Rosch Haschana

Gemeinsame Tradition

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Die überstrahlende Nachricht für die jüdische Gemeinschaft im Deutschland des Jahres 5783 ist der Anstieg der Mitgliedszahlen der jüdischen Gemeinden. Erstmals wieder seit 2006 sind die Zahlen gestiegen. Die Wehmut dieser Botschaft ist ihre Ursache: Der Zulauf in unsere Gemeinden erfolgte hauptsächlich durch Menschen aus der Ukraine, die vor dem Angriffskrieg Russlands flüchten mussten.

Das Leid dieses Krieges ist in seinem zweiten Jahr immer noch deutlich spürbar. Aber unsere Gemeinden haben wieder Großartiges geleistet: 30.000 Geflüchtete, bei Weitem nicht nur jüdische, fanden bei uns einen Halt in ihrer dramatischen Situation. Wie die Gemeinden mit Unterstützung des Zentralrats und der Zentralwohlfahrtsstelle sowie des finanziellen Beitrags des Joint Distribution Committee diese Situation annehmen und mit ihr wachsen, ist immer wieder beeindruckend.

herausforderungen Dabei ächzen auch sie unter all den Herausforderungen, die jeden von uns ins Private verfolgen, wie die Inflation oder hohe Energiekosten. Darüber hinaus trifft die Gemeinden der überall herrschende Personalmangel, der sich unter der Mehrbelastung noch deutlicher zeigt.

Wir halten zusammen, trotz – oder gerade auch wegen – der Widrigkeiten.

Doch wir halten zusammen, trotz – oder gerade auch wegen – dieser Widrigkeiten. Aus den Städten und Kommunen bekomme ich die Rückmeldung, dass die jüdischen Gemeinden zu den empathischsten und professionellsten Anlaufstellen in dieser Ausnahmesituation gehören. Auch das ist sicherlich ein Grund, warum fast 2500 der Juden unter den Geflüchteten einen Aufnahmeantrag stellten. Und das Potenzial im neuen Jahr ist noch größer.

Wir haben also allen Grund, selbstbewusst in das Jahr 5784 zu schauen. Wir sollten dies auch tun – gerade wegen der leider konstant hohen Zahlen in den Antisemitismusstatistiken. Immer auffälliger wird, dass Antisemitismus leider ein Alltagsphänomen zu werden droht, das uns in Deutschland von vielen Seiten treffen kann.

antisemitismus In den vergangenen Wochen haben wir erlebt, wie ein stellvertretender Ministerpräsident mit antisemitischen Verfehlungen aus seiner Schulzeit konfrontiert wurde und ihm nichts Besseres einfiel, als lediglich eine Kampagne gegen seine Person zu beklagen. Aufrichtigkeit und Demut sollten den Umgang mit Antisemitismus in Deutschland bestimmen; nicht alle sind so weit. Auch wurde die jüdische Gemeinschaft durch Angriffe auf Symbole jüdischen Lebens, auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen, erschüttert.

Der Vormarsch des Populismus in unserem Land erfüllt uns mit Sorge.

Wir halten dagegen. Wir resignieren nicht: Die Vorfälle werden nicht dazu führen, dass Judentum in Deutschland im Geheimen stattfindet. Im Gegenteil, wir brauchen unsere sichtbaren Gemeinden in Deutschland. Derzeit wird in Magdeburg, Dessau und Potsdam an und für Synagogen gebaut. Wir freuen uns auf deren Fertigstellung im kommenden Jahr. Noch nicht begonnen, aber politisch entschieden, ist der Wiederaufbau der Synagoge am Bornplatz in Hamburg.

Diese positiven Entwicklungen sind nicht eine Erinnerung an die jüdische Vergangenheit in Deutschland, sondern ein Beweis der hoffnungsvollen Zukunft. Letzteres gilt natürlich auch besonders für die Fertigstellung der Jüdischen Akademie des Zentralrats der Juden in Deutschland in Frankfurt am Main. Mit Gottes Hilfe werden wir auch diesem wichtigen Schritt im kommenden Jahr ein großes Stück näher kommen.

gesellschaft Angesichts dieser Entwicklung wirkt die in den letzten Monaten wohl häufiger an uns gestellte Frage, ob wir daran denken, das Land zu verlassen, fast anachronistisch. Ja, der Vormarsch des Populismus in unserem Land erfüllt uns mit Sorge. Er treibt einen Keil in die Gesellschaft. Die Angriffe auf Synagogen, rechtsextreme Terrorakte wie Halle machen bestürzt.

Es kommt darauf an, dass wir mit Gottvertrauen und dem Willen zur Verbesserung ins neue Jahr und in unser Leben gehen.

Auch, dass man in einigen Stadtteilen mit großem Anteil von Bewohnern mit arabischem Migrationshintergrund seine Kippa lieber nicht offen trägt, sogar verprügelt wird, wenn man Hebräisch spricht, ist eine schmerzende Entwicklung. Aber auswandern? Nein. Die Heimat der deutschen Juden ist Deutschland. Ich bin stolz, dass das für die vielen neuen und alten Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft im Jahr 5784 zur Selbstverständlichkeit wird, wie es dies für die Gesellschaft als Ganzes und für unsere alteingesessenen Mitglieder bereits ist.

Viele Jüdinnen und Juden feiern als Teil der Gesellschaft sicherlich auch den Jahreswechsel am 31. Dezember mit. Aber das Heraustreten aus dem Alltag zu Rosch Haschana, das Ordnen der eigenen Prioritäten, erfolgt bei vielen von uns zum jüdischen Jahreswechsel bewusster und mit mehr Ernsthaftigkeit, denn das jüdische Neujahr ist ein Fest der Besinnung und eben kein Tag der Ausgelassenheit; ein Anlass, bei dem man in sich kehrt, zurückschaut und sein eigenes Handeln im vergangenen Jahr reflektiert.

grundsätze War das Jahr 5783 ein süßes Jahr? Es gibt keine einfachen Antworten. Das Leben ist eben süß und sauer, ein in Honig getauchter Apfel. Es kommt darauf an, dass wir mit Gottvertrauen und dem Willen zur Verbesserung ins neue Jahr und in unser Leben gehen. Grundsätze, derer wir uns auch zehn Tage später an Jom Kippur vergewissern.

Die Hohen Feiertage zum Jahreswechsel sind eine ideale Gelegenheit, um Kraft aus unserer gemeinsamen Tradition zu schöpfen. Möge 5784 ein süßes, friedliches, erfolgreiches und gesundes Jahr für uns und für die jüdische Gemeinschaft weltweit werden. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien Schana towa umetuka!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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