Porträt der Woche

Hoheit auf Zeit

In voller Montur: Stadtprinz Oliver I. von Rat und Tat Foto: Markus Proßwitz

Porträt der Woche

Hoheit auf Zeit

Oliver Althausen ist der erste jüdische Fasnachtsprinz von Mannheim

von Marion Treu  01.03.2011 10:37 Uhr

Solange ich zurückdenken kann, bin ich zur Fasnacht gegangen. Ich liebe das Verkleiden, die Stimmung der ausgelassenen Menschen, und ich kann auch herzlich über Büttenreden lachen. Als Kind ging ich am liebsten als Cowboy verkleidet. Mit Vorliebe habe ich dieses Kostüm zur Kinderfasnacht getragen, begleitet von meiner Schwester Rita als Prinzessin. Unsere Eltern haben diese Leidenschaft immer unterstützt. In diesem Jahr bin ich ein Prinz. Und zwar der einzige. Mannheims größte Karnevalsgesellschaft Feuerio hat mich zum Stadtprinzen ernannt und somit zum Fasnachtsprinzen der ganzen Kurpfalz gemacht. Eine wunderbare Ehre in einer Stadt, in der die Fasnacht eine große gesellschaftliche Rolle spielt.

Seit meiner Inthronisierung Mitte Januar bin ich gemeinsam mit Stadtprinzessin Manuela I. der oberste Repräsentant der Mannheimer Kampagne. Ich besuche die Prunksitzungen und Bälle der einzelnen Vereine, halte Empfänge bei Firmen ab, um dort den Menschen die Fasnacht und den Gedanken, der sich dahinter verbirgt, näherzubringen. Dass ich Jude bin und der Karneval eigentlich ein stark katholisch geprägter Brauch ist, hat dabei kaum eine Rolle gespielt.

Normalität Meine Schwester begleitet mich oft zu Veranstaltungen und trägt stolz meinen Orden. Auch aus der jüdischen Gemeinde habe ich nur positive Stimmen gehört, die mein Engagement loben und nicht kritisieren. Einige haben mir gesagt, dass sie es sehr schätzen, dass ich so etwas wie Normalität ins gesellschaftliche und soziale Leben bringe. Dieser Zuspruch ist mir ausgesprochen wichtig. Mein Platz in der Synagoge ist zwar nicht immer besetzt, trotzdem fühle ich mich der Gemeinde stark verbunden.

Bei den nichtjüdischen Mannheimern war weniger meine Religionszugehörigkeit als meine Körpergröße ein Thema. Ich bin ein Meter sechzig. Die Stadtprinzessin überragt mich um stolze 17 Zentimeter. Aber das stört mich nicht. Schon als Kind habe ich gelernt, mit meiner Körpergröße selbstbewusst umzugehen. Ich hatte Eltern, die sich sowohl im sozialen, kulturellen als auch im politischen Bereich engagierten. Sie waren Brückenbauer, die uns Kinder offen erzogen und wichtigere Werte vermittelten als Äußerlichkeiten.

Das sehe ich nicht als Selbstverständlichkeit an, denn meine Eltern sind beide Schoa-Überlebende. Mein Vater wurde 1919 geboren. Er durfte das Gymnasium in Worms »aus rassischen Gründen« nicht beenden, auch zur Kaufmannsprüfung wurde er nicht zugelassen. Nach der Pogromnacht 1938 siedelte er mit seinen Eltern und zwei Schwestern nach Mannheim um, von da wurde die ganze Familie im Oktober 1940 in das Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen gebracht. Drei Jahre später gelang ihm die Flucht nach Spanien, von dort schaffte er es dank amerikanischer Hilfe nach Israel.

Meine Mutter hat Auschwitz überlebt. Ihre Eltern und ihre Schwester wurden da ermordet. Meiner Mutter gelang die Flucht, aber sie wurde 1945 von polnischen Bauern an die Rote Armee ausgeliefert, die sie in ein Internierungslager in Odessa steckte. Gemeinsam mit ihrem Bruder emigrierte sie schließlich nach Palästina. Meinen Vater lernte sie in Haifa kennen. Trotz aller Schrecken, die sie in Deutschland erlebt hatten, kehrten sie 1951 zurück. Mein Vater trat eine Stelle im Personalamt der Mannheimer Stadtverwaltung an – eine berufliche Karriere, die auch mein Leben beeinflusst hat. Denn ich habe 1980 bei der Stadt eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten gemacht.

