Interview

»Ich gehe offensiv mit meiner Religion um«

Herr Schlesinger, Sie waren bei der Demonstration gegen das Beschneidungsgesetz am 9. September auf dem Berliner Bebelplatz als Polizist im Einsatz und haben dabei Ihre Kippa getragen. Es gab viel Kritik mit Hinweis auf einen Verstoß gegen das Neutralitätsgesetz. Bereuen Sie das?
Nein, denn es hat sich aus der Situation heraus ergeben. Ich habe mich zu dieser Handlung hinreißen lassen.

Inwiefern?
Ich war als Verbindungsbeamter eingesetzt worden. Viele der Demonstranten waren Leute, die ich seit Jahrzehnten kenne und mit denen ich befreundet bin. Ein Journalist hatte mich offenbar beobachtet, wie ich mich mit etlichen freundschaftlich unterhalten hatte. Als ich hinter der Bühne stand und das Geschehen beobachtete, fragte er mich dann, ob ich auch Jude sei. Das bejahte ich. Daraufhin wollte er wissen, ob ich eine Kippa dabei hatte und sie mal eben aufsetzen könne.

Was Sie dann auch taten …
In dem Moment hielten plötzlich zehn oder mehr Fotografen ihre Kameras auf mich und fotografierten. Da wusste ich, dass das Kind nun in den Brunnen gefallen war. Jetzt hatte ich ein Dienstvergehen begangen. Daraufhin befestigte ich auch noch den Button »Haut ab! Kippa auf!« an meinem Hemd.

Würden Sie es wieder tun?
Natürlich nicht. Ich bin Polizeibeamter und will meinen Job ordentlich machen.

Was sagen Ihre Vorgesetzten?
Zwei Tage lang gab es Gespräche mit ihnen. Aber ich muss sagen, dass ich glaube, eine gewisse Sympathie bei ihnen gespürt zu haben. Alle Gespräche waren ausgesprochen fair und in angenehmer Atmosphäre. Ich bin immer offensiv mit meiner Religion umgegangen. In dieser Situation, nach dem Grass-Gedicht, dem Angriff auf Rabbiner Daniel Alter und der Beschneidungsdebatte ist bei mir der Privatmensch durchgekommen. Nun wird die Lage eruiert. Was da auch passiert, es läuft korrekt ab. Für meinen Regelverstoß stehe ich natürlich ein.

Bei der jüngsten Repräsentantenversammlung (RV) trugen sie auch Kippa. An dem Abend verabschiedeten die Mitglieder der RV einstimmig eine Resolution, die die Berliner Rechtspraxis zum Umgang mit Beschneidungen, die der Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) am selben Tag vorgestellt hatte, ablehnt. Waren Sie mit der Resolution zufrieden?
Nein. Die Formulierung »flagrante Einmischung« beispielsweise hat mir nicht gefallen, denn das heißt übersetzt ja nur »offenkundig«. Auch kritisierte und kritisiere ich noch immer, dass der Vorsitzende der Gemeinde es nicht geschafft hatte, eine diskussionsfähige Vorlage mitzubringen. Daraufhin mussten die Mitglieder der RV den Text erarbeiten, was zu nahezu endlosen Diskussionen führte. Auch ich hatte Vorschläge gemacht, die jedoch zu weiteren Diskussionen führten. Dennoch fand ich es wichtig, dass die Resolution einstimmig verabschiedet wird, deshalb habe ich dann auch meinen Antrag zurückgezogen.

Der Senator hat daraufhin die Mitglieder der RV zu einem Gespräch eingeladen. Was haben Sie ihm gesagt?
Gar nichts, denn die Einladung hat mich nicht erreicht, obwohl sie im RV-Büro eingegangen und an alle RV-Mitglieder adressiert war. In einer Nachrichtensendung im Fernsehen erfuhr ich erst von der Einladung. Daraufhin wandte ich mich an das Büro des Senators. Mittlerweile habe ich den Mail-Schriftverkehr und muss sagen, dass es ein Skandal ist, dass mir als Mitglied der RV die Einladung nicht weitergeleitet wurde. Das ist eine Entmündigung und Missachtung des Gemeindeparlaments, vielleicht sogar mehr. Statt mit den Mitgliedern der RV gab es wohl nur ein Gespräch mit dem Vorsitzenden.

Am Samstag haben Sie Ihre Kippa wieder aufgesetzt, diesmal beim sogenannten Flashmob. Warum beteiligten Sie sich an der Aktion?
Wir wollten zeigen, dass es hier in Deutschland möglich sein muss, sich mit Kippa, oder welchem religiösen Symbol auch immer, ungefährdet auf den Straßen zu bewegen. Insbesondere der Angriff auf Rabbiner Alter hat dazu geführt, dass ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung aktiv wurde. Diese »Flashmobs« finden nicht nur in Berlin statt. Das hat sich bereits zu einer bundesweiten Bewegung entwickelt, die von Berlin ausging. Sie finden in allen größeren Städten Deutschlands statt.

Es waren diesmal etwa 70 Interessierte dabei.
Bedauerlich ist nur, dass auch hier unsere Berliner Gemeindeführung ausgesprochen inaktiv ist. Ich habe bei der Veranstaltung auf dem Bebelplatz lediglich ein einziges Vorstandsmitglied gesehen. Ein Vorstand und ihr Vorsitzender müssten gerade in einer solchen Zeit den Gemeindemitgliedern Stärke und Selbstbewusstsein vermitteln und ihnen damit Halt geben.

Tuvia Schlesinger ist Polizeihauptkommissar, Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und des Rundfunkrates des RBB sowie früherer Vorsitzender des Sportvereins TuS Makkabi Berlin. Das Gespräch führte Christine Schmitt.

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