Berufung

Herr der Rosen

Zwischen duftenden Blumen und Gießkanne ist Matei Meidler in seinem Element. Foto: Gregor Zielke

Dagegen kann er sich nicht wehren: Parks oder unberührte Natur ziehen Matei Meidler einfach an. Am allerliebsten mag er zwar »groß angelegte« Landschaften. Nun allerdings steht er in dem 80 Quadratmeter großen selbstgestalteten Garten seiner Tochter Sigalit Meidler und betrachtet liebevoll die dunkelroten, hellroten, weißen und cremefarbenen Rosenblüten. Die Gartenschere immer griffbereit, um kleine Arbeiten zu erledigen, schneidet der 74-Jährige verblühte Rosenblätter ab. Das sei wichtig, denn so gebe es im Spätsommer noch einmal eine Blüte. Würde er dies nicht tun, wüchse ein Samenknäuel – und die zweite Farbenpracht fiele aus.

Leidenschaft Matei Meidler muss es wissen, denn er ist Gärtner, Landschaftsarchitekt und -pfleger. Seit seinem 13. Lebensjahr von der Natur fasziniert, stand für ihn damals schon fest, diese Leidenschaft auch beruflich umsetzen zu wollen. Der Höhepunkt in seinem Berufsleben war deshalb auch die Mitarbeit in der Projektgruppe zur Ausweisung von Naturschutzgebieten in Brandenburg.

Seine Liebe ging so weit, dass er während der Woche im Speckgürtel Berlins unterwegs war, um die Natur vor Bauunternehmern und Immobilienmaklern zu schützen, und am Wochenende mit seiner Frau und den Kindern wieder in den Osten fuhr, um sie zu genießen und sich zu erholen. »Die Kinder haben zeitweise schon gemurrt und wollten nicht immer mit«, sagt er heute. Doch auch sie haben den Faible fürs Grüne geerbt. Und seine älteste Tochter hat das große Glück, eben diese 80 Quadratmeter Erde zu besitzen.

Meidler bricht einen vertrockneten Ast der Rose ab. So ein Garten mache schon Arbeit, aber er würde sie als Erholung empfinden. Der Rasen muss gemäht, die Bäume und Sträucher geschnitten, das Unkraut eingeschränkt werden. Außerdem muss man die Pflanzen in die Beete einbuddeln, bei Trockenheit gießen, im Herbst das Laub harken und als Kälteschutz über die Beete legen. »Für mich sind diese Arbeiten Entspannung – und dazu kommt noch die frische Luft.«

Seine Tochter, die erst in einer anderen Mietwohnung in der Nähe des Bayerischen Platzes wohnte, schaute immer herunter in den Garten. Garten? »Damals war das ein kranker Baum mit einer Baustelle, da das Haus saniert wurde und hier Zementmischer standen«, sagt Matei Meidler. Als die Wohnung mit Gartenzugang unten im Haus frei wurde, zog Sigalit Meidler-Waks dort ein.

Als alle Baugeräte weg waren, entwarf Vater Meidler seinen Plan: Jeder Zentimeter sollte schließlich optimal genutzt werden. Ganz unten Kräuter, Stauden und Bodendecker, darüber Himbeersträucher und über denen Spalierobst. »Da sind sogar in diesem Jahr Äpfel dran«, sagt er und zieht einen zarten Ast heran, um das grüne kleine Obst zu zeigen. Für Kinder sei es wichtig zu sehen, wie Obst und Gemüse heranwächst. »Heute ist alles in Folien oder Kartons verpackt – viele wissen gar nicht mehr, an welchen Bäumen oder Sträuchern es hängt.«

Jahreszeiten Sein Enkelsohn bekommt in diesem Garten nicht nur hautnah die Jahreszeiten mit, er kann dort auch Tu Bischwat und Sukkot feiern. Matei Meidlers Eltern haben vor der Schoa nur wenige Straßen weiter gelebt und studiert. Als die Nazis an die Macht kamen, flohen sie in ihre alte Heimat.

Dort, in Bukarest, ist auch Matei auf die Welt gekommen. Doch die Familie wurden in ihrem Versteck entdeckt. Alle mussten den gelben Stern tragen und kamen ins Ghetto Czernowitz. »Ich hatte eine Kindheit, die man keinem wünscht«, sagt der Rentner. Mit 13 kamen er und seine Mutter nach Israel. Sein Vater hatte nicht überlebt, etliche Verwandte ebenso. »In Israel bin ich wieder zu einem Menschen geworden.«

Er verbrachte die nächsten Jahre in einem Kibbuz, in dem Getreide und Oliven angebaut wurden, und wo es Kühe und Schafherden gab. »Es war um mich geschehen – und ich wusste, dass kein anderer Beruf als Gärtner mehr für mich in Frage kommt.« Er absolvierte eine dreijährige Lehre, ging zum Militär und zog in den Sechstagekrieg. Später leitete Meidler ein Gartenbauamt.