Aufgrund dieser Familiengeschichte weiß ich, dass es elementarere Dinge im Leben gibt als die Körpergröße. Ein Foto meiner Großmutter hängt im sogenannten Ort der Information unter dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Es zeigt, wie sie in Gurs im Hof des Lagers Essen zubereitet. Ich wusste lange nicht, dass dieses Foto in der Ausstellung hängt. Ein Kollege hat es vor einigen Jahren entdeckt und mir davon erzählt. Jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, schaue ich mir dieses Foto an und werde mir bewusst, wie viel Glück ich habe, überhaupt auf der Welt zu sein.

Dieses Leben genieße ich seit 47 Jahren in vollen Zügen. Ich liebe Musik von Shakira, ABBA und den Rolling Stones, schreie beim Fußball laut und mit Leidenschaft für meinen Lieblingsverein FC Bayern München und treffe mich gerne mit Freunden auf ein Glas Rotwein.

Leidenschaft Die Menschen in meinem Umfeld kennen meine Leidenschaft für die Fasnacht, und ich finde es sehr schön, immer wieder neue Leute kennenzulernen. Über 250 Veranstaltungen besuche ich mit der Prinzessin während der Kampagne. An manchen Tagen müssen wir schon morgens um neun Uhr im Kostüm auf der ersten Feier sein. Das ist manchmal auch anstrengend, es gehen viele Urlaubstage dafür drauf. Das stört mich aber nicht.

Ich bin seit drei Jahren Büroleiter des Bürgermeisters für Wirtschaft, Arbeit, Soziales und Kultur in Mannheim. Das ist ein großes Dezernat mit viel Verantwortung. Meine Tage sind meist nicht nach acht Stunden zu Ende. Es gibt Wochen, da reiht sich Sitzung an Sitzung, und ich verbringe viel mehr Zeit im Rathaus als zu Hause.

Zuvor habe ich 13 Jahre als Geschäftsführer der CDU-Gemeinderatsfraktion Mannheim gearbeitet. Das war eine sehr intensive und erfolgreiche Zeit, an die ich mich gern erinnere. Auch Parteimitglied bin ich geblieben. Aber meine neue Position war und ist eine echte Herausforderung für mich.

Mein Chef unterstützt mein Stadtprinzen-Dasein. Er hat mich zu meiner Inthronisierung begleitet und ist auch dabei, wenn es am »Schmutzigen Donnerstag« den traditionellen Prinzessinnenempfang im Rathaus gibt. Das wird für mich sicher ein sehr emotionaler Moment, denn eigentlich stand ich immer auf der anderen Seite, wenn die Fasnachter ins Rathaus einzogen. Oder ich war gar nicht in Mannheim, denn der Donnerstag gehörte für mich traditionell der Karnevalshochburg Köln.

Die letzten Jahre bin ich mit einem guten Freund morgens im Zug in die Domstadt gefahren und habe den ganzen Tag auf der Straße gefeiert. Die gute Laune und die vielen fantasievollen Kostüme haben mir jedes Mal das Herz geöffnet. Singen, feiern, küssen und ja, auch das ein oder andere Kölsch trinken, gehörte für mich dazu. Dass dieser Ausflug 2011 ausfällt, ist bisher der einzige Wermutstropfen in der Fasnachtskampagne. Ansonsten kann ich mich nicht beschweren, schließlich kam sogar Ministerpräsident Stefan Mappus zu meinem ersten Arbeitstag als Stadtprinz.

Lebensfreude Fasnacht ist für mich Lebensfreude, aber ich will während der närrischen Tage auch an die denken, denen es nicht so gut geht. Deshalb habe ich mir ein soziales Projekt gesucht, für das ich auf den verschiedenen Veranstaltungen Spenden sammle. Ich möchte gern die Kinder und Jugendlichen der ambulanten Palliativberatung von Diakonie und Caritas unterstützen.

Ich bin kein Familienvater, aber ich mag Kinder sehr. Ich habe mich an meinen Vater erinnert, der so gerne Brücken baute und für den alle Menschen gleich waren. Er arbeitete unermüdlich am Abbau von Vorurteilen und ist damit ein großes Vorbild für mich. Als er 2001 starb, war das ein schwerer Verlust für meine Schwester und mich. Ich glaube aber, dass er stolz darauf wäre, dass seine Stadt einen jüdischen Fasnachtsprinzen hat und niemand sich daran stößt. Und bestimmt wäre er auch stolz auf mich.

Aufgezeichnet von Marion Treu.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026