Fontanepromenade

Gedenkort in Kreuzberg?

Künftige Informations- und Begegnungsstätte: Ideen gibt es viele, doch bislang fehlt die Finanzierung für das Projekt. Foto: Chris Hartung

Die Fassade ist verhüllt, der Bauzaun steht noch, Handwerker gehen ein und aus. Das Haus an der Fontanepromenade 15 in Kreuzberg ist noch eine Baustelle, »aber wir liegen im Plan und werden wahrscheinlich im Herbst fertig sein«, sagt Architekt und Unternehmer Marc Brune. Fast ein Jahr lang wurde das Gebäude saniert. Künftig soll die ehemalige »Zentrale Dienststelle für Juden«, die Juden zur Zwangsarbeit verpflichtete, zur Vermietung angeboten werden.

Im Herbst vergangenen Jahres hatten Kreuzberger Bürgerinitiativen einen sofortigen Baustopp gefordert, da sie der Meinung waren, dass an diesem historischen Ort eine Gedenkstätte eingerichtet werden sollte. Anfang dieses Jahres trafen sich erstmals der Architekt und Mitglieder der Initiative »Gedenkort Fontanestraße 15«. Sie wurden sich rasch darin einig, dass die Initiative Räume mieten kann.

Nun luden die Hauptakteure in das Nachbarschaftshaus Urbanstraße ein, um ihr Konzept vorzustellen. Etwa 80 Interessierte kamen, darunter auch einige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Beter der nahe gelegenen Synagoge Fraenkelufer.

erzählcafé Im Dachgeschoss des einstöckigen Gebäudes sollen Wohnungen entstehen, in der einen Hälfte des Erdgeschosses Büroräume eingerichtet werden. Die andere Hälfte wie auch den Keller wäre Brune bereit, der Initiative zu vermieten, sodass insgesamt eine Fläche von 120 Quadratmetern zur Verfügung stünde. »Sofern die Mitglieder nachweisen können, dass sie für die nächsten fünf Jahre die Miete aufbringen, würden sie den Zuschlag bekommen«, sagt Brune.

Bisher bietet er die Räume nicht auf dem Markt, dabei gebe es bereits Anfragen von Galeristen. Die Kosten würden im unteren Segment der marktüblichen Miete liegen. »Das wäre mein Beitrag zur Gedenkarbeit«, so Brune. Außerdem soll das Haus am Tag des Offenen Denkmals Besuchern zugänglich sein. »Am liebsten wäre es mir, wenn auch ein jüdischer Kindergarten hier einziehen würde«, sagt der Architekt.

Die Initiative »Gedenkort Fontanestraße 15«, deren Mitgründer Lothar Eberhardt ist, plant eine Informations- und Begegnungsstätte. Ebenso soll hier wissenschaftlich gearbeitet werden. Zudem sind Ausstellungen, Lesungen, ein Erzählcafé, Zeitzeugenvideos und Angebote für Schüler vorgesehen. Die Historikerin Susanne Willems, ebenfalls aktiv in der Initiative, plant außerdem Forschungsarbeiten zur Zwangsarbeit. Bislang stieß sie auf mehr als 120 private Unternehmen, in denen Juden Zwangsarbeit leisten mussten. Am meisten jedoch hätten die Stadt Berlin und die Rüstungsindustrie davon profitiert. Die Historikerin will die Firmen nun auffordern, sich an den Kosten für die Gedenkstätte zu beteiligen.

finanzierung Um im Oktober einziehen zu können, braucht die Initiative eine Anschubfinanzierung von 48.000 Euro und für die nächsten drei Jahre eine Zusage über eine Summe von 136.000 Euro. Eberhardt und Willems hoffen auf finanzielle Unterstützung durch den Berliner Senat. »Wir werden den Senat nicht aus seiner gedenkpolitischen Verantwortung entlassen«, so Eberhardt.

»Die Zahlen sind in unseren Gesprächen nie erwähnt worden«, sagt Daniel Bartsch, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Kultur. Um einen entsprechenden Antrag einbringen zu können, bräuchte man eine genaue Aufstellung und ein exaktes Konzept. »Das Parlament entscheidet über die Bewilligung von Geldern, wir sind dem Parlament verpflichtet«, begründet Bartsch.

Derzeit gebe es gegenüber der Initiative weder Zu- noch Absagen. »Wir sind im Gespräch. Der Einsatz der Mitglieder ist lobenswert.« Die Senatsverwaltung könne sich gut vorstellen, die Fontanepromenade in ihr neues stadtweites Gedenkstättenkonzept zum Thema Zwangsarbeit mit einzubeziehen. Denn laut Koalitionsvertrag sollen Berliner Gedenkorte, die sich diesem Thema widmen, perspektivisch in einer eigenen Stiftung gebündelt werden. »Aber wir sind am Anfang und brauchen noch Zeit. Wir würden deshalb auch helfen, einen Zwischenmieter für die Räume zu finden«, sagt Bartsch. Denn dass die Initiative bis Oktober alles fertig hat, bezweifelt er – zumal in seinen Augen auch das Konzept geschärft werden müsste.

alleinstellungsmerkmal Das meint auch Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. In einem Schreiben an die Initiative und den Senat, das der Jüdischen Allgemeinen vorliegt, hat sich Tuchel mit dem Konzept auseinandergesetzt. »Die besondere Bedeutung des Ortes liegt doch in der Organisation der Zwangsarbeit von Jüdinnen und Juden zwischen 1938 und 1943 – genau hier würde ich den Schwerpunkt und das Alleinstellungsmerkmal dieses Erinnerungsortes sehen.« Daher sollten die weiteren Planungen für einen Gedenkort Fontanestraße in enger Abstimmung mit den weiteren konzeptionellen Überlegungen für das »Dokumentationszentrum Zwangsarbeit« bei der Stiftung Topographie des Terrors stattfinden.

Die Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre in der Gedenkstättenarbeit hätten gezeigt, dass Erinnerungsorte umso besser angenommen werden, je präziser sie ihr spezifisches Anliegen formulieren und konkretisieren. Der Senat sei »auf dem richtigen Weg, alle Orte und Aktivitäten zu diesem Themenbereich zu bündeln«, meint Rabbiner Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

Das Grundanliegen der Bürgerinitiative sieht der Historiker positiv. Für seine Mutter, die kürzlich verstorbene Lilli Nachama, hätte die Fontanepromenade immer als Synonym für die Zwangsarbeit gestanden. »Es ist aber ein Ort der Täter, nicht der Opfer«, betont Nachama. Er erinnerte daran, dass auch die Gedenkstätte Topographie des Terrors einmal aus einer Bürgerinitiative heraus entstanden sei: aus einem Ausstellungsprojekt anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins 1987. »So werden Ideen eingebracht, und es wird etwas angestoßen.« Beim Thema »Jüdische Zwangsarbeit« gebe es immer noch »eine Reihe weißer Flecken«.

diskussion Umso mehr begrüßt Bezirksstadträtin Clara Herrmann (Grüne) die »Diskussion anhand von Konzepten«, bei der es auch darum gehen müsse, »die Qualität der Formen des Gedenkens« zu sichern. Herrmann prüft derzeit ein weiteres Konzept, das die Soziologin Stella Flatten eingereicht hat: Deren langjähriges Engagement hatte die vergessene Geschichte des Hauses überhaupt erst wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

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