Lesung

Heimat in der Grauzone

Rüttelt mit seinem Buch am »Denken in Schubladen«: Autor Dmitrij Belkin im Gespräch mit Hermann Simon Foto: Stephan Pramme

Es ist Dezember. Ein internationaler Reisebus fährt, aus Osteuropa kommend, durch das nächtliche Deutschland. Durch das Busfenster sehen die Fahrgäste adrette Fachwerkstädtchen, in denen auf den Fensterbänken Chanukkalichter leuchten. Diese Busfahrt hat im Jahr 1993 tatsächlich stattgefunden, wenn auch die Chanukkalichter sich für Dmitrij Belkin, einen jungen jüdischen Einwanderer aus dem ostukrainischen Dnepropetrowsk, später als Adventsbeleuchtung herausstellen sollten. Dieses und andere Erlebnisse beschreibt der Historiker in seinem Buch Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde, das er Mitte September im Berliner Centrum Judaicum vorstellte.

»Ein Muss« sei das Buch für jeden, »der die Russen in unseren jüdischen Gemeinden verstehen will«, findet der Historiker Hermann Simon, der im Gespräch mit Belkin durch den Abend leitete. Ein Buch, das »Zuschreibungen aufbricht«, was deutsch, was russisch und was jüdisch sei – so sieht es die Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Anja Siegemund.

Sowjetunion In diesen beiden Positionen liegt eine gewisse Spannung begründet, die sich durch den Abend zieht. Denn so sehr Dmitrij Belkin bemüht ist, ein Buch über »Germanija«, über Deutschland, zu präsentieren, so sehr steht doch zunächst die sowjetische Herkunft im Mittelpunkt der Diskussion, muss der Autor ausholen, um die Nationalitätenpolitik in der UdSSR zu erläutern.

Die »Selbstdefinition über das Ethnische«, in Deutschland absolut verpönt, wie Belkin bemerkt, spielte in der Sowjetunion im Anschluss an Lenin »eine positiv besetzte Rolle«. Und so fühlte sich der junge Belkin im Dnepropetrowsk der Perestroika-Jahre, umgeben von einem Milieu »spätsowjetisch-jüdischer Intellektueller«, mit einem jüdischen Vater wohl im ethnischen, nicht aber im religiösen Sinn als Jude.

Mehr noch: Bei den jungen Intellektuellen, die ihre sowjetische Heimat Ende der 80er-Jahre reformieren wollten, stand die Literatur der 20er-Jahre, standen Lenin, Bucharin und Trotzki wieder hoch im Kurs. »Wir wollten zurück zu diesen sozialistischen Ideen der 20er-Jahre«, so Belkin, »und da spielte das Judentum natürlich keine Rolle.«

ausreise Gleichzeitig entstand laut Belkin in der späten Sowjetunion, die Religion plötzlich nicht mehr unterdrückte, »ein riesiger religiöser Markt«. Wer in der Zeit des Zerfalls der Sowjetunion seine christlichen Wurzeln wiederentdecken wollte, so Belkin, konnte etwa Dostojewski oder Tolstoi lesen.

Für das Judentum boten sich weniger Anknüpfungspunkte. Doch plötzlich sollte sich der Nationalitätenvermerk im Ausweis als Glücksfall erweisen, denn der Eintrag »jüdisch«, der in der Sowjetunion mitunter zu Problemen führen konnte, erlaubte die Ausreise. Deutschland unterschied bei der Aufnahme nicht nach jüdischer Herkunft väterlicher- oder mütterlicherseits.

Und so packte Dmitrij Belkin einige Bücher und viel Kleidung in bunte Plastiktaschen, wie sie Migranten weltweit nutzen, und kam, wie er schreibt, »auf dem jüdischen Ticket« nach Deutschland, ohne selbst halachisch jüdisch zu sein. Bis Belkin den formellen Übertritt zum Judentum vollzog, sollten noch Jahre vergehen.

schubladen Germanija ist weder ein Loblied auf die neue Heimat noch eine Anklage. Man könne sich hier auf einem »guten mittleren Niveau einrichten«. Das klingt fast, als sei doch etwas dran an dem Vorurteil, das der Historiker an einer Stelle zitiert: Die religiösen unter den sowjetischen Juden seien nach Israel ausgewandert, die geschäftstüchtigsten in die USA und der Rest nach Deutschland. Belkin, nach eigenem Bekunden nur in einer Grauzone zwischen Zuschreibungen wie jüdisch, deutsch, russisch oder europäisch wirklich zu Hause, rüttelt an dem »Denken in Schubladen«. Ganz überwinden kann auch er es nicht.

Vielleicht ist dies aber auch erst die Aufgabe der nachfolgenden Generation. In diesem Sinne nutzte Jo Frank, Geschäftsführer des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, die Buchvorstellung zu einem Aufruf an seine Stipendiaten: Belkins Geschichte »noch viele weitere Geschichten hinzuzufügen, die von eurer neuen Welt berichten und Zeugnis ablegen von einer sich stetig weiter verändernden und pluralisierenden jüdischen Gemeinschaft«.

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026