Dokumentation

»Ich bewundere Sie zutiefst«

Die Preisträger Ruth Gröne, Salomon Finkelstein und Henry Korman (v.l.) Foto: Georg Hafner

Erst haben sie geschwiegen, weil sie nicht mehr reden konnten. Dann haben sie geredet, weil sie nicht mehr schweigen konnten. Irgendwann werden sie wieder schweigen, weil sie nie mehr reden können.

Ruth Gröne, Salomon Finkelstein und Henry Korman haben geschwiegen, haben geredet, und werden erst schweigen, wenn sie nicht mehr reden können. Und das wird hoffentlich noch lange nicht der Fall sein. Dass Sie heute Abend mit dem Theodor‐Lessing‐Preis für aufklärerisches Handeln ausgezeichnet werden, ist eine Verbeugung vor Ihnen und ein tiefer Dank für das Reden. Der Preis ist eine Beschwörung, dass Sie bitte noch lange reden. Wir brauchen Sie!

Drei Preisträger in diesem Jahr, drei Überlebende der Schoa, drei, die Zeugnis ablegen, Zeitzeugen – wie man so beiläufig sagt – für eine Zeit, die immer weiter in der Geschichte verschwindet, unscharf zu werden droht, zu verschwimmen droht.

Barbarei Die drei heute zu Ehrenden haben sich gegen dieses Vergessen gestemmt, haben sich nicht geschont, haben die Wunden, die ihnen zugefügt wurden, nicht verheilen lassen, haben Zeugnis abgelegt von einer Barbarei, die so monströs war, dass sie alle Vorstellung sprengt und die Zweifler, die Leugner, die Verharmloser wieder aus den Löchern kriechen lässt. Sie bekommen, ich hätte es nicht für möglich gehalten, wieder Oberwasser und schämen sich nicht. Die Leugnung des Holocaust steht in diesem Land unter Strafe, aber am Paragrafen 130 des Strafgesetzbuches wird wieder fleißig gesägt. Früher war es das Hobby von glatzigen Neonazis, heute sitzen sie im Anzug und weißem Hemd wieder in deutschen Parlamenten und könnten unsere Nachbarn sein.

Björn Höcke zum Beispiel, Abgeordneter im Thüringer Landtag, gelernter Gymnasiallehrer für Sport und Geschichte. Er nennt die Erinnerungskultur in diesem Land eine »dämliche Bewältigungspolitik«; nicht besser Martin Renner, Spitzenkandidat in NRW, der ein Ende des »Schuldkults« fordert. Die Herren und andere fordern das Schweigen, sie wollen denen den Mund verbieten, die Zeugnis ablegen, wie die Preisträger des heutigen Abends. Das wird nicht gelingen. Wurden die Höckes noch vor Kurzem mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, füllen sie nun wieder Säle, Plätze, bekommen brausenden Beifall und werden gewählt, und alles wird mit erstaunlicher und befremdliche Gelassenheit hingenommen. Ist halt so, 70 Jahre nach der Schoa. Ich finde, es reicht.

Liebe Ruth Gröne, lieber Henry Korman, lieber Salomon Finkelstein, Sie haben Widerstand geleistet und den Mund aufgemacht, Sie haben sich nicht geschont, Sie haben ihren privaten Schmerz öffentlich gemacht, Sie haben den Nachgeborenen von ihrem Schrecken in der Jugend berichtet. Ich bewundere Sie dafür zutiefst.

Zeitzeugen Sie waren, Sie sind, Sie bleiben Zeitzeugen für eine Zeit, die Zeugen braucht, weil sie so unvorstellbar war. Die Verbrechen sind mittlerweile gewissenhaft dokumentiert, historisch eingeordnet und aufbereitet, es gibt Filme, ganze Videotheken. Und doch bleiben die Verbrechen unfassbar und sperren sich jedem Verstehen. Selbst die unmittelbaren Opfer dieser rasenden Barbarei fragen sich: »Ich werde nie verstehen, wie man aus normalen Menschen Mörder machen kann. Das werde ich nie verstehen und also ›dumm‹ sterben«, sagten Sie, Salomon Finkelstein, in einem Interview mit Schülern. Auschwitz sei einfach nicht darstellbar. Aber genau deshalb brauchen wir Zeitzeugen wie Sie, die bezeugen. Er habe sich mühsam an »den eigenen Schmerz herangewagt«, sagt Salomon Finkelstein und »bis heute komme ich mir vor, als stünde ich nackt vor den Menschen, wenn ich erzähle, wie ich verprügelt wurde«.

Aber warum haben sie so lange geschwiegen?

