Köln

Geschichte zum Anfassen

Man muss nur an der Kurbel drehen, dann senkt sich ein Holzkästchen von der Decke, auf der eine Frage steht: »Was haben eine Milchkanne, ein Baströckchen und ein Briefmarkenalbum gemeinsam?« Die Antwort darauf sollen sich die jüngeren Besucher des Kölner NS-Dokumentationszentrums EL-DE-Haus verdienen, indem sie zwischen Alltagsgegenständen nach einem Code suchen, mit dessen Hilfe sie eine Hörstation aktivieren können.

Vergleiche Für die älteren Besucher klebt der Code vorsorglich unter dem metallenen Kopfhörer. Gibt man ihn ein, verrät die Stimme des seit 1939 in den USA lebenden jüdischen Mediziners Manfred Simon, dass der Frage Eindrücke aus seiner Kindheit im Nationalsozialismus zugrunde liegen: Die Milchkanne hing ein freundlicher Nachbar an den Zaun, weil Juden keine Milch mehr bekamen; Briefmarken sammelte er, weil Hobbys außerhalb des Hauses zu gefährlich wurden, und in Baströckchen hatte er sich »Schwarze« vorgestellt – im amerikanischen Exil habe er das revidieren müssen.

Der Direktor des Dokumentationszentrums, Werner Jung, freut sich über das Überraschungsmoment des gerade eingerichteten »Geschichtslabors«: »Man erwartet keine schrille Installation in einem so ernsten Haus.« Bis 1945 diente das sogenannte EL-DE-Haus – der Name leitet sich vom Eigentümer Leopold Dahmen ab – der Kölner Gestapo als Hauptquartier samt Gefängnis im Untergeschoss.

Geschichtslabor Dabei unterschied die Gestapo beim Foltern und Hängen missliebiger Bürger nicht zwischen Kindern und Erwachsenen. Bekannte Opfer in Köln sind die Edelweißpiraten – auch sie werden im »Geschichtslabor« thematisiert. Der Raum beschreibt fünf Kategorien von jungen Menschen während der NS-Zeit: »Jüdische, Begeisterte und Angepasste, Unangepasste sowie Kriegsjugend und Schule.«

Zwei jüngere Beispiele sollen den Fokus auf den Rechtsextremismus heute richten: Es handelt sich zum einen »um einen Fußballer, der Opfer neonazistischer Angriffe wurde«, eine weitere Biografie leitet »in eine Auseinandersetzung mit Islamfeindlichkeit« ein. Dieses Angebot ist durch die Erweiterung des Zentrums um eine Fläche des Nachbarhauses von 1000 Quadratmetern erst möglich geworden.

Nun ist nicht nur die Bibliothek größer, auch das Archiv darf wachsen – in einer im neuen Gewölbekeller installierten Kompaktanlage. Ebenso gibt es jetzt Raum für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen. Der Innenhof des EL-DE-Hauses, in dem die Gestapo Hunderte Gefangene henkte und der zuletzt Autos und Mülltonnen als Stellfläche diente, wird bald nach einem Entwurf des Kunstdozenten Thomas Locher verspiegelt und ermöglicht die »Reflexion über einen historischen Gedenkort und die Reflexion des eigenen aktuellen Standpunkts«.

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