Solidarität

Verwöhnkampagne für Soldaten-Ehefrauen

»Meine Schwiegertochter ist eine tapfere Frau, die nun die Familie allein managt und anderen helfen möchte«: Rabbi Yechiel Brukner Foto: Constantin Graf Hoensbroech

Rabbiner Brukner, Sie unterstützen eine Spenden-Kampagne für Ehefrauen von Soldaten, die seit mehr als drei Monaten in Israel an der Front kämpfen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Durch meine Schwiegertochter Tamar. Sie lebt – wie alle meine Kinder und 24 Enkelkinder – in Israel. Noch am Abend des »Schwarzen Schabbats« wurde mein Sohn, der mit Tamar verheiratet ist, eingezogen. Am Anfang war er im Norden stationiert, und seit etwa sechs Wochen kämpft er im Gazastreifen gegen die Hamas. Er ist Kommandant eines Bataillons, dem etwa 400 Soldaten angehören, die ihm unterstehen. Somit hat er eine große Verantwortung. Meine Schwiegertochter war am »Schwarzen Schabbat« hochschwanger. Ende Oktober kam ihr siebtes Kind, ein Junge, auf die Welt. Aber mein Sohn konnte nur für einen »Sprung« vorbeikommen und musste dann wieder zurück. Sie war wieder allein mit ihren Kindern. Und das ist sie immer noch.

Musste sie auch die Brit Mila allein feiern?
Nein, die haben wir in der Militärbasis gefeiert, und zwar im Norden, in den Golanhöhen, wo er zu diesem Zeitpunkt noch stationiert war. Das war etwas ganz, ganz Besonderes und Erfreuliches. Meine Schwiegertochter ist eine tapfere Frau, die nun die Familie allein managt. Früher konnten sie zu zweit alles regeln und organisieren. Als mein Sohn im Norden stationiert war, konnte er noch einige wenige Male kurz nach Hause kommen. Inzwischen ist es nicht einmal mehr möglich, mit ihm zu reden. Etwa einmal in der Woche gibt es ein ganz kurzes Gespräch von einem anderen Handy aus. Das ist sein einziges Lebenszeichen. Vor ein paar Wochen hat Tamar entschieden, dass sie etwas für alle Frauen machen möchte, deren Männer eingezogen sind.

An was dachte sie?
Sie hatte verschiedene Ideen, die sich zum großen Teil leider nicht realisieren ließen. Beispielsweise wollte sie allen betroffenen Frauen ein Geschenkpaket mit beruhigenden Ölen zukommen lassen. Sie dachte, dass jeder Soldat eine Karte schreiben könnte. Das war jedoch viel zu kompliziert. Letztlich hat sie Mitstreiter gefunden, die sich in derselben Richtung engagieren und den Verein »Liba bae« gegründet haben. Das ist Aramäisch und bedeutet auf Deutsch so viel wie »Das Herz ist gefragt«. Zusammen haben sie eine Art Verwöhnkampagne organisiert. Es gibt in Israel die »Kedem Foundation«, deren Therapeuten und Psychologen sich auf Ehefrauen und Mütter von Soldaten, die sich in einer Krise befinden, spezialisiert hat.

Was kann man sich darunter genau vorstellen?
Verschiedene Angebote wie Berührungstherapie und psychologische Therapie. Und es entstehen Gemeinschaften. Dorthin kommen Frauen, deren Männer nun schon monatelang weg von zu Hause sind, weil sie einberufen wurden. Dann gibt es Frauen von Familien, die evakuiert worden sind, sei es aus dem Süden oder aus dem Norden. Und die dritte Gruppe sind Frauen von gefallenen Soldaten, die also eine Trauer in sich tragen und denen nun geholfen werden soll, mit dem Verlust umzugehen.

Das ist für alle eine schreckliche Situation. Inwiefern helfen solche Behandlungen?
Sie tun ihnen einfach gut. Die Frauen spüren, dass sie nicht allein sind. Sie können sich gegenseitig stärken. Tamar kümmert sich in erster Linie um die Frauen der Soldaten, die meinem Sohn unterstellt sind. Sie organisiert Treffen. Das stärkt natürlich die Gemeinschaft. Und sie haben WhatsApp-Gruppen.

Die Frauen sind sehr belastet. Kitas und die Schulen waren zwischendurch geschlossen. Ihre Schwiegertochter hat sieben Kinder zu Hause?
Ja. Meine andere Schwiegertochter betreut seit dem 7. Oktober elf Kinder allein. Am Anfang waren die Kinder sehr durcheinander. Und nicht immer wollen sie in die Schule oder zur Kita gehen. Für die Frauen ist es eine ganz, ganz schwere Zeit. Zuerst einmal deshalb, weil seelisch immer ein Druck da ist. Ja, man trägt die Sorge immer mit sich herum. Wie geht es meinem Mann, was ist mit ihm los? Und diese Angst vor einer schlechten Nachricht, die ist natürlich immer da. Tag und Nacht. Auch die Kinder haben diese inneren Befürchtungen, diese Unruhe, die natürlich auf vieles ausstrahlt im alltäglichen Leben. Einer der Enkel hat seine Mutter ganz offen gefragt: »Mama, wie ist es denn, wenn der Vater stirbt? Heiratest du dann wieder?« Das sind Fragen, die die Kinder beschäftigen. Sie sind ja sehr natürlich und direkt und wagen es manchmal, Dinge zu sagen, an die wir nicht zu denken wagen. Aber das zeigt nur, was ihnen alles durch den Kopf geht.

Und wie schaffen es die Frauen, den Kindern Sicherheit zu vermitteln?
Natürlich tun die Mütter alles, um ihre eigenen Ängste zu überwinden. Das ist ja der wichtigste Punkt. Und genau die enorme Belastung für die Frauen, seelisch und körperlich. Meine Schwiegertochter bekommt als Frau des Kommandanten von den anderen Frauen dieser Einheit viele Anfragen und Anrufe, die sie bitten, sie zu unterstützen. Das ist Wahnsinn. Aber sie bemüht sich auch, den Kindern die andere Seite zu vermitteln, dass wir stolz sind, dass unser Vater dort ist, dass er ein Held ist und kämpft. Und der Papa macht das ja, damit es uns allen besser geht. Damit wir alle sicherer sind und auch vor Feinden geschützt sind. Und dass die Bösen nicht weitermachen mit dem, was sie getan haben.

Mit dem Kölner Rabbiner sprach Christine Schmitt. Infos zu Spenden: y.brukner@gmail.com

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