Thüringen

Gespräche hinter Gittern

Reinhard Schramm in der Arrestanstalt nahe Arnstadt in Thüringen Foto: Blanka Weber

Reinhard Schramm sitzt einem kleinen Kreis Jugendlicher gegenüber. Neugierige und skeptische Blicke streifen ihn. Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt erzählt von seiner Familie, seiner Mutter, seiner Großmutter, von den Juden aus Weißenfels. Er liest aus einem Buch, das seine Familiengeschichte enthält, und blickt immer wieder zu den Jugendlichen.

Die jungen Männer sind jugendliche Straftäter, Rechtsradikale, Neonazis. Seit zehn Jahren besucht Schramm regelmäßig die Jugendarrestanstalt nahe Arnstadt in Thüringen. Das Wachpersonal kennt ihn, ein kurzes Nicken reicht ihm, um eingelassen zu werden. Schramm beteiligt sich ehrenamtlich an Projekten, die sich um Inhaftierte mit rechter Gesinnung kümmern.

»Das hat einen traurigen Grund«, erzählt er und spricht damit den Brand der Erfurter Synagoge im Jahr 2000 an. Der Täter wurde damals gefasst, und es begann ein ungewöhnlicher Dialog. »Ich ging zu dem Brandstifter ins Gefängnis und fragte ihn: ›Warum haben Sie etwas gegen Juden?‹« Zunächst habe es Schweigen gegeben, Betroffenheit, Reue, erzählt Schramm, bis der junge Mann zu reden begann: »Die Juden, so sagen die Leute, sind unser Unglück.«

Sichtweise »Für mich war das fast grotesk, ich sagte zu ihm: ›Wie kann ich dein Unglück sein? Kannst du mir das mal erzählen?‹« Heute lächelt er darüber, denn es entstand ein Gespräch, das nicht nur jenem jungen Täter eine andere Sichtweise eröffnete, sondern nach dem er selbst beschloss: Genau da will ich ansetzen und künftig mit jugendlichen Straftätern arbeiten.

Etwa 15 bis 20 Prozent der deutschen Bevölkerung sind, so geht es aus der empirischen Sozialforschung hervor, konstant judenfeindlich. Es sind Einstellungen, sagt der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, die in der Gesellschaft vorhanden sind, Ressentiments, wie es sie gegen andere Gruppen auch gibt. Doch Antisemitismus sei tatsächlich das langlebigste Vorurteil in der Geschichte, so der Wissenschaftler. »Die Folgen, die daraus erwachsen, können in einer Katastrophe wie dem Holocaust enden«, sagt Benz.

Und gerade deshalb besucht Schramm Jugendliche mit rechter Gesinnung, um exakt jene Vorurteile abzubauen. Die Arrestanten, wie der Fachbegriff lautet, sind Jugendliche, meist junge Männer, die zu Arrest verurteilt worden sind, einer sehr viel milderen Strafe im Vergleich zur Haft.

wissen Während er die Geschichte seiner Familie erzählt, blickt er immer wieder zu den Jugendlichen. »Die Hauptursache von Vergehen, gerade von Rechtsextremen in ihren Kreisen, ist, dass ihnen Wissen fehlt. Mein Anliegen ist es, ein Stück Wissen aus meiner Sicht zu vermitteln.«

Er beschreibt das friedliche Leben in Weißenfels vor 1933 und die schmerzliche Erfahrung seiner Familie während der Schoa. Kaum einer überlebte. Schramm erzählt von jüdischen Freunden, vom Leben in der DDR, seiner Arbeit als Professor für Informatik, vom Aufbau der jüdischen Gemeinde in Thüringen und ebenso von der Tragik, wenn Juden heute beschimpft, verunglimpft, bedroht werden. Das wecke böse Erinnerungen, nicht nur bei ihm. Am schmerzlichsten sind jene Momente, wenn er über seine Großmutter spricht, die deportiert wurde. Ihre Sterbeurkunde kam aus Ravensbrück, obwohl sie ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt, in Bernburg, den Tod in der Gaskammer fand.

Schramm zeigt einen Zeitungsartikel von 1935, in dem ein intimes Verhältnis zwischen einem jüdischen Mann und einer »deutschblütigen« Frau öffentlich an den Pranger gestellt wird. Es geht ihm um Tatsachen und darum, dass manche den Holocaust bis heute leugnen. »Vielleicht kann Ihnen das, was ich hier zeige und sage, helfen, wenn Sie heute mit Ihren Kumpels draußen diskutieren.«

Drudel 11 Schon häufig habe er Einzelgespräche geführt, zugehört, versucht, anderen plausibel zu machen, was es heißt, jüdisch zu sein, und warum jede Form von Extremismus gegen Minderheiten nicht angebracht ist. Mit dem Verein »Drudel 11«, der sich um Aussteiger aus der rechten Szene kümmert, hat er diese Begegnung vorbereitet. Regelmäßig organisieren Träger wie dieser Trainings für Jugendliche, die eine Strafe verbüßen. Auch der Besuch im ehemaligen KZ Buchenwald gehört dazu.

Schramm weiß, dass viele dieser jungen Menschen aus schwieriger sozialen Umgebung kommen und auf ihre Art vermutlich bereits viel Unschönes erlebt haben. »Bildung hilft auch gegen Rechtsextremismus, und das ist der Hauptgrund, warum ich hier bei Ihnen bin, denn ich denke, dass es nicht ganz umsonst ist, wenn ich Ihnen sage, wie es in der Zeit war und dass sich diese Zeiten nicht wiederholen dürfen.«

Er schaut die Jugendlichen zum Abschluss eindringlich an, appelliert und versucht, bei manchem kleine Schritte des Umdenkens in Gang zu setzen. Der nächste Termin ist schon geplant. Und manchen Jugendlichen wird er wiedersehen, sagt die Leiterin der Arrestanstalt, Anja Klameth. »Sie kommen mit einer ganzen Reihe von Problemen, mit einem ganzen Leben voller schlechter Erfahrungen, und das ist nicht durch ein Training auszubügeln. Aber es ist ein Anfang. Wir versuchen, uns nicht entmutigen zu lassen. Wenn die Jugendlichen wiederkommen, fangen wir eben neu an. Das ist unser Job, und alles andere wäre unrealistisch.«

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