Mitzvah Day

Gemeinsam helfen

Schminken, Fußball spielen, basteln – zum Mitzvah Day am Sonntag haben 2000 Freiwillige aus jüdischen Gemeinden Gutes getan. Der jüdische Aktionstag für gute Taten war überschattet von den Terroranschlägen in Paris. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich als Initiator des Mitzvah Day jedoch bewusst entschieden, die Aktionen nicht abzusagen. Sie galten dieses Mal vor allem der Flüchtlingshilfe. Von den mehr als 120 Projekten war etwa ein Drittel Flüchtlingen gewidmet.

Zum Beispiel in Berlin. In einer Flüchtlingsunterkunft im Prenzlauer Berg leben Kinder, die mit ihren Eltern aus Syrien und dem Irak geflohen sind. Derzeit 150 Menschen, davon 50 Kinder auf engstem Raum. Unter ihnen auch das junge Paar Marva Alsinawe (20) und Alahid Suleman (22) aus Damaskus. Sie sind erst seit Kurzem verheiratet und leben bereits 50 Tage in der Flüchtlingsunterkunft, wo keine Trennwand sie vor Blicken schützt, kein Raum ihnen Ruhe bietet, die Möglichkeit gibt, einmal allein zu sein. 50 Tage unter den Blicken der anderen, ein junges Paar, dass sich nichts sehnlicher wünscht als ein kleines Zimmer, das nur ihnen zur Verfügung steht.

aufnahme Oder Fivas Abou Rabiyeh aus Hama in Syrien. Ein amtliches deutsches Papier bescheinigt seine Aufnahme am 6. November dieses Jahres. Seine Frau und sein jüngstes Kind kamen im Krieg um, seine drei Kinder im Alter von acht, neun und elf Jahren, die ihn nach Deutschland begleiteten, hatten das Sterben der Mutter mitansehen müssen. In den Nächten werden sie von den Erinnerungen gequält, der Jüngste nässt ein, die Elfjährige schreit nach ihrer Mutter.

Der 39-jährige alleinerziehende Vater kann die Kinder nachts nicht allein lassen. Andererseits müsste er sich bei der LaGeSo anstellen, denn dort liegt sein Pass. Hätte er diesen endlich in der Hand, würde seine Aufenthaltsgestattung, die noch bis zum 6. Februar 2016 gilt, in eine Aufenthaltsbestätigung von dreieinhalb Jahr umgewandelt werden können. Ein Teufelskreis, in dem er sich befindet und dringend Hilfe braucht, um ihn zu durchbrechen.

Flucht Vielen Menschen sieht man die Strapazen der Flucht und ihre Hilflosigkeit deutlich an. Eine Aktion wie die vom Sonntag kann sie wenigstens für kurze Zeit von diesen Erlebnissen ablenken und für ein paar Augenblicke ein wenig Unbeschwertheit bringen.

Zentralratspräsident Josef Schuster versucht, die Kinder auf andere Gedanken zu bringen. Er verteilt mit Helium gefüllte Ballons an die Kleinen. Bei einigen ist die Freude nur von kurzer Dauer. Voller Eifer greifen sie zu, doch in der Eile entwischt ihnen der soeben ergatterte Ballon. Enttäuscht starren sie an die Decke der Turnhalle, wo schon einige schweben. So fleht ein Kind erneut nach einem grünen Mitzvah-Ballon, der Zentralratspräsident füllt einen neuen und achtet darauf, dass auch wirklich das traurige Mädchen ihn erhält.

Nicht weniger anstrengend ist das Austeilen von Apfelsaft und Bananen. Josef Schuster bedient die Anstehenden freundlich und gelassen. »Die Kinder benehmen sich wie alle Kinder, das ist vollkommen normal«, meint er geduldig, wenn derselbe Junge zum vierten Mal etwas für seine kleine Schwester abholen möchte.

vorzeichen Der Zentralratspräsident hält den Mitzvah Day für sehr gelungen, dennoch findet dieser unter deutlich anderen Vorzeichen statt, als geplant. »Selbstverständlich ist dieser Tag von den Anschlägen in Paris überschattet«, sagt Schuster. »Aber die meisten Menschen, die jetzt nach Deutschland kommen, sind vor dem islamistischen Terror geflohen.«

