto: Jörn Neumann

Adi Gottlieb ist Produktdesigner und kam der Liebe wegen nach Deutschland

von Annette Kanis  03.07.2021 23:24 Uhr

In Köln lebe ich seit August 2018, gemeinsam mit meiner Freundin. Sie kommt aus Mönchengladbach. Kennengelernt haben wir uns in einem kleinen Café in Tel Aviv. Sie war damals auf Reisen, hat sich in die Stadt verliebt und viele Menschen dort kennengelernt.

Sie ist Lehrerin und hatte die Idee, ein Austauschprogramm zu organisieren zwischen ihrer Schule in Köln und einer Schule in Tel Aviv. In der Bar, in der ich damals gearbeitet habe, kamen wir über Freunde in Kontakt. Wir wurden ein Paar, aber sie kehrte dann erst einmal nach Deutschland zurück.

Ich blieb in Israel, so hatten wir für eineinhalb Jahre eine Long-Distance-Beziehung und haben uns in regelmäßigen Abständen gegenseitig besucht. Vorher war ich noch nie in Deutschland gewesen. Dann entschied ich mich, nach Deutschland zu kommen. Wegen des Studiums und natürlich wegen Nicole, meiner Partnerin.

In Israel hatte ich Produktdesign studiert. Als ich nach Deutschland kam, wollte ich mein Studium fortsetzen, aber es hat leider nicht so ganz geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war eine für mich schwierige Deutschprüfung notwendig, die ich nicht bestanden habe. Deshalb habe ich mich entschieden, mein Selbststudium fortzusetzen und mich auf diese Weise fortzubilden. Ich habe viele Online-Kurse belegt, um meine Skills zu verbessern.

Meine erste Deutschprüfung habe ich nicht bestanden.

An Design mag ich die Technik und dass man mit den Händen arbeitet, also etwas zu kreieren, Dingen eine Form zu geben. Auch wenn es natürlich am Computer stattfindet, erschafft man etwas. Vom Stil mag ich ästhetische Klarheit, keine chaotische Designsprache. Das heißt: klar und nicht zu kompliziert. Gut finde ich, wenn man schnell versteht, wofür das Design steht, ohne viel erklären zu müssen.

CORONA Ich bin jetzt 33 Jahre alt. Natürlich gibt es auch schlechte, dunkle Zeiten, aber ich hoffe immer, dass etwas Gutes kommt. Zum Beispiel war ich für ein halbes Jahr wegen der Situation mit Corona arbeitslos und habe dann in einem Café in Köln gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich außerdem täglich 20 bis 30 E-Mails verschickt, um mich als Grafikdesigner zu bewerben. Es war superschwierig, aber ich war immer optimistisch und habe geglaubt, dass ich etwas finde. Viele Leute, bei denen ich mich beworben hatte, haben entweder gar nicht geantwortet oder eben ablehnend reagiert. Alle sind am Kämpfen, die Corona-Zeit hat es nicht einfacher gemacht.

Jetzt habe ich seit Anfang dieses Jahres eine supertolle Stelle als Designer in einer Marketing-Company für Vital- und Ernährungsstoffe. Hier entwerfe ich grafikbezogene Projekte wie Etiketten und kümmere mich um Backend und Frontend der Webseite, das heißt, um das äußere Erscheinungsbild des Internetauftritts sowie um das, was im Hintergrund abläuft.

Es war ein langer Prozess, aber ich fühle mich jetzt ziemlich gut. Und neben der Arbeit habe ich nun auch viele kleinere Projekte selbst gemacht mit einem eigenen 3D-Drucker. In meiner Freizeit arbeite ich nämlich gerne an meinen eigenen Projekten, die Design und Kunst verbinden, wie Illustrationen, Grafikprojekte.

Ein bisschen schwierig ist, dass ich die ganze Zeit vor dem Bildschirm sitze, bei der Arbeit und dann auch in der Freizeit. Als Ausgleich gehe ich gerne joggen und mache Yoga. In Tel Aviv hatte ich Bikram-Yoga angefangen, also Yoga-Unterricht in sehr warmer Umgebung. In der Corona-Zeit habe ich jetzt viele Online-Yogakurse mitgemacht. Und natürlich gehe ich mit meinem Hund spazieren, sehr oft.

FAMILIE Wegen der ganzen Situation mit Corona war ich sehr lange nicht zu Hause in Israel, um meine Familie zu besuchen, meine Eltern und meine drei Geschwister. Im September 2019 war ich das letzte Mal dort. Aufgrund der langen Zeit, in der ich meine Familie nicht mehr real gesehen habe, wurde das Heimweh zunehmend stärker. Es klingt komisch, aber als ich in Israel lebte, war ich nicht so religiös. Hier in Deutschland jedoch bin ich in den letzten Jahren dem Judentum und der Religion näher gekommen.

