Schwäbisch Gmünd

Händel um Händedruck

Der Schuldige war schnell gefunden: Angeblich soll der württembergische Landesrabbiner Netanel Wurmser die »ansonsten schöne Stimmung« beim Gedenken an die Pogromnacht 1938 »zunichtegemacht« haben – und zwar mit einer »unterbliebenen Höflichkeitsgeste«. Der orthodoxe Rabbiner hatte bei einer Veranstaltung am 9. November in Schwäbisch Gmünd, einer Kleinstadt östlich von Stuttgart mit etwa 60.000 Einwohnern, der evangelischen Dekanin Ursula Richter den Handschlag verweigert, woraufhin der »Ärger in der Stadt hochzukochen begann«.

So stand es jedenfalls in der Stuttgarter Zeitung, die die Kritik »aufgeklärter christlicher Kreise in Schwäbisch Gmünd« an Netanel Wurmser erwähnte und dem Rabbiner vorwarf, »Ausnahmen« zu machen. Angeblich habe Wurmser bei der Beerdigung des verstorbenen früheren IRGW‐Vorstandssprechers Meinhard Tenné in Stuttgart dessen Witwe die Hand gegeben – eine Behauptung, der Kreise in der IRGW widersprechen. Auch Wurmser dementierte den Bericht: Die Halacha schließe eine Begrüßung von Trauernden an einer Beisetzung aus, sagte der Rabbiner der Jüdischen Allgemeinen.

Zuvor hatten sich bereits die Schwäbische Post und die Rems‐Zeitung der Aufregung um den Nicht‐Händedruck angenommen. Mehrere Medien zitierten Manfred Köhnlein, emeritierter Dozent für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Die Rems‐Zeitung schrieb, der »ausgewiesene Israel‐Kenner und Religionspädagoge mit zahlreichen jüdischen Freunden« bedauere vor allem, dass Wurmsers streng orthodoxer Ansatz nicht zum Anlass (dem Pogromgedenken) passe, denn die jüdische Tradition in Gmünd sei konservativ gewesen, nicht orthodox.

Medienecho Ein Medienecho, das die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) in dieser Form nie erwartet hätte: »Ich kann nicht verstehen, warum man sich ausgerechnet beim Gedenken an die Reichspogromnacht an einem Brauchtum stört, das heute noch von manchen Vertretern des gesetzestreuen Judentums praktiziert wird«, sagte IRGW‐Vorstandssprecherin Barbara Traub der Jüdischen Allgemeinen. In einem »Offenen Brief an die Bürger der Stadt Schwäbisch Gmünd« protestierte die IRGW gegen die »Hexenjagd auf einen bestimmten Rabbiner«.

Wie konnte es so weit kommen? Bei der Gedenkveranstaltung am 9. November, die monatelang von der Stadt in Zusammenarbeit mit der IRGW geplant worden war, wurde mit Unterstützung der Kreissparkasse Ostalb, deren Gebäude am Ort der ehemaligen Synagoge steht, eine Skulptur zum Gedenken an die ehemaligen Schwäbisch‐Gmünder Juden, die »Treppe der Erinnerung«, eingeweiht. Für die IRGW nahm Landesrabbiner Wurmser an der Gedenkveranstaltung teil. Er hatte die Stadtverwaltung bereits im Vorfeld wissen lassen, dass er als orthodoxer Rabbiner Frauen nicht die Hand gibt.

Eine würdige Veranstaltung sei es gewesen, sagte Markus Herrmann, Leiter des Amtes für Medien und Kommunikation und Pressesprecher der Stadt Schwäbisch Gmünd, der Jüdischen Allgemeinen: »Die Ansprache des Rabbiners wurde sehr gelobt, seine Worte waren wohl gewogen, der Tenor war sehr differenziert und kam gut an.« Keineswegs habe Wurmser, wie man auf »gut Schwäbisch« sage, die Veranstaltung »versaut«, versicherte Herrmann. Doch wie es in einer Kleinstadt halt so sei: Die im Vorfeld mitgeteilte Praxis des Rabbiners, Frauen nicht die Hand zu geben, habe sich herumgesprochen.

