Porträt der Woche

»Ich habe lange gehadert«

Margarita Maler studiert Jura und sitzt für die CDU im Bezirksparlament

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.06.2021 07:12 Uhr

»Schon als Jugendliche war ich eher konservativ eingestellt und war Mitbegründerin der Schüler-Union«: Margarita Maler (28) lebt in Bielefeld. Foto: privat

Margarita Maler studiert Jura und sitzt für die CDU im Bezirksparlament

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.06.2021 07:12 Uhr

Als ich in Paderborn aufgewachsen bin, in jener Stadt, in die ich im Alter von einem Jahr mit meinen Eltern aus Kasachstan gekommen bin, kannte ich kein einziges anderes jüdisches Kind. Allerdings habe ich mich damals selbst auch nicht als jüdisches Kind empfunden. Meine Eltern verstehen sich als Atheisten. Sie sind nun einmal im Kommunismus groß geworden. So bin also auch ich komplett ohne Religion aufgewachsen.

Im Gegensatz zu anderen Familien aus der damaligen Sowjetunion sind wir auch nicht als jüdische Kontingentflüchtlinge hierhergekommen. Da mein Vater aus einer mennonitischen Familie stammt, sind wir als Russlanddeutsche eingereist. Trotzdem spreche ich mit meinen Eltern bis heute zu Hause nicht Deutsch, sondern Russisch.

Lange Zeit habe ich mich nicht mit religiösen Fragen beschäftigt. Meine Eltern haben mich auf anderen Gebieten unglaublich gefördert. Ich habe Klavierspielen gelernt und hatte Ballettunterricht, das Reiten habe ich ausprobiert, und ich bin im Verein geschwommen. Dann bekam ich auch noch zusätzlichen Kunstunterricht und Nachhilfe in Mathe. Das war nämlich meine einzige Schwäche in der Schule, ansonsten hatte ich durchweg sehr gute Noten.

RELIGION Wenn ich das heute erzähle, fragen mich viele: Wann hattest du denn mal Freizeit? Aber als Kind hatte ich nie das Gefühl, überfordert zu sein. Ich weiß nicht, warum, aber so mit zwölf oder 13 Jahren fing ich auch noch an, mich mit Religion zu beschäftigen. Vielleicht, weil darüber zu Hause nie gesprochen wurde.

Mein Interesse galt allen Religionen: dem Christentum, dem Islam, dem Judentum, dem Hinduismus und dem Buddhismus. Dabei war ich gar nicht unbedingt auf irgendeiner Suche, sondern das geschah eher aus einem neutralen Interesse. Ich habe viel gelesen – auch den kompletten Koran und die Bücher der Tora. Einfach so, ohne jegliches Hintergrundwissen. Die Geschichten der Tora fand ich in ihrer Bildhaftigkeit sehr interessant. Besonders fasziniert hat mich die Geschichte von der sagenhaft reichen Königin Saba und ihrem Besuch bei König Salomon.

Wenn die Pandemie vorbei ist, hole ich meine Batmizwa nach.

Natürlich hat meine Mutter mitbekommen, dass ich mich mit religiösen Themen beschäftige, und sie hat dann ganz nebenbei erwähnt, dass ihre Großmutter, also meine Urgroßmutter, Jüdin gewesen sei. Sie kannte ihre Großeltern nicht, da sie sehr früh gestorben waren.

GROSSMUTTER Nun war ich neugierig und fragte meine Großmutter, die ja mit uns in Paderborn lebte und dort auch noch immer lebt. Ich bat sie, mir mehr von ihren Eltern zu erzählen. Da sie noch ein junges Mädchen gewesen ist, als sie starben, war sie in ein Kinderheim gekommen. Aber sie konnte sich noch an das jüdische Leben erinnern, das sie im Elternhaus erlebt hatte.

Sie erzählte mir, wie sie den Schabbat gefeiert hatten und auch die jüdischen Feste. Im sowjetischen Kinderheim war es damit natürlich vorbei. Fortan habe ich mein Interesse auf die jüdische Religion fokussiert. Vor allem habe ich auch einiges über das jüdische Gesetz, die Halacha, gelesen. So wurde mir bald klar, dass nach der mütterlichen Linie nicht nur meine Urgroßmutter, sondern auch deren Tochter, deren Enkelin und ich als Urenkelin jüdisch sind. Als ich meiner Mutter sagte, dass sie Jüdin sei, meinte sie nur: »Na, dann ist es eben so!«

Trotzdem war es für mich nicht so einfach, zu einer jüdischen Identität zu gelangen. Ich habe sehr lange mit mir gehadert. Trotz der Beschäftigung mit der Religion gab es eine Zeit, in der auch ich an keinen Gott geglaubt habe. Der Wendepunkt kam mit einem Buch des amerikanischen Rabbiners Harold Kushner mit dem Titel Wenn guten Menschen Böses widerfährt.

HIOB In der Zeit davor war ich an der Hiobs-Geschichte hängen geblieben und hatte mir die Frage gestellt, wie Gott es zulassen kann, dass so viele schlechte Dinge auf der Welt passieren. Rabbi Kushner hat das Buch seinem Sohn gewidmet, der gestorben ist. Der war mit einer Krankheit zur Welt gekommen, und es waren ihm von vornherein nicht viele Lebensjahre gegeben. Da hat sich also auch dieser Rabbiner, der ja ein religiöses Leben lebt und sich an die Gebote hält, die wir von Gott bekommen haben, die Frage gestellt, warum er dieses Schicksal erdulden muss.