Bei den Tätern leuchtet das ein. Schweigen und hoffen, dass keiner fragt und irgendwie Gras drüber wächst. Das Schweigen war mächtig, vor Gericht genauso wie in den Familien und selbst vor dem eigenen Gewissen. Schweigen und sich tot stellen, das hat prima funktioniert. Die Mörder haben sich unauffällig in das Nachkriegsdeutschland eingefädelt, und die wenigsten haben sich erwischen lassen. Freilich, zu entkommen, das war nicht allzu schwierig, denn nach kaum einem wurde gesucht. Und auch das so naheliegende Gefühl der Schuld oder der Scham hat sie nicht heimgesucht. Keine Verfolgung, keine Albträume.

Ganz anders bei den Opfern. Sie konnten ihrer Geschichte nie entkommen. Ein »Schlussstrich« blieb ihnen verwehrt.

Doch warum haben sie so lange geschwiegen?

Albtraum Als Ruth Gröne 1945 in einem Asphaltstollen in Hannover‐Ahlem aus ihrem Albtraum aufwachte, als Henry Korman in einem Krankenbett des britischen Nothospitals in Bergen‐Belsen ahnte, dass er überlebt hatte, als Salomon Finkelstein in Hannover einen offiziellen Ausweis in Händen hatte, der ihm bescheinigte, Auschwitz, Nordhausen und Bergen‐Belsen hinter sich zu haben – mit Stempel und Unterschrift, da waren alle erst einmal nur dankbar, aber auch fassungslos. Sie hatten überlebt. Sie lebten tatsächlich. Aber wie?

Was anfangen mit diesem unverhofft wieder geschenkten Leben? »Ich war fast tot. Ich habe nicht mehr an das Leben geglaubt«, sagt Henry Korman heute, der die Befreiung durch britische Truppen wie in Trance erlebt hat, ungläubig, erstaunt, verwirrt. Und die bange Frage: Habe ich alleine überlebt? Wo sind die anderen? »Ich stand auf der Straße und wusste nicht wohin«, erinnert sich Salomon Finkelstein. »Nach rechts, nach links? Neben mir standen auch Menschen mit kleinen Koffern, sie wollten nur weg.«

Raus aus dem Land der Mörder ihrer Familien. Sie konnten sich nicht vorstellen, »auf einem Friedhof zu leben«, wie uns unser Freund Micki Gilead, Auschwitzüberlebender auch er, der später den Mörder seiner Familie, Adolf Eichmann, verhörte und an den Strang brachte, in vielen Gesprächen erzählt hat. »Ein Friedhof«, sagt er bis heute, »ist schön, mit Blumen und Vögeln, aber es bleibt ein Friedhof, und dort ist kein Leben für mich.« Nicht nur Deutschland ist für ihn ein einziger Friedhof, sondern ganz Europa.

Auch Henry Korman wollte nicht auf diesem Friedhof leben. Über Schweden geht er 1949 nach Amerika. 1955 wird er amerikanischer Staatsbürger, aber er bleibt irgendwie heimatlos, gehört nicht dazu. »In Europa hat man verbrannt und getötet, in Amerika ging man ins Kino«, erinnert er sich. Erst der Eichmann‐Prozess in Jerusalem hat nicht nur den Amerikanern die Augen geöffnet, sondern auch denen, die selbst verschont geblieben waren. Selbst in Israel wollten sie nicht hören, was die Überlebenden zu erzählen hatten.

Prozess 1958 findet der mittlerweile 38‐jährige Henry Korman die Kraft zum Reden über das, was er erlitten hat. Er kehrt zum ersten Mal zurück nach Deutschland, kommt nach Hannover, aber nur auf der Durchreise nach Israel, ein Zwischenstopp, unverbindlich und tastend. Kann man einem Land trauen, in dem knapp zehn Jahre nach Kriegsende schon wieder Nazis in sechs Landesparlamenten sitzen und ein Adolf von Thadden Abgeordneter im Niedersächsischen Landtag ist? Henry Korman ist vorsichtig. Als er in Hamburg Zeuge eines Prozesses gegen einen SS‐Sturmbannführer wurde, der trotz nachgewiesener Verbrechen mit einem lächerlichen Urteil davonkam, begriff er, wie wichtig es ist, Zeugnis abzulegen von dem, was war, was er durchgemacht hat.

