Hamburg

Hanseatisch orthodox

Moshe Wolff Foto: Gesche-M. Cordes

Hamburg

Hanseatisch orthodox

Moshe Wolff stellte in seiner Geburtsstadt eigene Erinnerungen und die Lebensgeschichte seines Vaters vor

von Gabriela Fenyes  24.06.2014 08:34 Uhr

Im August 1938 verlässt die seit Jahrhunderten in Hamburg ansässige Familie Wolff ihre Heimatstadt. Walter Wolff (1887–1966), seine Frau Ena und drei ihrer fünf Kinder emigrieren nach New York. Franz Moshe Wolff (geboren 1921), der Zweitälteste, macht als überzeugter Zionist Alija. Kurz vor seinem Tod schreibt Walter Wolff seine Erinnerungen nieder. Sein Sohn Franz Moshe wird rund 50 Jahre später dadurch ermuntert, selbst seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Die Autobiografien von Vater und Sohn sind jetzt in einem Band mit dem Titel Das eigene Leben erzählen erschienen, herausgegeben von der Historikerin Linde Apel von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (FZH) in Hamburg. Es ist die Lebensgeschichte einer bürgerlichen Hamburger jüdischen Familie, orthodox und zionistisch geprägt. Vater Walter arbeitete im Finanzwesen, die Mutter engagierte sich kulturell und sozial, die Kinder besuchten die jüdische Schule. Schabbat und Feiertage wurden eingehalten, anders als bei der Mehrheit der jüdischen Deutschen, die weitgehend assimiliert lebten.

Suche Eindrucksvoll beschreibt Walter Wolff, weshalb er bei seiner Suche nach einem Ausbildungsplatz in den Handelskontoren scheiterte, in denen »fast jeder Hamburger Junge« unterkommen wollte: Sobald er darum bat, am Schabbat nicht arbeiten zu müssen, erhielt er eine Absage. Dank eines gut funktionierenden familiären und jüdischen Netzwerks fand er schließlich eine Stelle, die mit seiner religiösen Ausrichtung im Einklang stand.

Walter Wolff engagierte sich schon früh in zionistischen Organisationen.1923 fuhr er nach Eretz Israel, um zu prüfen, ob dort ein Leben möglich sei. Aber es kam nicht dazu, er gab seiner Frau nach, die nicht mit fünf Kindern ins rückständige Palästina auswandern wollte. 1933 endete jäh ein sorgloses, jüdisch geprägtes Leben in Hamburg. In Walter Wolffs Aufzeichnungen spürt man die Zäsur, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten für ihn, seine Familie und die Gemeinde bedeutete. Auch die schwierige Suche nach einem finanziellen Auskommen in der Emigration und seine wachsende Verzweiflung in den Straßen Manhattans beschreibt er schonungslos. Sein Geburtsland hat er nie wieder betreten.

Erst mit über 70 Jahren verwirklichte Walter Wolff seinen lang ersehnten Traum und zog mit seiner Frau von New York nach Nahariya in Israel, wo sein Sohn Franz, der sich nach seiner Ankunft in Palästina in Moshe umbenannt hatte, Landwirtschaft betrieb.

Während Walter Wolff mit seinem Bericht auch versuchte, den sozialen Bruch zu überwinden, den die Vertreibung aus Deutschland bedeutete, wollte der Sohn Moshe Wolff seinen Kindern und Enkeln aufzeigen, woher er kommt und wo auch ihre Wurzeln liegen. Moshe Wolff ist eine handfeste lebensbejahende Persönlichkeit, das spiegelt sich in seinen Lebenserinnerungen. Selbstbewusst ging er schon als Jugendlicher seinen Weg, immer mit dem Ziel, in Israel von der eigenen Arbeit auf eigenem Boden zu leben.

Alija So findet sich in dem Buch auch ein Foto seiner 1938 selbst geschreinerten Alija-Kiste. »Die Kiste habe ich immer noch, sie hat bis heute genau die von den Nazis vorgeschriebenen Maße.« Im selben Jahr musste er in Hamburg sein geliebtes Kanu und das Panther-Fahrrad, das er zur Barmizwa bekommen hatte, verkaufen. Von dem Erlös kaufte er sich eine gebrauchte Kamera.

Moshe Wolff hatte schon im Alter von 14 Jahren alles fotografiert, was ihm vor die Linse kam. In Eretz Israel machte er weiter: die Ankunft in Haifa 1938, Chaluzim und deren erste Dreschmaschine, Moshe in der britischen Armee, die Schlacht um Monte Cassino, seine eigene Farm und die ersten Rinder in Sde Ilan 1951 und natürlich seine Frau Karla.

Die reiche Bebilderung macht aus Moshe Wolffs Erinnerung ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument. Die Berichte von Vater und Sohn werden ergänzt durch Auszüge aus Interviews mit den jüngeren Brüdern von Moshe Wolff, die in den 90er-Jahren für die »Werkstatt der Erinnerung« der FZH gemacht wurden, deren Leiterin die Herausgeberin Linde Apel ist.

Anders als sein Vater ist Moshe Wolff mehrmals nach Hamburg zurückgekehrt, hat seine Geburtsstadt seinen Kindern gezeigt. Auch zur Buchvorstellung war der in-zwischen 92-Jährige mit Familienmitgliedern angereist. »Ich habe meine Erinne- rungen für meine Enkel aufgeschrieben, auch wenn sie kein Deutsch mehr sprechen. Aber vielleicht gibt es ja andere stellvertretende Enkel, die die Geschichte der Familie Wolff lesen möchten«, sagte er. Die gibt es bestimmt.

Walter und Moshe Wolff: »Das eigene Leben erzählen. Geschichte und Biografie von Hamburger Juden aus zwei Generationen«. Herausgegeben von Linde Apel. Wallstein, Göttingen 2014, 277 S, 24,90 €

Mainz

Fortschrittlich im Mittelalter

Eine sehenswerte neue Ausstellung im Landesmuseum widmet sich der Geschichte der Juden in Rheinland-Pfalz und der Bedeutung der SchUM-Städte

von Eugen El  24.01.2026

Deutschland

NS-Gedenkstätten verzeichnen mehr Störungen von rechts

Viele Gedenkstätten für NS-Opfer registrierten im vergangenen Jahr steigende Besuchszahlen. Allerdings nahmen antisemitische Vorfälle ebenfalls zu

 24.01.2026

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 23.01.2026

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

TV-Tipp

Doku über Margot Friedländer am Holocaust-Gedenktag - Gegen das Vergessen

Nicht nur für sechs Millionen Juden, sondern für alle unschuldig Ermordeten des Nazi-Regimes wollte Margot Friedländer immer als Überlebende des Holocaust sprechen - zum Beispiel in diesem bewegenden Dokumentarfilm

von Jan Lehr  22.01.2026

Deutschland

»Sie ist ein Teil von mir«

Dritte Generation: Wie gehen Enkelkinder mit den Überlebensgeschichten ihrer Großeltern während der Schoa um?

von Christine Schmitt  22.01.2026

Literatur

Positives Chaos

Die Schriftstellerin Mirna Funk stellte in München ihren neuen Roman »Balagan« über eine Familiengeschichte zwischen Berlin und Tel Aviv vor

von Helen Richter  22.01.2026

Berlin

Die Lehren der »Zöglinge«

Im Begegnungsort Jüdisches Waisenhaus treffen Jugendliche auf die Geschichte von Leslie Baruch Brent

von Sören Kittel  22.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 29. Januar

 21.01.2026