Einen Tag nach der Gedenkveranstaltung druckte die Schwäbische Post einen Leserbrief unter der Überschrift: »Die Frau ist unrein«. Darin kritisieren Petra Kurz‐Ottenwälder und Angela Herzog, Einwohnerinnen von Schwäbisch Gmünd, Wurmser habe seine Absicht, Frauen den Handschlag zu verweigern, folgendermaßen begründet: Die Frau sei »unrein« – eine Darstellung, der Wurmser entschieden widersprach. »Die Nidda‐Vorschriften sind eine rein innerjüdische Angelegenheit und deshalb in diesem Kontext nicht relevant.«

Die Autorinnen des Leserbriefs beklagten zudem, die Kreissparkasse und die Stadtverwaltung hätten sich den Vorgaben Wurmsers »gebeugt«. Das wiederum bestreitet der Pressesprecher der Stadt: Es habe keinerlei protokollarische Vorgaben oder Handlungsanweisungen im Vorfeld der Gedenkveranstaltung gegeben.

verständnis Vier Tage nach dem Pogromgedenken schaltete sich die IRGW mit ihrem Offenen Brief in die mediale Debatte ein. Barbara Traub sowie ihre Stellvertreter Michael Kashi und Susanne Jakubowski warben darin um Verständnis für die Position des Landesrabbiners: »Die IRGW ist als Einheitsgemeinde bestrebt, allen Denominationen des Judentums ein Zuhause zu sein. Und wir sind stolz darauf, dass die IRGW neben der jüdischen Gemeinde in Frankfurt die einzige jüdische Großgemeinde ist, in der dieses Miteinander (…) aller Denominationen unter einem Dach reibungslos funktioniert«, hieß es. Daher verwahre sich die IRGW »entschieden gegen jedwede Kritik von außerhalb an der einen oder anderen Denomination als einem Eingriff in unser jüdisches Gemeindeleben«.

Die in der Presse aufgeworfene Frage nach der religiösen Ausrichtung des beim Gedenken anwesenden Rabbiners sei überdies »regelrecht absurd, denn nicht, dass der heutige Landesrabbiner orthodox ist, ist problematisch, sondern das Problem ist, dass die konservative jüdische Gemeinde Schwäbisch Gmünds vor sieben Jahrzehnten ausgelöscht wurde«.

Außerdem sei es »infam«, dem Landesrabbiner Frauenfeindlichkeit zu unterstellen: Im orthodoxen Judentum sei Treue der Ehepartner ein sehr hohes Gut. »Wer verheiratet ist, der meidet den körperlichen Kontakt zum anderen Geschlecht, um nicht zur Untreue verführt zu werden.« Man könne einen verweigerten Händedruck für richtig halten oder als überzogen ablehnen, schrieben Traub, Kashi und Jakubowski: »Aber ist es wirklich zu viel verlangt, gegebenenfalls still die Nase zu rümpfen und ansonsten großzügig über dieses sonderliche Verhalten eines orthodoxen Juden hinwegzusehen?«

Gesprächsbedarf In Schwäbisch Gmünd besteht jedenfalls Gesprächsbedarf. Noch im Dezember soll in der Stadt eine Diskussionsrunde über Religion, Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter stattfinden, an der auch die IRGW‐Vorstandssprecherin teilnehmen will. »Auch mit der Dekanin würde der Vorstand gerne noch sprechen und das mit ihr klären. Bislang sind uns nur die Zitate aus der Zeitung bekannt«, sagt Barbara Traub.

Von Menschen mit christlicher Prägung erwarte sie, »dass sie sich mit dem Judentum wirklich auseinandersetzen. Ich kann verstehen, wenn Menschen es heute als überholt ansehen, dass Männer Frauen nicht die Hand geben und umgekehrt. Aber man kann sich doch zumindest damit auseinandersetzen, warum das so ist.«

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