Hin und wieder werde ich gefragt, wie ich als Jüdin in einer Partei sein kann, die das C für das Adjektiv christlich im Namen trägt.

Und er kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass wir es akzeptieren müssen, dass es einen Gott gibt, der aber nicht allmächtig ist, denn wenn er allmächtig wäre, hätte er eine perfekte Welt schaffen können. Und wir müssen akzeptieren, dass er nicht allwissend ist, denn wenn er allwissend wäre, dann wüsste er, wie eine perfekte Welt aussieht. Das ist etwas, womit ich leben kann, auch wenn es ganz sicher Menschen gibt, die das anders sehen.

Aber es ist für mich der beste Kompromiss zu akzeptieren, dass es Gott gibt und auf der Welt gleichzeitig Böses passiert. Denn anders kann ich mir das nicht erklären, warum Kinder sterben oder getötet werden. Ganz zu schweigen von der Schoa. Das, was ich da in dem Buch von Rabbiner Kushner gelesen habe, führte mich zu der Erkenntnis: Gott ist da, aber wir dürfen nicht zu viel verlangen.

POLITIK Ich war bereits 20 Jahre alt, als ich dieses Buch las, und ich lebte schon in Bielefeld, wo ich Jura studiere. Von diesem Moment an verstand ich mich nach eigenem Selbstverständnis als Jüdin.

Etwa zur gleichen Zeit, als ich mich damals mit Religion beschäftigte, begann auch mein Interesse für Politik. Ich habe mir die verschiedenen Parteien und ihre Programme genau angesehen. Da ich auch damals schon eher konservativ eingestellt war, bin ich mit 14 Jahren in die Junge Union und zwei Jahre später in die CDU eingetreten. In Paderborn war ich auch eine der Mitbegründerinnen der Schüler-Union.

Hin und wieder werde ich gefragt, wie ich als Jüdin in einer Partei sein kann, die das C für das Adjektiv christlich im Namen trägt. Nun gibt es ja auch andere Juden in der CDU. Die prominentesten darunter sind Michel Friedman, der sogar mal im Bundesvorstand saß, und Mike Samuel Delberg, der Social-Media-Manager der Partei. Die CDU steht für christliche Werte, die ja aber auch jüdische Werte sind – die Mizwa der Nächstenliebe zum Beispiel.

PERSPEKTIVE Seit sieben Jahren sitze ich nun als Vertreterin der CDU in der Bezirksvertretung des Bielefelder Stadtbezirks Gadderbaum. Hier mache ich seither Erfahrungen in den Niederungen der Kommunalpolitik. Da geht es dann um die Reparatur schadhafter Straßen bis hin zur Errichtung eines Kinderspielplatzes. Über die Parteigrenzen hinweg findet eine gute, praxisorientierte Zusammenarbeit statt, auch wenn wir uns natürlich nicht immer einig sind. Aber wir wohnen ja quasi nebeneinander, und wenn ein Kinderspielplatz gebaut werden soll, dann befürworten wir das.

Erst hier in Bielefeld bin ich vor fünf Jahren zum ersten Mal in einer Synagoge gewesen.

Perspektivisch kann ich mir ein politisches Engagement aber auch auf Landes-, wenn nicht gar auf Bundesebene vorstellen. Aber erst einmal muss ich mein Jura-Studium beenden. Praktische Erfahrungen mache ich hierfür als Schöffin beim Landgericht, wofür mich mein CDU-Ortsverband vorgeschlagen hat.

Auch wenn ich bisher noch keine sehr spektakulären Fälle erlebt habe, so ist mir schon klar geworden, dass es einen erheblichen Unterschied gibt zwischen der juristischen Theorie, wie man sie uns an der Uni lehrt, und der gerichtlichen Alltagspraxis.

SYNAGOGE Erst hier in Bielefeld bin ich vor fünf Jahren zum ersten Mal in einer Synagoge gewesen. Ich hatte ein Verlangen nach mehr jüdischem Leben und habe mich deshalb mit der Gemeindevorsitzenden Irith Michelsohn getroffen. Danach hatte ich ein längeres Gespräch mit Rabbiner Henry Brandt. Ich erzählte ihm von meiner familiären Situation, und er meinte, solche Fälle wie mich gebe es viele.

Als ich dann zum ersten Mal die Synagoge betrat, dachte ich: Ja, hier gehöre ich hin. Man hat mich unglaublich freundlich aufgenommen. Mein Vorteil ist natürlich, dass ich – wie die meisten in der Bielefelder Gemeinde – auch Russisch spreche. Seither besuche ich regelmäßig die Gottesdienste.

Zunächst war natürlich alles neu für mich. Aber nach dem Prinzip »Learning by doing« habe ich mir nach und nach das Wissen um die Liturgie angeeignet. Als nächstes Ziel strebe ich an, meine Batmizwa zu machen. Dafür aber warte ich das Ende der Corona-Pandemie ab.

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