1920 in Radom in Polen geboren und aufgewachsen, wird er 1941 von den Deutschen ins Ghetto gesperrt und rettet sich als »Rüstungsarbeiter« durch verschiedene Lager, bis aus dem 24‐Jährigen in Auschwitz eine Nummer wird: A‐19195. Ein Namenloser ohne Geschichte, ohne Würde, ohne Familie. Mutterseelenallein, wie man so sagt. Dabei ist seine Nummer eine Art Überlebensgarantie, sie bekommen nur die, die nicht gleich ins Gas geschickt werden. Er überlebt Auschwitz. Er überlebt Mauthausen. Er überlebt Bergen‐Belsen. »Tote, Tote, wohin man trat«, erinnert sich Henry Korman. Er überlebt, und sein Überleben ist ein Wunder. Und er findet seine Schwester Goldi wieder. Noch so ein Wunder.

Auch Salomon Finkelstein kann von Wundern erzählen. Auch er ist in Polen, in Lodz, geboren, zwei Jahre jünger als sein Freund Henry. Sein Leidensweg beginnt im Ghetto Lodz, wo er sich freiwillig zum Arbeitseinsatz meldet, zum Reichsautobahnbau. Er überlebt das Ghetto und die Sklavenarbeit. Von Lodz wird er nach Auschwitz deportiert. Er steht Josef Mengele gegenüber, der mit einer lässigen Daumenbewegung über Leben oder Tod entscheidet. Für Salomon entscheidet er – »Leben« – und macht ihn zur Nummer 142340. Salomon überlebt den Todesmarsch nach Nordhausen und die Arbeit im Lager Dora‐Mittelbau.

Er überlebt den zweiten Todesmarsch ins Lager Ravensbrück. Wieder ein Wunder. Aber in ihm hämmert wie in allen Davongekommenen die nie zu beantwortende Frage: »Wieso gerade ich und nicht die anderen?«. Niemand aus seiner Familie hatte überlebt. Das dachte er, bis 1978 noch ein Wunder geschieht: Salomon findet David, seinen jüngeren Bruder, er lebt in Israel. Seinen älteren Bruder Shmuel hat er nicht mehr gesehen. Als er 2005 erfuhr, dass auch er überlebt hatte, war es zu spät: Shmuel war erst 1996 in Russland gestorben, wohin er ausgewandert war, und weil auch er dachte, er sei der einzige Überlebende der Familie, hatte er die Suche aufgegeben.

Tätowierung Henry und Salomon sind sich 1959 in Hannover begegnet. Zwei Überlebende. Beide geben sich Trost, halten sich einander fest. Henry, ohne Familie, findet bei Salomon und seinen drei Töchtern eine neue Familie, sie sind wie Geschwister zueinander. Aber sie reden nur untereinander über das Wunder des Überlebens, selten bis nie mit den Kindern. »Natürlich war uns die Tätowierung auf seinem Arm aufgefallen, aber nicht nur unser Vater konnte nicht reden, wir konnten es auch nicht«, sagt Tochter Ilana. »Wir selbst versuchten, uns ein bisschen davor zu schützen, weil wir ja wussten, was unser Vater durchgemacht hat.«

Als für Henry und Salomon 1945 das Leben ganz langsam wieder angelaufen war und sie sich umsahen, sahen sie in den Familien ringsherum viele Opas und Omas, Geschwister und auch Väter und Mütter, nur bei ihnen war – Leere, nichts, Einsamkeit. Sie, die zerstörten Seelen, irrten durch ein zerstörtes Land, in dem sie nicht selten gefragt wurden: »Was macht ihr denn noch hier, wir dachten, ihr seid alle tot?«

Die Überlebenden kamen nicht selten in Wohnungen zurück, wo die neuen Besitzer die früheren Nachbarn waren und von ihren Tellern aßen und in ihren Betten schliefen. Sie waren nicht willkommen. Sie wüteten nicht. Sie schrien nicht. Sie schwiegen. Aber sie waren ein stummer Vorwurf. Eine schweigende Erinnerung an das Verbrechen und die deutsche Schuld. Aber die alten Klassenkameraden, die Nachbarn von früher, die Landsleute haben nur die Achseln gezuckt und gesagt: »Wir haben ja nichts gewusst.«

Ruth Gröne, damals Ruth Kleeberg, ist die jüngste der heute Ausgezeichneten. Es gibt ein Bild von ihr, da sitzt sie zu Füßen ihrer Eltern und Großeltern vor einem großen plüschigen Sofa. Frech und lebensfroh guckt sie den Fotografen an. 1940 war das, ein Jahr bevor alle in eines der 16 sogenannten Judenhäuser in Hannover mussten. Ruth war gerade eingeschult worden, als sie miterleben musste, wie die Gestapo Juden halb totschlug, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Denn sie zwangen Juden, Juden zu schlagen, bis zur Besinnungslosigkeit. Und das Kind Ruth musste zusehen. Sie sah mit an, wie Häftlinge gruppenweise, die Hände im Nacken, von ihren Bewachern in einer Hütte ermordet wurden, in einer Hütte, die eigentlich für Sukkot gedacht war.

