Berlin

Gedenken im Gemeindehaus

Rappoport, Lena, Reich, Ida – vor dem Gemeindehaus in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg waren die Schüler, die am Freitag seit den frühen Morgenstunden die Namen der 55.696 in der Schoa ermordeten Berliner Juden aus dem Gedenkbuch des Landes Berlin lasen, beim Buchstaben R angekommen, als die ersten Berliner zur Gedenkveranstaltung ins Gemeindehaus gingen.

Neben der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erinnerten zahlreiche Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Kirchen und Verbänden an die Novemberpogrome vor 81 Jahren.

Schoa Unter den Gästen waren neben Schoa-Überlebenden auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff, der frühere Bundesaußenminister und Grünen-Politiker Joschka Fischer und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Müller, der zuvor an der Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus anlässlich 30 Jahren Mauerfall teilgenommen hatte, betonte in seiner Gedenkrede, der 9. November könne »niemals für uns nur ein Tag der Freude und des Glücks sein«.

Der Regierede Bürgermeister rief dazu auf, Antisemitismus und andere Formen der Ausgrenzung zu bekämpfen. Dafür sei das »nachhaltige Engagement aller« nötig.

Wachsamkeit Die Erinnerung an die NS-Verbrechen bleibe eine »fundamentale Aufgabe, bei der es keinen Schlussstrich geben« dürfe, sagte Müller. »Das Gedenken und die Auseinandersetzung mit dieser Barbarei mahnen auch heutige und kommende Generationen zur Wachsamkeit und zum Handeln.«

Das Gedenken sei mit dem »ganz klaren Aufruf verbunden, zu widersprechen, wenn Vorurteile und Hass verbreitet werden«. Die Gesellschaft müsse solidarisch zusammenstehen und mehr tun, um antisemitischen Tendenzen klar entgegenzutreten.

Grußwort Müller griff damit die Worte von Gideon Joffe auf. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hatte in seinem Grußwort angesichts des zunehmenden Antisemitismus zu neuen Formen des Gedenkens aufgerufen.

Man müsse möglicherweise im Kampf gegen Antisemitismus neue Wege beschreiten. So schlug Joffe vor, jeder Schüler solle einmal Israel besuchen.

»Ich bin davon überzeugt, dass die Art und Weise, wie man in den vergangenen Jahrzehnten den Kampf gegen Antisemitismus geführt hat, gut und richtig war. Aber für die Zukunft haben wir ein riesiges Problem: Wenn wir den Menschen das Judentum näherbringen wollen, darf der Fokus nicht nur auf den Ermordeten liegen – sondern auf dem jüdischen Leben heute«, sagte Joffe.

Kranz Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung legten Gemeindemitglieder und Gäste am Mahnmal des jüdischen Gemeindehauses Kränze nieder. Isidoro Abramowicz, Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sang das El Male Rachamim. Gemeinderabbiner Jonah Sievers sprach das Kaddisch.

Zu dem Gedenken war wegen des Schabbat bereits am Vortag des 9. November eingeladen worden.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 waren die Nazis mit den Novemberpogromen zur offenen Gewalt gegen Juden übergegangen. Zahlreiche Synagogen waren zerstört, hunderte Menschen ermordet worden.

Lesen Sie mehr dazu in unserer nächsten Printausgabe.

Hamburg

Altona war schon immer toleranter

Ein Projektraum im Regionalmuseum zeigt 400 Jahre jüdische Geschichte der gesamten Hansestadt

von Heike Linde-Lembke  16.02.2026

München

Brauchtum zu Besuch

Der Tanz der Schäffler im Hof der Sinai-Grundschule verband auf besondere Weise Geschichte und gelebte Gemeinschaft

von Esther Martel  16.02.2026

Restitution

Ideeller Wert

Provenienzforscher der Goethe-Universität übergeben der Jüdischen Gemeinde Frankfurt fünf Bücher

von Katrin Richter  16.02.2026

Trauer

Macher und »Mentsch«

Moritz Rajber war Netzwerker mit Leib und Seele. Nun ist er wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag gestorben

von Ellen Presser  16.02.2026

Konzert

Neue Klangwelten

Fünf Chöre laden zu einem Abend mit hebräischer, jiddischer, israelischer und synagogaler Musik. Dirigenten und Sänger erzählen, was sie mit ihren Ensembles verbindet

von Christine Schmitt  15.02.2026

Porträt der Woche

Die Gründerin

Gabriela Fenyes ist Journalistin und engagiertes Gemeindemitglied

von Heike Linde-Lembke  15.02.2026

Frankfurt

Ein Abend – trotz allem

Im Philanthropin sprachen die Schoa-Überlebende Eva Szepesi und Ella Shani, eine Überlebende des 7. Oktober, über Zeitzeugen, Schüler und Erinnerungen

von Raquel Erdtmann  12.02.2026

Karneval

Ganz schön jeck

Die Düsseldorfer Gemeinde lud zum traditionellen Prinzenpaarempfang. Sie will damit ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen

von Jan Popp-Sewing  12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026