Berlin

Gut geplant ist halb gefeiert

Der Einkaufswagen steht voll beladen in der Küche. Getränke, Backzutaten, Gemüse und Obst liegen gekonnt gestapelt darin. Nadia Schapiro hat alle Hände voll zu tun, alles an Ort und Stelle zu verstauen. »Das ist unser normaler Wocheneinkauf«, sagt die 39-Jährige. Beim nächsten Gang zum Supermarkt will sie mindestens ein Kind mitnehmen, um zwei Einkaufswagen zu beladen und nach Hause ziehen zu können.

»All you need – Rosch Haschana« hat sie mit einem blauen Eddingstift auf einen Klarsichthefter geschrieben, in dem Rezepte, Einkaufslisten und Karten von den vergangenen Jahren stecken. Sie sitzt mit ihrem Ehemann und einigen ihrer fünf Kinder an dem Tisch in der Bibliothek und schaut sich die Aufzeichnungen an. »Ich schreibe mir immer alle Gerichte genau auf«, meint sie. Ebenso hält sie fest, wie lange sie in der Küche steht, um die Mahlzeiten fertig vorbereitet zu bekommen. Im vergangenen Jahr waren es acht Stunden.

»Ich muss ja wissen, wie lange eine Speise den Herd blockiert, bis sie gar ist.« Ebenso akribisch sieht der Einkaufszettel aus: Äpfel, Honig, Datteln, Karotten und vieles mehr hat die fünffache Mutter notiert. »Es ist alles eine Frage der Organisation«, meint sie lachend. Schließlich gehe es um die Hohen Feiertage und um den gleich anschließenden Schabbat.

Verbindung Auch ihre vier Söhne und eine Tochter haben sich den ganzen Monat Elul mit dem jüdischen Neujahr beschäftigt. »Wir wollen uns mit Gott verbinden«, sagt der siebenjährige Mosche. Jeden Tag will er sich bemühen, eine gute Tat zu vollbringen. »Neulich habe ich in der Pause den Dritt- und Viertklässlern den Fußballplatz in der Schule überlassen«, sagt er.

David, 13 Jahre alt, schnitzte im Kunstunterricht Äpfel aus Gips und malte sie anschließend an. Aus Perlen bastelte er Blätter. »Lieber Papa, ich wünsche dir ein süßes, gutes neues Jahr mit viel Erfolg und Gesundheit«, hat ein weiterer Sohn auf eine selbst gebastelte Karte geschrieben. »Rosch Haschana ist ein komplexes Thema«, sagt Nadia Schapiro. Denn das Fest solle dazu dienen, die Menschen zu veranlassen, in sich zu gehen, sich vom Bösen abzuwenden und gut zu handeln. Es ist der Tag, an dem der Mensch Rechenschaft über sein Tun ablegen und sich seiner moralischen Pflichten bewusst werden soll. So gebe es die innerliche, religiöse Auseinandersetzung, aber eben auch die praktische für jede Hausfrau, die die Familie versorgen muss.

Geschenke Vor Wochen fing sie bereits an, die neuen Kleidungsstücke zu besorgen. Für jedes Familienmitglied und für das Au-pair-Mädchen war sie unterwegs. Die Nanny bekommt einen Schal, die Kinder neue T-Shirts.

Die Challa – acht runde und drei lange mit Zimt – sind bereits gebacken und warten nun in der Tiefkühltruhe. »Aufgetaut sind sie richtig schön frisch«, sagt Schapiro. Sie holt die Menükarten von den vergangenen Jahren aus dem Hefter. Darunter sind kleinere Karten, auf denen erklärt wird, welche Bedeutung die Speisen haben. »Wir essen Äpfel mit Honig, weil wir ein süßes Jahr haben wollen«, erklärt Mosche. Ebenso wird der Kopf eines Fisches gegessen, was dem Kopf des neuen Jahres entspricht.

Granatapfel Die Körner des Granatapfels sollen an die Mizwot erinnern. So viele gute Taten wie der Granatapfel Körner hat, soll jeder erfüllen. Mosche springt von einem Stuhl auf, holt das Familien-Schofar aus dem Schrank und zeigt es stolz. Allerdings ertönte das Widderhorn vor Rosch Haschana nicht zu Hause, sondern er und seine Geschwister lauschten den Schofar-Klängen in der Jüdischen Traditionsschule.

Und neben dem normalen Feiertagsprogramm hat die fünffache Mutter auch noch einen Beruf, der sie voll und ganz fordert: Nadia Schapiro ist Ärztin und hatte noch kurz vor dem Fest einen 24-Stunden-Dienst. Mittwochmorgen kommt sie ganz früh nach Hause, schläft etwas und wird voraussichtlich den Rest des Tages vor ihren zwei Herden verbringen, um am Abend alles fertig zu haben. Das Au-pair-Mädchen wird ihr dabei helfen. »Ich muss für vier große Essen an drei Tagen alles vorbereiten, denn auf die Feiertage folgt Schabbat.«

Die Fischsuppe und den gebeizten Lachs übernimmt ihr Schwiegervater. Ganz wichtig: Die Zeitschaltuhr der Heizplatten einzustellen, denn die Herdplatten bleiben bei ihr in diesen Tagen kalt. Die Familie wird am ersten Feiertag zusammen in die Synagoge gehen, betont Schlomo Schapiro. »Ich finde es nicht gut, wenn die Frau alleine zu Hause in der Küche steht«, sagt der 38-jährige Computerexperte. Nach dem Gottesdienst decken alle zusammen den Tisch – in den vergangenen Jahren für mehr als 25 Leute.

Notarzt Nadia Schapiro stammt aus Moskau, wo sie Medizin studiert und ihren Facharzt absolviert hat. Noch während des Studiums lernte sie bei einem Aufenthalt in Berlin ihren späteren Ehemann Schlomo kennen, der auch gerade die Hauptstadt besuchte. Sie heirateten, und sie organisierte für sich ein One-Way-Ticket von Moskau nach Israel, wo Schlomo zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Jahren lebte.

»Die jüdischen Sitten und Bräuche einzuhalten, ist für mich wichtig«, sagt er. Für Nadia Schapiro hieß das damals erst einmal: viel lernen. Morgens übte sie Hebräisch, nachmittags widmete sie sich den jüdischen Studien. Schließlich fand seine Frau in Israel einen Job als Ärztin. Vor elf Jahren zog das Paar nach Berlin.

Auch Nadia Schapiro hat Vorsätze für das nächste Jahr: »Ich möchte eine Qualifizierung zum Notarzt machen«, sagt sie. Aber es werde schwer, denn wenn sie etwas nicht hätte, dann sei das freie Zeit. Ebenso plane sie wieder eine Schabbatfeier für die ganze Schule, die am 25. Oktober stattfinden soll. Schlomo Schapiro wünscht sich, mehr Zeit für die Familie zu finden, was nicht einfach werde. Auch er will an einem Projekt arbeiten, nämlich der jüdischen Bildungsmesse.

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