Porträt der Woche

Herr der Ringe

»Kleinere Reparaturen und Größenanpassungen erledige ich selbst«: Maxim Kouperman Foto: Alexander Stein

Porträt der Woche

Herr der Ringe

Maxim Kouperman betreibt in Köln ein Geschäft mit israelischem Schmuck

von Alexander Stein  26.08.2013 18:43 Uhr

Seit fast vier Jahren verkaufe ich Schmuck. Meine Mutter hat gelacht, als ich ihr davon erzählte. Sie und mein Vater sind Ingenieure, und auch ich selbst hatte nie zuvor mit irgendetwas gehandelt, nicht einmal privat im Internet. Tatsächlich ist mir der Gedanke immer noch fremd. Eigentlich stelle ich lieber Dinge her. Als Kind habe ich viel mit »Constructor« gespielt, einem Baukasten mit gestanzten Metallschienen und Schrauben, der in der Ukraine sehr beliebt war.

Mein handwerkliches Geschick kommt mir jetzt zugute. Anfangs musste ich wegen jeder Änderung einen Goldschmied um Hilfe bitten, nun führe ich kleinere Reparaturen selbst aus. In meinem Geschäft »Tiljon« (hebräisch: Schmuckstück, Medaillon) führe ich Artikel von zehn israelischen Designern, klassische Ringe, Broschen und Ketten sowie günstige Ohrringe.

Ukraine In meiner Geburtsstadt Charkow in der Ukraine gab es zur Zeit der Sowjetunion etwa 60.000 Juden, die Synagoge aber war zu einem Sportzentrum umgebaut worden. Ich wusste zwar, dass ich Jude bin, aber das spielte keine Rolle. Niemand in meiner Familie ist religiös.

Beim Ziel einer möglichen Auswanderung kam neben den USA ebenso Israel in Betracht. Eines Tages kam ein Freund meines Onkels aus Israel und erzählte von der Jewish Agency in Charkow. Ich hörte heimlich mit, bewarb mich dort – und bestand die Prüfung.

So erreichte ich im Januar 1994 im Alter von 16 Jahren Israel – eine völlig andere Welt. Es war mehr als 30 Grad wärmer, alles war sauber und schön, ich war begeistert. Meine Stimmung jedoch schlug um, als ich das Internat mit seinen kahlen Zimmern sah. Zwar hatte ich mich glücklicherweise für das »säkulare« Wohnheim entschieden – ohne zu wissen, was das Wort bedeutet –, aber ein Zuhause, wie ich es kannte, hatte Tapeten oder wenigstens Bilder an den Wänden.

Aber ich blieb, lernte Hebräisch, ging zum Militär – ich war dort Elektriker für Transporthelikopter – und studierte danach Politikwissenschaft in Jerusalem. Ich wollte eine weitere Sprache lernen. Arabisch vielleicht? Mit meinem russischen Akzent würde ich nicht weit kommen. Dann also Französisch. Der Kurs war belegt. Vielleicht Deutsch? Das war möglich, ebenso eine Kulturreise in die Bundesrepublik: »Jüdisches Leben in Deutschland« – für 200 Euro. Also los!

Es gefiel mir so gut, dass ich nach meiner Rückkehr erneut den Koffer packte und nach Tübingen zog. Als ich meiner Mutter davon erzählte, lachte sie und sagte: »Vielleicht lernst du dort endlich Ordnung und Disziplin!« Familienintern hält sich ein weiteres Vorurteil: Die Deutschen seien gute Konditoren. Denn die Frau meines Großonkels – die einzige Deutsche, die wir kannten – buk ausgezeichnet Kuchen.

Eine Abneigung gegen Deutschland hat niemand von uns empfunden. Aber mein Großvater hielt nichts davon, dahin auszuwandern, er hatte als Offizier in der Roten Armee gegen Nazideutschland gekämpft. Doch vermochte er zu unterscheiden: Er hatte nichts gegen Deutsche – lediglich gegen Faschisten.

Wegen meines Akzents wurde ich an der Tübinger Uni oft nach meiner Herkunft gefragt. Meine Antwort lautete stets: Ich komme aus Israel. Einige dachten wohl, ich ginge jeden Tag in die Synagoge. Dabei gab es in Tübingen nicht einmal eine, nur eine Handvoll Israelis, die ihrerseits aber kein Bethaus vermissten. Die Frau eines Chemieprofessors veranstaltete an den Feiertagen israelische Abende, aber religiös war auch das nicht. Ich bin als Jude geboren, so ist das – aber dafür muss ich nicht beten.

