Porträt der Woche

»Ich gehöre dazu«

Seit mehr als 20 Jahren Gemeindesekretärin: Ursula Ulbrich in der Erfurter Synagoge Foto: Pierre Kamin

Als Kind habe ich gemerkt, dass ich anders war als die anderen in meiner Klasse. Ich weiß nicht, woran ich das festmachen soll. Lag es am Humor? Aber den hätte ich vielleicht auch mitbekommen, wenn mein Vater kein Jude gewesen wäre. Und ich mochte kein Schweinefleisch. Aber das reicht nicht als Erklärung. Doch es gibt so viele kleine Dinge, die mir sagen: Ich gehöre dazu.

Seit einiger Zeit lerne ich für den Übertritt. Ich will nicht nur in meinem Fühlen, sondern ganz offiziell zur Gemeinde gehören. Leider bin ich nicht sprachbegabt und habe meine Mühe mit dem Hebräischen. Jetzt will ich die Gebete lernen. Ich möchte mich vor dem Rabbinatsgericht nicht blamieren.

Am liebsten würde ich in den nächsten Monaten den Übertritt bestehen, an Wissen mangelt es nicht. Aber ganz so schnell wird es nichts werden, ich muss noch ein bisschen mehr Geduld haben. Nun, es hat jetzt so lange gedauert, da kommt es auf ein paar Monate nicht mehr an. In der DDR hätte ich überhaupt keine Chance gehabt überzutreten – es gab ja keinen Rabbiner.

Meine Kinder wissen nicht, dass ich übertreten will. Vielleicht hätten sie Angst um mich. Ich finde, ich bin Jüdin. Meiner Meinung nach gehören auch »Vaterjuden« in die Gemeinden. Eines Tages wird es so kommen, da bin ich mir sicher – sonst sterben wir langsam aus. Ich möchte aber nicht so lange warten, bis eine Entscheidung zu den Vaterjuden kommt, ich will möglichst bald anerkannt sein.

Mutter Meine Kindheit war so, wie eine Kindheit sein soll: geprägt von viel Liebe. Ich wohnte mit Mutti, Kläre und Rudolf, die ich Tante und Onkel nannte, in einer Wohnung mitten im Grünen. Mutti war Haushälterin bei ihnen. Sie war mit ihnen von Breslau nach Erfurt gekommen. Bis 1945 hatte sie in einer Fleischerei gearbeitet und nachts heimlich für jüdische Nachbarn gekocht. Auch für Kläre und Rudolf. Das hat die drei verbunden.

Onkel Rudolf und Tante Kläre hatten offiziell keine Kinder. Aber wir lebten mit ihnen in der gemeinsamen Wohnung. Die Frauen haben sich ganz offenbar arrangiert. Ganz sicher haben sie sich auch mal gestritten, aber daran habe ich keine Erinnerung, vor mir haben sie das verborgen. Mutti hat die kranke Tante Kläre später sogar gepflegt.

Ich war schon verheiratet, als ich erfuhr, dass Onkel Rudolf mein Vater ist. Er war ein wunderbarer Vater. Ich sehe ihm ähnlich, sagen die Alten. Es ist komisch: Wenn ich mit anderen über ihn spreche, sage ich manchmal immer noch Onkel Rudolf, dabei bin ich doch so stolz darauf, dass er mein Vater ist. Er hat mich an die Hand genommen und ist mit mir in die Gemeinde gegangen. Manchmal hat er vor sich hingesummt; es waren Gebete. Das war für mich ganz normal.

Wir haben immer sowohl Weihnachten als auch Chanukka gefeiert. Und Tante Kläre hat jüdisch gekocht. Ich feiere immer noch beides, mit den Töchtern, den Enkeln und mit Mutti. Aber einen Weihnachtsbaum habe ich nicht mehr. Der Chanukkaleuchter ist mir wichtiger.

Ehe Ich war erst 18, als ich geheiratet habe. Heute sage ich, das war viel zu früh. Als ich schwanger wurde, meinte mein Vater, dass wir das Kind schon zusammen groß bekommen würden in der gemeinsamen Wohnung – obwohl er nicht mehr der Jüngste war. Ich glaube, in der Zeit meiner ersten Schwangerschaft habe ich erfahren, wer Onkel Rudolf wirklich ist. Das hat mir gefallen. Ich mochte ihn ja und hatte mich gut gefühlt, wenn er mich an die Hand nahm.

