Würzburg

Gepäck der Erinnerungen

Rotraud Ries, Matthias Braun und Benita Stolz (v.l.) sind an dem Denkmal-Projekt beteiligt. Foto: Stefan W. Römmelt

Das zentrale Denkmal in Würzburg wird aus vier Stelen mit Informationen und historischen Fotos, drei Sitzbänken und einer langen Reihe von Gepäckstücken bestehen, die auf 14 mosaikartig angeordneten Betonquadern platziert werden.

»Den Erinnerungsort mit seinem außergewöhnlichen Konzept unterstütze ich von ganzem Herzen«, betont Zentralratspräsident Josef Schuster. Am 21. April sollte dieser eingeweiht werden. Wegen der Corona-Pandemie wurde dies auf den 17. Juni verschoben.

VORPLATZ Einzigartig ist der »DenkOrt Deportationen 1941–1944«, der auf der Südostseite des Vorplatzes des Würzburger Hauptbahnhofs entsteht, für Schuster aus zwei Gründen: Einerseits habe vor der Schoa in Mainfranken die höchste Dichte jüdischer Gemeinden deutschlandweit bestanden, und der Erinnerungsort stehe damit sinnbildlich für die Auslöschung des fränkischen Landjudentums.

Zum anderen suche es als ein dezentrales Denkmal »in Deutschland wohl seinesgleichen«, sagt Schuster. »Sowohl am zentralen Erinnerungsort am Würzburger Hauptbahnhof als auch in den lokalen Gemeinden entstehen Denkmäler, die miteinander in Beziehung stehen.«

RUCKSACK Von Schuster stammt die Idee, in allen 109 unterfränkischen Orten, in denen es 1933 jüdische Gemeinden gab, Gepäckstücke zu platzieren. »So wird in den beteiligten Kommunen jeweils ein von lokalen Künstlern gestaltetes Gepäckstück (Koffer, Gepäckrolle oder Rucksack aus Beton, Holz oder Metall) aufgestellt, das einen ›Zwilling‹ besitzt, der am zentralen DenkOrt in Würzburg steht«, erläutert Schuster. Das Vorbild lieferten historische Fotografien von den Deportationen.

Insgesamt wurden von 1941 bis 1944 2069 Juden aus Unterfranken deportiert. Da 1794 Personen über den ehemaligen Aumühle-Ladehof, einen Güterbahnhof, deportiert wurden, hieß das Projekt zunächst »DenkOrt Aumühle«. Das Denkmal beim früheren Aufgang zum ehemalige Aumühle-Ladehof anzulegen, war bautechnisch jedoch nicht möglich, da unter der etwa 60 Meter langen Rampe die Pleichach in einem baufälligen Tunnel fließt und der Bach renaturiert werden soll.

Von Schuster stammt die Idee, in allen 109 unterfränkischen Orten, in denen es 1933 jüdische Gemeinden gab, Gepäckstücke zu platzieren.

Der ehemalige Bürgermeister von Marktheidenfeld, Leonhard Scherg, schlug daher den Würzburger Hauptbahnhof und Bahnhofsvorplatz als authentische Orte vor: Sie waren im Juni 1943 Schauplatz der letzten größeren Deportationen.

So wurde auch das Projekt von »DenkOrt Aumühle« zu »DenkOrt Deportationen 1941–1944« umbenannt. Getragen wird es von dem 2018 gegründeten Verein »DenkOrt Aumühle«, der aus der Projektgruppe »Wir wollen uns erinnern« hervorgegangen ist, an der sich mehrere Funktionsträger und Institutionen aus der Region beteiligten. Zu den prominenten Mitgliedern des seit 2015 existierenden Beratergremiums für das Projekt gehört auch Josef Schuster.