Zusammenbruch Erst später stellte sich heraus, dass etwa 300 Menschen allein dort ermordet worden waren. Ruth erlebte mit, wie ihre geliebten Großeltern plötzlich fehlten, weil sie nach Riga deportiert worden waren. Sie erlebte den Zusammenbruch ihres Vaters, weil er seine Eltern nicht retten konnte, sie sah ihn hinter Gestapogittern und dann, wie er auf einem Lastwagen deportiert wurde, erst ins KZ Neuengamme und später nach Sandbostel, nördlich von Bremen, wo er an Typhus starb. Sie hat ihre Großeltern auf dem Sofa nie wieder gesehen, auch ihren Vater nicht, Erich Kleeberg. Als sie im Jahre 2000 für ihn in Sandbostel einen Gedenkstein setzen wollte, gab es ein beschämendes und unwürdiges Gezerre wegen der Inschrift: »Hannover – verfolgt, Neuengamme – deportiert, Sandbostel – ermordet«. Das werfe ein schlechtes Licht auf Sandbostel, wurde ihr beschieden. Aber wie kann ein Massenmord ein gutes Licht werfen?

Ruth Gröne hat sich durchgesetzt.

»Du musst das auch mal vergessen«, haben besorgt hin und wieder Menschen zu Ruth Gröne gesagt. »Gerne«, hat sie geantwortet: »Ich würde gerne vergessen, wenn du mir den Knopf zeigst, wo ich es abschalten kann.« Die Täter kennen den Knopf und haben ihn abgeschaltet, die Opfer werden ihn nie finden. Serach Taub war ein Kind, als er nach Auschwitz kam.

Zusammen mit seinem Zwillingsbruder überlebte er als sogenannter Mengele‐Zwilling. Als ich ihn kennenlernte, war er längst pensioniert und hatte nicht eine Nacht durchgeschlafen. Bis ins hohe Alter wachte er jeden Morgen um vier auf, die Zeit des Morgenappells in Auschwitz, als die Leichen der Nacht gezählt wurden. Auch er hat den Aus‐Schalter nicht gefunden und ist stattdessen in das Kinderzimmer gegangen und hat nachgesehen, ob seine Kinder noch schlafen und ob es ihnen gut geht. Die Täter haben alle durchgeschlafen.

Auch Serach und sein Bruder Itzhak wollten zunächst nicht reden. Sie haben lange überlegt, ob sie in unserem Film Der Tod lebt weiter – Die Kinder von Auschwitz und ihre Familien mitmachen. Und dann sprachen sie erstmals über Dinge, die sie selbst ihren Frauen und Kindern nie erzählt hatten. Zu schmerzhaft war das Erlebte, zu tief der Abgrund, in den sie hatten blicken müssen. So wie unsere Preisträger. »Zeugen des Unbezeugbaren«, wie sie Primo Levi einmal genannt hat, auch er ein Überlebender und ein sich selbst bis in den Selbstmord nicht schonender Augenzeuge.

Begegnungen Erst durch die Zeugnisse Primo Levis, durch die Gespräche mit Itzhak und Serach Taub und Micki Gilead, durch Begegnungen mit Überlebenden wie Ihnen habe ich angefangen zu ahnen, wozu Menschen fähig waren und sind, und was die Generation meiner Eltern verbrochen hat. Und seither weiß ich, dass »Es muss doch mal Schluss sein« nur sagen kann, wer noch nicht angefangen hat zu verstehen. Und dass es unser aller Aufgabe ist, zu reden, zu schreien, zu protestieren, wenn jene rotzfrech das Wort ergreifen, die die Erinnerung zum Schweigen bringen wollen.

Liebe Ruth Gröne, lieber Henry Korman, lieber Salomon Finkelstein, wir danken Ihnen für Ihr Reden. Wenn Sie dereinst nicht mehr reden werden, dann werden Sie trotzdem nicht schweigen, denn niemand stirbt ganz, an den man sich erinnert, und niemand schweigt für immer, den man zitiert.

Vielen Dank!

Die Schoa‐Überlebenden Ruth Gröne, Salomon Finkelstein
und Henry Korman sind am Montag in Hannover mit dem Theodor‐Lessing‐Preis der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft in Hannover ausgezeichnet worden. An dieser Stelle dokumentieren wir die Laudatio von Georg M. Hafner. Der Autor ist Journalist und Buchautor (»Israel ist an allem schuld«, 2015 mit Esther Schapira).

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