Silber Zufällig spiegelt sich diese Ansicht auch in meinem Schaufenster wider. Schmuckstücke in Form religiöser Symbole führe ich kaum – mangels Nachfrage. Seit der Eröffnung des Ladens habe ich nur zwei Davidsterne verkauft. Manchmal suchen deutsche Kunden ein Geschenk für israelische Freunde; Juden kommen selten zu mir. Vielleicht erkenne ich sie aber nur nicht. Viele Kunden kommen von außerhalb, selbst aus Süddeutschland. Dann aber wegen teurer Stücke wie etwa Trauringe. Sie müssen sich allerdings mit Silberschmuck begnügen, denn aus Gold habe ich nichts. Ich mag es nicht sonderlich, höchstens kombiniert mit Silber. Mir geht es ums Design, nicht um das Metall. Das sehen die meisten meiner Kunden ähnlich – mit Ausnahme derer, die grundsätzlich nichts unter 24 Karat Gold zu tragen bereit sind.

Auch meiner Frau gefällt Silber besser. Und sie hat das letzte Wort. Denn das Geschäft war ihre Idee. Einige Jahre, bevor wir uns kennenlernten, hat sie sich während eines Besuchs in Tel Aviv auf dem dortigen Künstlermarkt in Silberringe mit aufgesetzten Steinen aus Kalt-Emaille verliebt. Später dann in mich. Aber die Ringe sind ihr trotzdem nicht aus dem Kopf gegangen. »In Israel gibt es so viel schönen Schmuck, den brauchen wir auch hier in Deutschland!«, sagte sie. Und schon stand ihr Plan.

Ich wollte zunächst nicht. Wenn wir schon etwas einführen, dann Ware, die es hier nicht gibt. Aber Schmuck gibt es fast an jeder Ecke. Deshalb wollte ich es zunächst nur mit einem Online-Shop versuchen. Außerdem waren wir beide berufstätig, meine Frau als Lektorin bei einem Reisebuchverlag, ich als Berater für die Israelsparte eines international operierenden Softwarekonzerns.

Kennengelernt haben wir uns per Annonce. Jedoch nicht über die Rubrik »Bekanntschaften«. Christina suchte einen Privatlehrer, um ihr Hebräisch zu verbessern. Was soll ich sagen – wir sind uns näher gekommen und heute haben wir eine zweijährige Tochter.

Eigentlich hatten wir vor, mit ihr die jüdischen und christlichen Feiertage zu begehen. Aber es klappt nicht, der Bezug fehlt. Weihnachten und Ostern fahren wir zwar zu den Eltern meiner Frau, religiös sind aber auch sie nicht. Aber wer weiß, vielleicht habe ich eines Tages eine Erleuchtung. Mich mit dem Laden selbstständig zu machen, war jedenfalls ein guter Anfang.

Marktlücke Die von uns ausgesuchten israelischen Preziosen bedienen offenbar eine Marktlücke. Meine Frau hat Recht behalten. So wie ihr gefällt vielen, dass der Schmuck nicht so blass ist wie hierzulande üblich, sondern eher orientalisch. Gemocht wird aber auch Vertrautes. Die Künstlerin, die uns Ringe aus Kalt-Emaille liefert, hatte nach einer Bestellung aus den USA einige Exemplare mit einem in Kunstharz eingelassenen Hirschbild auf Lager. Zwei Jahre hat sie vergeblich versucht, wenigstens einen davon in Tel Aviv zu verkaufen. In unserem Geschäft hingegen laufen sie prima. Wie auch die Schmuckstücke mit Steinen aus blauem römischen Glas. Ein Künstlerpaar verarbeitet antike Splitter aus israelischen Ausgrabungsstätten.

Die Römer in Israel sind eine traurige Geschichte, aber wenigstens bringen ihre Scherben einen gewissen Nutzen. Sie werden neben Israel auch in England geborgen, wobei die Designer behaupten, dass diejenigen aus israelischer Erde schöner seien.

Zurzeit suche ich ein neues Ladenlokal in Köln mit einem zusätzlichen Raum – um endlich eine Werkstatt zu haben. Ich bin zwar im Gegensatz zu meiner Frau nicht sonderlich kreativ, aber hoffentlich geschickt in der handwerklichen Umsetzung ihrer Entwürfe. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Manchmal traue ich mir mehr zu, als ich kann – bei meiner Frau ist es umgekehrt. Gemeinsam sollte es funktionieren.

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