Berlin

Handjerystraße Nummer 86

Frisch gereinigt sind sie, die Stolpersteine in der Stier- und Handjerystraße in Schöneberg-Friedenau. Erst vor wenigen Tagen hatten Unbekannte zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen die zehn mal zehn Zentimeter großen Messingsteine mit schwarzer Lackfarbe bestrichen. Überwiegend Anwohner nahmen sich am vergangenen Wochenende Zeit, um sie zu säubern, sodass sie nun wieder glänzen.

Sogar nachts hatten die Anwohner nach dem ersten Vorfall Wache gehalten, um Schändungen der Gedenksteine für ermordete jüdische Nachbarn zu verhindern. Aber als diese Wache eingestellt wurde, kamen die Täter wieder. In der Stierstraße sind mehr als 50 Steine und eine Stolperschwelle vor dem Haus, in dem früher ein Gebetshaus eingerichtet war, verlegt.

Gedenkstunde Am gestrigen Montag kamen noch 15 Steine in der Handjerystraße dazu – einige waren bereits vor Jahren in das Pflaster eingefügt worden. Bei der Gedenkstunde in der Mensa der Friedrich-Bergius-Schule kamen neben der Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat, der Gesandte des Staates Israels, Emmanuel Nahshon, sowie Angehörige der deportierten Familien und viele Anwohner. Etliche Gäste mussten stehen, so groß war das Interesse an dieser Veranstaltung.

»Wir haben mit Schrecken feststellen müssen, dass die Stolpersteine in Friedenau geschändet worden sind«, sagte Flerida Regueira Cortizo von der Initiative Stolpersteine Handjerystraße bei ihrer Eröffnungsrede. »Doch Rassisten und Antisemiten haben in unserer Gesellschaft keinen Platz«, betonte sie.

Der Blick in die Vergangenheit sei unverzichtbar, er dürfe aber die Zukunft nicht verbauen. Deshalb hätte die Initiative Schüler gebeten, sich an der Aktion zu beteiligen. Die Schüler der Sekundarschule haben sich daraufhin mit den Biografien von 22 Nachbarn aus der Handjerystraße auseinandergesetzt und trugen diese auf der Bühne vor. Jeder Jugendliche steckte für einen Menschen eine Rose in die Vase. Nicht über jeden fand die Initiative, die erst vor einem Jahr gegründet wurde, viele Informationen. Auf Stellwänden wurden die Biografien der Familien ausgestellt.

Flucht Beispielsweise hatten Hanna, Herbert, Berta und Max Ert aus dem Haus Nummer 29 einen bekannten Großvater, Opa Leo, einer der besten Lebkuchenbäcker Berlins. Von Bruno Pasch, einem Bewohner der Nummer 86, weiß man, dass der damals 52-Jährige noch versuchte, nach Belgien zu fliehen. Am 4. Januar 1942 wurde er verhaftet, kurz darauf im KZ Sachsenhausen umgebracht.

Noch mehr hat die Initiative über Hildegard Kruschke aus der Nummer 37 herausgefunden. Die junge Frau wollte mit ihrem Mann nach Amerika fliehen und hatte schon eine Anzahlung von 1000 Reichsmark für die Schiffspassage gezahlt. Doch sie kamen nicht mehr weg, sondern wurden nach Auschwitz gebracht. Zusammengestellt haben die Mitglieder der Initiative alle Schicksale in einer 70-seitigen Broschüre.

Eine Stolperschwelle wurde in Erinnerung an das Haus der Gossener Mission verlegt, wo die Juden von 1939 bis 1945 Zuflucht und Zuspruch gefunden hatten. »Menschen haben ihr Leben riskiert, um Leute zu beschützen«, so Flerida Regueira Cortizo.

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