Meine Große war schon geboren, als er und meine Mutter so merkwürdig herumdrucksten, als sie einmal am Nachmittag aus der Stadt nach Hause kamen. Ich wunderte mich, was wohl mit ihnen los war. Sie waren schick angezogen und blickten irgendwie ganz feierlich. Tante Kläre war damals schon einige Zeit tot. »Wir haben geheiratet«, erzählten die beiden in einem Ton, als würden sie sich ein bisschen genieren. Ich aber fand es wunderbar! Mutter und Vater als Ehepaar. Warum sollte ich mir das nicht wünschen? Wir lebten doch als Familie zusammen.

Meine eigene Ehe ist kaputtgegangen. Wir waren wohl zu verschieden. Aber meine beiden Töchter sind mir geblieben und später auch die Enkel. Die Jungs sind heute 17 und 20. Wir wohnen alle in einem Haus, die Kinder, Mutti und ich. Natürlich nicht mehr in Teilwohnungen. In der DDR durften wir es als Hausbesitzer nicht selbst entscheiden, eine weitere Etage zu bewohnen. Niemals hätten wir freiwillig so dicht aufeinander gehockt! Auch die räumliche Enge hat meine Ehe belastet.

Arbeit Anfang 1989, da war die Wende noch nicht wirklich zu spüren, fragte mich die Sekretärin der Jüdischen Landesgemeinde, ob ich nicht Lust hätte, dort im Büro mitzuarbeiten. Ach, das hätte mich schon gereizt – aber die Bezahlung war schlecht, und ich war geschieden. Meine beiden Mädchen und ich brauchten Geld für das ganz normale Leben.

Eines Tages las ich in einer Westzeitschrift – jemand musste sie heimlich mitgebracht haben – mein Horoskop. An solchen Zauber habe ich zwar noch nie geglaubt, aber da muss jemand sehr gut auf mich aufgepasst haben, sodass ich mein Horoskop gelesen habe. Dort stand, dass mir eine berufliche Veränderung bevorstünde. Ich habe in mich hineingelächelt und mir gesagt: »Warum nicht?« Bis auf das wenige Geld sprach nichts dagegen.

Auf meiner alten Arbeitsstelle im Funkwerk, in der Mikroelektronik, saßen wir Anfang 1989 ohnehin nur noch da und strickten oder lasen. Die Entwicklung hatte die DDR überrannt. Über Arbeitslosigkeit habe ich damals zwar nicht nachgedacht – so etwas kannten wir in der DDR nicht –, aber vielleicht doch über einen Berufswechsel. Über eine Arbeit in der Jüdischen Landesgemeinde? So ein Zufall – plötzlich ging das nämlich doch! Dank der seligen Henny Guttentag. Sie hat die Hälfte ihrer Verfolgtenrente dafür abgegeben, dass ich dort im Büro arbeiten konnte, sie spendete quasi einen Teil meines Gehalts. Ein Wunder!

In den ersten Monaten habe ich das Archiv im Büro und im Keller durchforstet, in Heftern und Aktenordnern gelesen, mitgelitten. Es gab nicht viel zu tun, wir waren doch so wenige, nicht mal 20 Mitglieder.

Doch dann, 1990, kam die Wende auch in der Gemeinde an: Juden reisten aus allen Teilen der Sowjetunion ein. Plötzlich waren wir 100, 150, 200 ... Heute sind wir 800, was für ein Glück! Ich denke gern an diese irre, wilde Zeit. Ich bin nur herumgerannt: zu Behörden, zum Sozialamt, zum Arbeitsamt. Wir stellten sogar Leute ein. Endlich war Leben in der Gemeinde. Jetzt wird alles gut, habe ich damals gedacht.

Das denke ich heute nicht mehr, obwohl wir einen eigenen Rabbiner haben. Aber die Jugend bleibt weg. Sie ziehen der Arbeit hinterher, sind in München, Berlin und Leipzig. Ich habe Angst, dass es, wenn wir nicht mehr da sind, kein Gemeindeleben mehr geben wird. Unser Rabbiner will etwas dagegen unternehmen. Ich hoffe gegen allen Verstand, dass es gelingen wird.

Bald gehe ich in Rente, drei Jahre sind schnell vorbei. Aber ich denke nicht viel darüber nach, der Alltag hält mich in Bewegung: Zu Hause wartet Mutti, und mindestens einmal in der Woche besuche ich eine 87-jährige Freundin in einem Pflegeheim. Ich habe für sie die Vollmacht. Wir kennen uns seit Jahrzehnten. Manchmal ist sie sehr durcheinander, und dann wieder gibt es Tage, da erzählt sie sehr klar aus ihrem Leben. Sie ist die letzte Erfurter Schoa-Überlebende. Alle anderen kamen später nach Thüringen.

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