Porträt der Woche

Helfer im Schichtdienst

Will später Medizin studieren: Konstantin Selyanski (21) Foto: Judith König

Einen geregelten Tagesablauf habe ich nicht. Auch keinen festen Wochenrhythmus. Das liegt daran, dass ich als Rettungsassistent im Schichtdienst arbeite. Mal beginnt mein Dienst morgens, dann nach ein paar Tagen auch mal mittags oder um 18 Uhr. Der Nachtdienst dauert bis morgens um 7 Uhr. Wenn es in der Nacht nur wenige Einsätze gab, dann gehe ich tagsüber nicht mehr ins Bett. Die Rettungswache ist ausgestattet mit Betten, Küche und Dusche.

Wenn es also in der Nacht ruhig war und ich nicht mehr schlafen muss, dann gehe ich nach dem Dienst zum Training und treffe mich später mit Freunden. Es ist aber schwierig, zu planen und sich zu verabreden. Denn ich weiß ja nicht, ob ich ausgeschlafen sein werde oder nicht. Auch für meine dienstfreien Tage mache ich ungern Termine. Weil ich es entspannt haben möchte. Trotzdem achte ich darauf, mir eine Struktur zu geben.

kochen Seitdem ich allein wohne, habe ich mehr Freiheiten. Es wird mir weniger aufgezwungen, ich kann meinen Tag selbst planen. Ich bin viel konsequenter geworden. Ich glaube, dass ich ein Mensch bin, der etwas nicht macht, wenn er merkt, dass andere es für ihn tun, sei es Kochen, sei es Putzen. Ich habe mich früher sehr auf meine Eltern verlassen, als ich noch bei ihnen wohnte. Deswegen haben sie gedacht, dass ich es nicht schaffen werde, allein zu leben. Meine Mutter konnte es sich absolut nicht vorstellen, dass ich kochen würde. Dabei tue ich das sehr gern, selbst für mich alleine, und experimentiere dabei. Ich koche fast nie ein Gericht zweimal.

Nach Frankfurt bin ich vor eineinhalb Jahren gekommen. Ich mag die großstädtische Atmosphäre hier. Wenn ich einkaufen muss, dann mache ich das gern am Nachmittag, wenn mehr los ist in der Innenstadt. Lebensmittel kaufe ich allerdings lieber morgens, wenn es in den Geschäften ruhiger zugeht.

Durch meine wechselnden Schichten kann ich es mir aussuchen, wann ich Besorgungen mache und auch, wann ich trainiere. Ich treibe jetzt sogar viel mehr und häufiger Sport als früher. Es ist aber so, dass ich mich wegen meiner Schichtdienste nicht an feste Trainingszeiten halten kann. Früher habe ich Kampfsport im Verein gemacht, ich war Ringer. Das geht jetzt nicht mehr. Deswegen habe ich mich in einem Fitness-Studio angemeldet.

Ich bin ein eher gemütlicher Mensch und treffe mich gerne mit meinen Freunden zum Reden. Ich habe zwei sehr gute. Sie sind, glaube ich, auch der Grund dafür, dass ich in Frankfurt bin. Mein bester Freund und ich sind Jazz-Liebhaber. Wir gehen manchmal zusammen in den Jazz-Keller.

Mit meinen anderen Freunden verabrede ich mich gern fürs Kino. Mir gefallen Filme mit viel Inhalt. Zuletzt habe ich den zweiten Teil von Wovon Männer träumen gesehen. Meine Freizeit verbringe ich zudem mit Lesen. Aber ich bin kein Freund von Romanen. Wenn etwas Fiktives, dann Detektivgeschichten. Vor allem aber mag ich naturwissenschaftliche Texte, etwa über die Geschichte der Chirurgie.

russland Inzwischen bin ich seit zehn Jahren in Deutschland. Meine Eltern hatten sich dazu entschlossen, Russland zu verlassen. Nun ja, als Zwölfjähriger hat man nicht viel mitzuentscheiden. Für mich war der Umzug ein Abenteuer. Ich bin darauf nicht vorbereitet worden, keiner hat mit mir darüber gesprochen. Ich habe es lediglich aus Gesprächen meiner Eltern aufgeschnappt.

Meinem Vater und meiner Mutter fällt es noch immer schwer, mit mir über manche Sachen zu reden. Kommunikation ist wirklich eine Kunst. Ich will meine Eltern deswegen gar nicht kritisieren, sie werden ihre Gründe dafür haben. Ich möchte aber versuchen, es besser zu machen.