Aber er wollte sein Wissen noch vertiefen und plante ein Studium in Holland. Da seine Muttersprache aber Deutsch ist, studierte er Ende der 60er-Jahre neben Garten- und Landschaftsarchitektur auch Ökologische Landschaftspflege in Berlin und arbeitet wieder in einem Gartenbauamt.

Nach der Wende wandte er sich an Matthias Platzeck, den heutigen Ministerpräsidenten von Brandenburg. Meidler sorgte sich um die Grenzgrünstreifen und die brachliegenden Flächen um Berlin, denn er befürchtete, dass sie bebaut werden könnten, und wollte sie schützen. Nach mehr als einem Jahr hatte er die Zusage für die Mitarbeit in der Projektgruppe zur Ausweisung von Naturschutzgebieten. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 2002. »Ich wollte die Betonierung verhindern«, sagt er. Seine Feinde waren damals Immobilienhändler und die Baubranche. »Der Mensch vergisst durch sein urbanes Leben, dass er von der Natur abhängig ist«, sagt Meidler.

Fuchsien In jeder Stadt, in der Meidler unterwegs ist, besucht er Parks und Botanische Gärten. Selbst ist er bescheiden und kauft sich immer eine Jahreskarte für den Botanischen Garten. Sein Garten ist nun sein Balkon, auf dem er Fuchsien, eine seiner Lieblingspflanzen, in Blumenästen gesetzt hat. Dort, wo mehr Sonne hinkommt, hatte er schwarze Tomaten gezogen, die »geschmacklich sehr gut waren, aber der Ertrag war zu gering.«

Meidler besucht so oft es geht seine Tochter, deren Sohn – und natürlich auch deren Garten. »Ein Garten ist besser als ein Wohnzimmer, und damit er noch mehr zur Geltung kommt, lädt man am besten Freunde und Nachbarn zu einem gemeinsamen Essen ein.« Um mit frischen Kräutern zu würzen, brauche man nur seine Hand auszustrecken und zu pflücken, sagt der Gartenmeister, der seit Kurzem auch Dauergäste im Rosenspalier hat, denn dort haben sich Vögel ihr Nest gebaut. Begleitet von ihrem Zwitschern schneidet er dann doch noch eine Blüte ab – die aber nur für die Vase.

#2021JLID

Festjahr in der Verlängerung

Die Pandemie verhinderte einige Projekte, bis Juli sollen sie nachgeholt werden

von Ulrike von Hoensbroech  28.01.2022

#LastSeen

Der letzte Blick

Mit der mobilen Ausstellung wollen die Arolsen Archives auf ihre Suche nach Bildern von NS-Deportationen aufmerksam machen

von Miryam Gümbel  27.01.2022

München

Weiße Rose, Briefwechsel, Tagebücher

Meldungen aus der IKG

 27.01.2022

Nevatim

Zeit zu handeln

Junge Erwachsene aus verschiedenen europäischen Ländern sprachen über aktuelle Probleme und zukünftige Projekte

von Joshua Schultheis  27.01.2022

Dresden

Nur 212 Namen sind bekannt

Die Stadt gedenkt der Jüdinnen und Juden, die mit den ersten Deportationszügen nach Riga gebracht wurden

von Wolfram Nagel  27.01.2022

Yad Vashem

Kiel erinnert

Eine Aktion wendet sich gegen Hass und Ausgrenzung

von Hans-Ulrich Dillmann  27.01.2022

Begegnungen

»Wir können nicht mehr lange Zeitzeugen sein«

Der Jüdische Weltkongress lud 600 Jugendliche aus 30 Schulen zum Online-Gespräch mit Margot Friedländer ein

von Michael Thaidigsmann  27.01.2022

Berlin

Zentralrat der Juden fordert baldiges Demokratiefördergesetz

Josef Schuster: Das Gesetz ist nötig, um das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Antisemitismus zu fördern

 26.01.2022 Aktualisiert

Interview

»Jeder Zeitzeuge hat eine individuelle Geschichte«

Jugendliche erinnern an den Todesmarsch von David »Dugo« Leitner und essen Falafel – eine Aktion der ZWST

von Christine Schmitt  25.01.2022