Bochum

Hilfestellung zum Heimatgefühl

Jetzt auch als Buch: Zeugnisse jüdischen Lebens in Bochum Foto: PR

Bochum

Hilfestellung zum Heimatgefühl

Die jüdische Geschichte der Stadt vom Anfang bis zum Holocaust lässt sich entlang eines Stelenwegs erfahren

von Michael Rosenkranz  06.08.2020 09:11 Uhr

Die Menschen im zertrümmerten Deutschland hatten 1945, nach dem einst von vielen zwar gutgeheißenen, nun aber verlorenen Weltkrieg, keinen Kopf dafür, nachzufragen, was mit dem Teil der Bevölkerung – mit ihren Nachbarn, mit ihren Mitschülern, mit ihren Kollegen, mit Mitgliedern ihrer Vereine – geschehen war, dessen Gotteshäuser 1938 brannten, dessen Geschäfte und Wohnungen verwüstet worden waren, der danach scheinbar plötzlich verschwunden war.

Man hatte ja angeblich nichts gesehen und nichts mitbekommen. Man musste jetzt erst einmal weiterleben und wiederaufbauen.

Zögerlich, und meist auf Privatinitiative hin, begann man, Gedenktafeln für die Verschwundenen an Häuserwänden anzubringen.

Das Bewusstwerden des Geschehenen kam erst später. Da war Deutschland bereits wiederaufgebaut. Wo vorher Synagogen standen, befanden sich jetzt Geschäfts- oder Wohnhäuser. Eine gewisse Betroffenheit stellte sich Zögerlich, und meist auf Privatinitiative hin, begann man, Gedenktafeln für die Verschwundenen an Häuserwänden anzubringen, oft mit der undeutlichen Aussage, dass hier etwas der Nazi-Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen war.

Erst langsam entwickelte sich eine Erinnerungsbereitschaft, die die menschlichen Opfer dieser Gewaltherrschaft – es war vorwiegend die jüdische Bevölkerung Deutschlands und Europas – jedoch auf ihr erlittenes Leid reduzierte. Sie ließ unerwähnt, welch reichen Anteil Juden an der Geistesgeschichte, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, am gesellschaftlichen Leben Deutschlands und Europas hatten.

Stadtakademie Diesen Mangel auszugleichen, machte sich seit den 80er-Jahren eine Gruppe engagierter Mitarbeiter und Freunde um den damaligen Leiter der Evangelischen Stadtakademie Bochum, Pfarrer Manfred Keller, zur Aufgabe. Sie entwickelte das Konzept eines Stelenwegs zur jüdischen Geschichte Bochums von den Anfängen der Gemeinde bis zu ihrem Untergang im Holocaust und von der Entstehung einer neuen Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu ihrer weiteren Entwicklung.

Über die Stadt verstreut, überall, wo in Bochum jüdisches Leben stattfand, wurden mannshohe Stelen aufgestellt.

Über die Stadt verstreut, überall, wo in Bochum jüdisches Leben stattfand, wurden mannshohe Stelen aufgestellt, untereinander verbunden durch einen gleichbleibenden, wiedererkennbaren grafischen Rahmen. Ihre Vorder- und Rückseiten erzählen vom religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Juden an dem jeweiligen Ort, ergänzt durch Zeitangaben und eine reiche Bebilderung.

Dokumentation Im Sommer 2019 brachte Manfred Keller nun ein Buch über diesen Stelenweg heraus, das die Geschichte der Juden in Bochum einerseits, die Entwicklung der Ausdrucksweisen der Erinnerungskultur andererseits und schließlich die Inhalte der Stelen in verdichteter und gut verständlicher Weise darstellt.

Das in diesem Buch Dargestellte ist problemlos auf ganz Deutschland übertragbar und macht das Buch auch überregional bedeutsam, nicht nur als Geschichtsbuch, sondern als Ideengeber für eine lebendige Erinnerungskultur, die zwei Ziele verfolgt. Einerseits will sie die nichtjüdischen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft ermutigen, Schuldbeladenes nicht aus der eigenen Geschichte zu verdrängen, sondern vielmehr in ehrlicher Auseinandersetzung die Grundlagen für Ursachenerkenntnis, Wiederholungsverhütung und ein verändertes Selbstverständnis zu legen.

Andererseits – und das ist gleichrangiges Ziel des Bochumer Stelenprojekts wie des vorliegenden Buches – möchte sie den zugewanderten Mitgliedern der jetzigen jüdischen Gemeinde helfen, am neuen Ort ein Zugehörigkeits- und Heimatgefühl zu entwickeln und Vertrauen zu gewinnen in die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland. Michael Rosenkranz

Manfred Keller: »Im jüdischen Bochum – Spurensuche auf dem Stelenweg«. Hrsg. von Ev. Stadtakademie Bochum. F.A. Gimmerthal, Bochum 2019, 113 S., 14,90 €

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Chemnitz

Ausstellung zum Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz

»Jetzt erst recht!«: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie erinnert an den mutigen Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz 1945

 18.05.2026

Magdeburg

Synagogen-Gemeinde weiht neue Torarolle ein

Große Freude in der Magdeburger Synagoge: Nach mehr als 30 Jahren des Spendensammelns erhält die jüdische Gemeinde eine neue Torarolle, die in Israel von einem spezialisierten Schreiber angefertigt wurde

 18.05.2026

Berlin

Er hat Traditionen neu gedeutet

Pavel Feinstein ist tot. Der Maler und Zeichner starb nach kurzer, schwerer Krankheit

 18.05.2026

Prozess

Urteil im Prozess gegen Dresdner Rabbiner erwartet

Dem Angeklagten werden Geldwäsche und Betrug vorgeworfen

 18.05.2026

Gedenken

Prägend für den Kunsthandel

Die Stadt München brachte in der Liebigstraße ein Erinnerungszeichen für den jüdischen Auktionator Hugo Helbing und seine Familie an

von Luis Gruhler  18.05.2026

München

»Jener Tag des Sieges hat uns die Freiheit geschenkt«

Zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus gedachte die IKG der jüdischen Soldaten in den alliierten Armeen

von Vivian Rosen  18.05.2026

Berlin

Ein Israeli erklärt Berlin

Tourguide: Der ehemalige Opernsänger Eyal Edelmann führt Landsleute durch die deutsche Hauptstadt

von Alicia Rust  17.05.2026

Brandenburg

Brandanschlag: Jüdische Gemeinden stellen sich hinter Büttner

Im Fall des Brandanschlags auf das Anwesen des brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten gibt es viele offene Fragen. Die örtliche jüdische Gemeinde solidarisiert sich mit Andreas Büttner

 15.05.2026