Im Moment gehöre ich nicht zur jüdischen Gemeinde in Köln, aber ich möchte trotzdem von Zeit zu Zeit die jüdischen Feiertage und Schabbat feiern. Vielleicht sogar ein Teil der israelischen Gemeinschaft hier sein. Wir haben jetzt vor einiger Zeit im privaten Rahmen mit einer kleinen Kiddusch-Feier angefangen. Dann laden wir einen Freund am Freitagabend ein, wir sitzen zusammen und machen das Gebet.

Kiddusch, das Schabbatessen, das ist für mich ein Teil von zu Hause. Die Gemeinde ist mir wichtig, und wenn ich eine Möglichkeit habe, würde ich gerne etwas für die Community, für die Gemeinschaft tun.

PODCAST Meine Freundin ist nicht jüdisch. Aber sie respektiert meine Entscheidung und meine Einstellungen und unterstützt mich sehr. Sie hat gesehen, dass ich ein bisschen meine Herkunft, mein Judentum, vermisse. Und sie ist selbst sehr interessiert am Judentum und möchte gerne mehr darüber erfahren.

Meine erste Verkleidung beim Kölner Karneval war sehr improvisiert.

Als Lehrerin macht sie viele Projekte, zum Beispiel einen Podcast über Bildung, Diskriminierungskritik und Identität mit dem Namen »Kleine Pause Podcast«, für den sie verschiedene Menschen interviewt. Sie ist sehr offen in ihrem Kopf. Jede Podcast-Folge hat einen Bezug zur Schule. Die nächste Folge beschäftigt sich mit Antisemitismus. Antisemitismus in der Schule. Wir tauschen uns viel über diese Themen aus.

Was ich an Köln mag? Ursprünglich komme ich ja aus einer kleinen Stadt im Süden von Israel, sie heißt Kiryat Gat. In Tel Aviv habe ich dann knapp sechs Jahre gelebt. Stadtleben gibt es jetzt auch in Köln, aber es ist schon anders als in Tel Aviv. Das fällt sehr an der Sprache auf. Was ich total anders finde: Hier in Köln sprechen die meisten Leute nur Deutsch, nicht so viele sprechen Englisch, wie das zum Beispiel in Berlin der Fall ist. Man muss also Deutsch lernen. Eigentlich finde ich das gut, weil mir das hilft, die Sprache wirklich zu lernen, auch wenn es schwierig ist.

KARNEVAL Und ich möchte gerne ein Teil der jüdischen Gemeinschaft hier sein. Ich fühle mich wohl hier und habe keine Angst, jüdisch zu sein. Außerdem mag ich an Köln den Karneval und seine Tradition, diese Zeit macht mir super Spaß. Es war bunt, zwar nicht wie bei Purim, da ist mehr der Bezug zu den Kindern. Aber auch im Karneval von Köln tragen alle Kostüme.

Meine erste Verkleidung war sehr improvisiert, eine spontane Mischung aus Ballerina, Mexikaner mit Poncho und Sombrero, vielleicht politisch nicht ganz korrekt. Bei meinem zweiten Karneval habe ich mich dann als die Künstlerin Frida Kahlo verkleidet. Ich freue mich schon auf den nächsten Karneval im nächsten Jahr, wo hoffentlich wieder gefeiert werden kann.

Mittlerweile fühle ich mich in Köln zu Hause.

Mittlerweile fühle ich mich in Köln zu Hause. Wenn alles in den vergangenen Monaten offen gewesen wäre, wäre es natürlich einfacher für mich gewesen, hier noch mehr anzukommen. Aber ich habe ein paar Freunde gefunden, das macht es ein bisschen leichter. Ich habe eine coole Wohnung mit einem Garten, einen Hund und bin in einer glücklichen Beziehung mit meiner Freundin. Ich habe einen Freundeskreis und einen Arbeitsplatz – ich kann sagen, ich habe keine Sorgen. Ich fühle mich gut und zu Hause.

Der Kontakt zu meiner Familie in Israel lief in den vergangenen Monaten vor allem über WhatsApp und Skype ab. Ich habe versucht, jede Woche anzurufen und mit meinen Eltern zu sprechen. Es ist schon ein bisschen schwierig in dieser Situation, aber sie haben jetzt schon etwas länger ihre Impfung bekommen. Das hat mich schon mal sehr entspannt, sodass ich mir keine Sorgen mehr machen musste.

feiertage Wir waren und sind immer noch eine traditionelle jüdische Familie. Wir haben die Feiertage zusammen gefeiert. Pessach war immer ein großes Fest mit allen Kindern, und die ganze Familie war da, Jom Kippur waren wir in der Synagoge.

Für die Zukunft wünsche ich mir erst einmal, ganz bald meine Familie in Israel besuchen zu können. Bislang hat das noch nicht geklappt, jetzt habe ich aber mittlerweile die erste Impfung gegen Corona bekommen, und bald steht die zweite Impfung an.

Ich plane, im Sommer und im Herbst nach Israel zu fliegen und alle wieder zu besuchen. Darauf freue ich mich. Es ist eine schöne Aussicht. Und ich bleibe optimistisch, dass es klappt.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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