Meine Heimatstadt heißt Brjansk. Mein Vater war dort Militärarzt. Und meine Mutter hat Musik unterrichtet. Irgendwann hieß es, dass wir nach Deutschland gehen. So ganz begreifen konnte ich das damals nicht. Ich habe einen älteren Bruder, der ist uns wegen seines Hochschulzugangs erst ein Jahr später gefolgt. Er studiert jetzt Informatik in Karlsruhe.

orangenbäumchen Wir sind im Dezember hier angekommen. Das Auto war, daran erinnere ich mich sehr gut, voll mit ganz vielen Kisten. Es war kalt, und ich habe gehofft, dass meine Pflanze die Fahrt durch den Winter überlebt. Von den Dingen, die ich aus Brjansk mitgenommen habe, ist sie das einzige Überbleibsel. Inzwischen ist das Orangenbäumchen, das ich als Zehnjähriger aus einem Kern gezüchtet hatte, mehr als einen Meter hoch.

In den zwei Wochen vor unserer Abreise bekam ich privaten Deutschunterricht. Das hat natürlich nicht gereicht. Ich hatte nur eine ungefähre Vorstellung von der Sprache, konnte sagen, wie ich heiße und woher ich komme. Ich wusste nicht, was mich in Deutschland erwarten würde. Ich war zuvor einmal hier gewesen, mit meinem Vater. Da muss ich etwa sieben Jahre alt gewesen sein. Ich glaube, es war eine Reise für Tschernobyl-Liquidatoren und ihre Kinder. Mein Vater hatte nach dem Atomunfall 1986 dort mitgeholfen. Hier in Deutschland kam ich in die Hauptschule und nahm jeden Tag am Förderunterricht teil. Nach einem halben Jahr konnte ich aufs Gymnasium wechseln.

Mein Wunsch ist es, Arzt zu werden. Weil mein Notendurchschnitt fürs Medizinstudium nicht ausreichte, habe ich gedacht, mache ich eine medizinische Ausbildung. Ich entschied mich für den Rettungssanitäter. Das dauert zwei Jahre. Ich bin beim Arbeiter-Samariter-Bund beschäftigt und bewerbe mich – auch im Ausland – um einen Studienplatz für Medizin.

Sonntags gehe ich ins Jugendzentrum der jüdischen Gemeinde, dort leite ich eine Gruppe von 13- bis 15-Jährigen. Wenn ich Tagdienst habe, muss ich es ausfallen lassen. Jüdisch zu sein, das war in Russland kein Thema für mich. Ich wusste, dass ich Jude bin, und auch andere wussten das. Ab und zu war ich mit meinen Eltern bei Festen in der Gemeinde. Aber eine Art jüdische Identität hat sich erst hier entwickelt.

Ferienlager Ich bin mit 13 oder 14 Jahren zum ersten Mal in einem jüdischen Ferienlager gewesen und fand das alles sehr interessant. Ich mochte das Singen und Tanzen, trug viel zur Stimmung bei. Das war, glaube ich, auch der Grund dafür, warum ich ein paar Jahre später gefragt wurde, ob ich nicht als Betreuer mit in ein Ferienlager fahren möchte. Mit 18 Jahren habe ich als Jugendleiter in der Wiesbadener Gemeinde angefangen, dann bin ich nach Frankfurt gewechselt.

Ich selbst bin aber nicht sehr religiös, mein bester Freund hingegen schon. Ich schließe nicht aus, dass ich diese Entwicklung irgendwann auch durchmachen werde. Aufzwingen möchte ich mir das aber nicht, es soll von innen kommen. Ich wünsche mir, dass meine Frau auch jüdisch ist.

Ich glaube, das wäre meiner Mutter sehr lieb. Und mein bester Freund wäre bestimmt sauer, wenn ich eine nichtjüdische Frau heiraten würde. Aber ich könnte damit leben, wenn ich eine Frau treffe, wir uns ineinander verlieben und ich mitbekomme, dass sie keine Jüdin ist. Eine Freundin habe ich nicht, ich möchte mich nicht so eng binden, weil ich ja nicht weiß, wo ich in einem Jahr sein werde.

Es gibt eine russische Redewendung: »Alles, was passiert, geschieht zum Guten!« Ich glaube daran. Auch wenn wir es nicht immer so sehen und verstehen, hat Gott einen Plan für uns, und alles hat seinen Sinn. Es findet sich für jede schwierige Situation ein Ausweg. Ich bin ein optimistischer Mensch, der zuversichtlich nach vorn blickt.

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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