ROSENGARTEN Ein kommunales Denkmal-Pendant wurde bereits 2018 im »Rosengarten« auf dem Weg vom Kitzinger Bahnhof zur Innenstadt eingeweiht. »Kitzingen war der einzige Ort außerhalb Würzburgs, wo ein Transport direkt begonnen hat«, berichtet Rotraud Ries vom Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken. Ein Betonkoffer steht auf einer Betonfläche mit Fußabdrücken. Auch in Gemünden am Main ist ein Mahnmal bereits im Mai 2019 eingeweiht worden.

»Es gibt auch einen Koffer, der nicht zu den 109 Koffern gehört«, berichtet der Architekt des Denkmals, Matthias Braun. Im aufgeklappten Koffer wird eine Passage aus dem Gedicht »Kleine Ruth« des in Würzburg geborenen israelischen Lyrikers Jehuda Amichai auf Hebräisch und auf Deutsch zitiert.

Über einen QR-Code lassen sich die Kommunen abrufen, aus denen Juden deportiert wurden. Dort findet man die Namen der Opfer, biografische Angaben und Informationen zur Geschichte der jeweiligen jüdischen Gemeinde.

KOMMUNEN »Insgesamt haben bisher 69 Kommunen Gepäckstücke zugesagt«, berichtet die Würzburger Stadträtin Benita Stolz. »Wir erwarten uns von der Eröffnung einen Dominoeffekt.« Ein Drittel der unterfränkischen Kommunen ohne Kultusgemeinde haben sich bisher bereit erklärt, einen Beitrag zur Finanzierung zu leisten.

Aschaffenburg hat 10.000 Euro gespendet. Mit 5000 Euro hat sich die Stadt Lohr am Main beteiligt. »Bemerkenswert ist die Unterstützung durch die Stadt Würzburg und ihre Ämter«, betont die Historikerin. Insgesamt werden die Kosten für das Projekt etwa 250.000 Euro betragen.

Die Erinnerung an die Deportationen in die Region tragen soll auch das begleitende Jugendprojekt »Hinaus in die Dörfer – DenkOrte gegen den Hass«. Seit Herbst 2018 setzen sich junge Leute in Seminaren mit der Frage auseinander: »Was sagt uns das heute?«

Sicherheit

Bundesregierung unterstützt den Schutz jüdischer Einrichtungen mit 22 Millionen Euro

Zentralratspräsident Josef Schuster: »Für jüdische Gemeinden stellen die Ausgaben für Sicherheit häufig eine erhebliche finanzielle Belastung dar«

 17.09.2020

Trier

Größter Wunsch: Normalität

Wie die Gemeinde auf das Jahr zurückschaut und was sie für 5781 erwartet

von Elke Wittich  17.09.2020

Berlin

Vier Rabbis und ein Kantor

Das Abraham Geiger Kolleg feierte seine zehnte Ordination – dieses Mal unter Corona-Bedingungen

von Ayala Goldmann  17.09.2020

Rosch Haschana

Wir haben nur eine Welt

Am Feiertag wird an die Schöpfung erinnert. Vier Jugendliche wollen dafür sorgen, dass sie nicht zerstört wird

von Christine Schmitt  17.09.2020

Rosch Haschana

»Ein Volk besteht aus 5000 Bienen«

Fabian und Lena Münch über ihre Imkerei, die Rolle der Königin und verschiedene Honigsorten

von Christine Schmitt  17.09.2020

Rosch Haschana

Unter einem Dach

5780 war ein Jahr der Verunsicherung. Aber auch 5781 können wir die Herausforderungen gemeinsam bewältigen

von Josef Schuster  17.09.2020

Thüringen

Ein Paradiesbaum in Erfurt

Achava-Festspiele trotz der Corona-Beschränkungen: Sie vermitteln Hoffnung

von Esther Goldberg  17.09.2020

Festival of Lights

Zusammen strahlen

Die israelische Botschaft zeigt eine symbolträchtige Lichtcollage zu Kunst und Kultur des Landes

von Alice Lanzke  17.09.2020

Schleswig-Holstein

Auszeichnung für einen Überlebenden

Der 87-jährige Zeitzeuge Jurek Szarf erhielt das Bundesverdienstkreuz

von Moritz Piehler  17.09.2020