Nichts wünscht sie sich mehr, als endlich wieder mit ihren Kindern vereint zu sein. »Ich drehe fast durch vor Sorge«, sagt Sharon Gavrielov. Während sie in Berlin ist, müssen ihre Kinder, 10 und 15 Jahre alt, in Tel Aviv immer wieder in einem Bunker Schutz vor iranischen Raketen suchen. Zwar sei ihr Vater bei ihnen, dennoch habe sie keine Ruhe, solange sie nicht zurück in ihrer Heimat sei. »Ich weiß, was Krieg mit dem Iran bedeutet«, erzählt Gavrielov, die die letzte kriegerische Auseinandersetzung zwischen Israel und dem islamistischen Regime miterlebt hat. »Ein Freund von mir hat damals sein Haus durch die Angriffe verloren.«
Eigentlich hätte Gavrielovs Rückflug am Sonntag vor einer Woche sein sollen. Doch seit Tagen ist sie in Deutschland gestrandet. Gavrielov ist eine von schätzungsweise 100.000 Israelis, die sich am Samstag vor einer Woche, als erneut Krieg zwischen Israel und dem Iran ausbrach, im Ausland aufhielten.
Nach den israelisch-amerikanischen Luftangriffen auf Ziele des Mullah-Regimes und seiner Revolutionsgarde schickten diese Raketen und Drohnen Richtung Israel. Der zivile Luftverkehr wurde umgehend eingestellt, und die Rückflüge zahlreicher Menschen wurden gestrichen. Zwar flogen vergangenen Donnerstag die ersten Flugzeuge wieder nach Israel, die Rückholung der gestrandeten Israelis ist aber noch nicht abgeschlossen. Auch in Deutschland sitzen fast zwei Wochen nach Kriegsbeginn immer noch Israelis fest.
»So viele Menschen sind eingesprungen und haben geholfen«, sagt Eliya Kraus vom Verein »Zusammen«
Für Eliya Kraus ist es nicht das erste Mal, dass sie sich um Landsleute kümmert, die nicht mehr zurück in ihre Heimat kommen. Die Israelin lebt in Frankfurt am Main und ist dort die Community-Managerin von »Zusammen«, einem Verein der israelischen Gemeinschaft in Deutschland.
Im Juni 2025 hatte es bereits einen Schlagabtausch zwischen dem Iran und Israel gegeben, während dem ebenfalls viele Israelis gestrandet waren. »Als der Krieg am Samstag anfing, wussten wir daher, was zu tun ist«, sagt Kraus. »Wir haben sofort eine WhatsApp-Gruppe für Betroffene eingerichtet und einen Aufruf für Israelis gestartet, die zum Beispiel eine Unterkunft oder Medikamente brauchen.«
So konnte vielen Gestrandeten geholfen werden: Einem jungen Israeli wurde ein Laptop vermittelt, damit er von Deutschland aus weiterarbeiten kann, einer kranken Person konnte die nötige medizinische Unterstützung organisiert werden, und Eliya Kraus selbst verlieh ein Handy an eine Familie, deren Sohn sein eigenes im Taxi hatte liegenlassen. »Die Resilienz sowie Hilfsbereitschaft der israelischen und jüdischen Gemeinschaft ist unglaublich«, sagt Kraus. »So viele Menschen sind eingesprungen und haben geholfen.«
»Ich versuche, beschäftigt zu bleiben, um den Verstand nicht zu verlieren«, sagt Gavrielov.
Dass die israelische und die jüdische Gemeinschaft in solchen Notsituationen Hand in Hand arbeiten, konnten auch Gila und ihr Mann Dan erfahren, die aus Sicherheitsgründen lieber nicht ihre echten Namen in der Zeitung lesen wollen. »Die jüdische Gemeinde in Hamburg kümmert sich um uns und hilft uns mit allem, was wir brauchen«, erzählt Gila der »Jüdischen Allgemeinen«. Die beiden waren gerade in ihren Flitterwochen in Griechenland, als der Krieg zwischen Israel und dem Iran ausbrach. »Am Flughafen in Athen sagten uns Polizisten, dass wir nicht in Griechenland bleiben könnten, weil das zu gefährlich sei.« Gila spekuliert, dass die Polizisten damit die Bedrohung durch Terroristen gemeint haben könnten, die im Auftrag Teherans auch in Griechenland unterwegs sind. Da die beiden aber auch nicht zurück nach Israel konnten, flogen sie zu einem Freund nach Hamburg.
Manche entscheiden sich für die Route über Scharm El-Scheich in Ägypten.
Während sie in Athen überall antisemitische und israelfeindliche Schmierereien auf der Straße gesehen hätten, gebe es davon in Hamburg deutlich weniger, so Gila. »Wir fühlen uns hier viel sicherer.« In der Hansestadt warten sie jetzt darauf, einen Flug zurück nach Israel ergattern zu können.
Bei Redaktionsschluss am Dienstagabend hatten Gila und Dan noch kein Ticket. Weil sie bei keiner israelischen Airline gebucht hatten, dauert es für sie länger als für Kunden von EL AL oder Israir. Über die aktuellen Entwicklungen halten sich die frisch Vermählten in der von »Zusammen« gegründeten WhatsApp-Gruppe »Gemeinsam stark – Unterstützung für Israelis in Europa« auf dem Laufenden.
Vielen Gestrandeten konnte geholfen werden.
Dort tauscht man sich nicht nur über Flugpläne aus, sondern es werden auch Preise von Hotels verglichen, Kontakte zu Ärzten geteilt, die Hebräisch sprechen, und zum Picknick für gestrandete Israelis eingeladen. Nach und nach mehren sich die Erfolgsmeldungen: Immer mehr Gruppenmitglieder kriegen einen Platz in einem der Rückkehrflüge, die täglich von München oder Berlin starten. Andere entscheiden sich für alternative Routen. So hat sich etwa herumgesprochen, dass man auch nach Scharm El-Scheich in Ägypten fliegen kann und von dort per Bus oder Taxi über die Grenze nach Israel kommt.
Auch Sharon Gavrielov hat endlich ein Ticket für einen Flug zurück nach Israel bekommen. Am Donnerstag fliegt sie von München nach Tel Aviv. Für die verbliebenen Tage wohnt sie in Berlin in der Wohnung eines Bekannten, der verreist ist. Gavrielov kennt einige Israelis, die in Berlin leben, und nutzt die Zeit, um sich so viel wie möglich zu verabreden. »Ich versuche, beschäftigt zu bleiben, um den Verstand nicht zu verlieren.« Sie will ihre »Seele beschützen«, sagt Gavrielov.
Betroffene können sich an die »Israeli Community Europe« wenden und sich hier über Rückholflüge informieren.