Es »war uns wichtig, am Mitzvah Day festzuhalten«, so Schuster weiter, sichtbar zufrieden und glücklich, dabei gewesen zu sein. »Würden wir uns jetzt in unserem Leben einschränken und ausgerechnet solche Hilfsaktionen absagen, hätten die Terroristen genau ihr Ziel erreicht. Viele unserer Aktionen heute kamen Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan zugute. Damit möchten wir ein Zeichen setzen: Diese Menschen muslimischen Glaubens haben mit den islamistischen Terroristen des IS nichts gemein. Viele von ihnen sind gerade vor der Gewalt des IS geflohen. Wir dürfen Muslime nicht in Generalhaftung nehmen.«

Kinder Die Stimmung bei den Kindern sei gut, sagt er. »Und was mich besonders freut, sind die Kinder, die hier ohne Vorurteile und lachend in Berlin ihre Freiheit genießen. Das ist sehr wichtig, damit sie auch die traumatischen Erlebnisse, die sie in ihrer Heimat hatten, verarbeiten können.« Dieser Tag war für die Kinder, aber auch für ihre Eltern sehr ereignisreich und aufregend, von Beginn an: Kaum hatten die Mitzvah-Day-Akteure Dekoration oder Schminksachen ausgeteilt, griffen unzählige Kinderhände zu, wollten mit aufbauen, die Girlanden anbringen, ihren Namen auf die Mitzvah-Day-Aufkleber schreiben oder schreiben lassen.

Mädchen liefen nach bravem minutenlangem Stillsitzen mit fein geschminkten Gesichtern in Grüntönen mit Goldglitzer oder Jungen als Piraten mit Augenklappe herum. Als schließlich die beiden Musiker von Aletschko ihre Geige und Gitarre auspackten und spielten, begannen die Kinder zu tanzen. Einige Frauen kamen zögerlich hinzu, bis schließlich auch die Männer ihr Rhythmusgefühl unter Beweis stellten.

Für Josef Schuster war der Besuch in Prenzlauer Berg nicht der erste Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft. Er war bereits als Notfallmediziner in Würzburg mehrfach in einer solchen Einrichtung.

projekte Wie in Berlin fanden an diesem Sonntag neben den vielen Projekten für Flüchtlinge in vielen Städten auch Aktionen für Senioren, für Menschen mit Behinderungen, für Opfer von Terroranschlägen, für bedürftige Menschen, für die Umwelt und den Tierschutz statt. Auch die beiden Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer und Mark Dainow, beteiligten sich an Aktionen in Köln und Offenbach.

Und nebenbei wurden Brücken zwischen den Religionen geschlagen. Wie auch der alleinerziehende Vater Fivas Abou Rabiyeh gesteht, sei es ihm zunächst seltsam vorgekommen, als er hörte, dass Juden Muslimen helfen wollten. Sehr schnell habe er festgestellt: »Sie sind nett, freundlich und herzlich«, und über das Gesicht des ruhig und konzentriert, aber traurig wirkenden Mannes huscht ein kleines Lächeln. ja/hso

Lesen Sie mehr über den Mitzvah Day in der kommenden Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 29.10.2026

Berlin

Wundersame Rückkehr

Eine Delegation des Temple Chai aus Phoenix, Arizona, brachte einen Wimpel und eine Parochet, die 88 Jahre verschollen waren, zurück in die Synagoge Oranienburger Straße

von Alicia Rust  29.10.2026

Frankfurt am Main

L’Chaim! Auf das Leben

Die Gala »WIZO Night for Children« brachte mehr als 560 Patenschaften

von Eugen El  29.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  29.10.2026

Gefahr

Antisemitische Gewalt an Halloween?

In einem Schreiben rät der Zentralrat der Juden für das Wochenende zu Vorsicht und empfiehlt verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

 28.10.2026

Seele

Wenn alles zu viel ist

Erstarkende Extreme, Gedanken ans Auswandern, Rechtfertigen im Alltag – eine virtuelle Begegnung mit Jüdinnen und Juden und der Frage: Wie gehtʼs dir?

von Katrin Richter  27.10.2026

Ausstellung

Waschgefäß ohne Geschichte

Das Jüdische Historische Institut in Warschau zeigt Exponate aus dem ehemaligen Berliner Jüdischen Museum – ohne klare Verweise und mit auffälliger Distanzierung

von Ingo Loose  27.10.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens: Akademie öffnet

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 27.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026