Pessach

Gebot der Zuversicht

Was wir einst gefeiert haben, muss heute erneut geleistet werden. An Pessach wird an die Befreiung des jüdischen Volkes aus der Sklaverei erinnert. Foto: Getty Images/ iStockphoto

Das jüdische Volk hat Pessach, das Fest seiner Befreiung, in den vergangenen Jahrtausenden schon oft unter schwierigen Bedingungen gefeiert. Die Umstände waren dabei häufig weit bedrückender als heute, aber das ist ein schwacher Trost. Besorgnis und Unsicherheit angesichts der vielen Krisen trüben die Vorfreude in diesem Jahr auch in München ganz erheblich ein.

Im Angesicht einer heiklen Gegenwart denke ich oft an die Vergangenheit zurück. Mir steht dabei besonders ein Foto vor Augen, das mir vor einigen Jahren zum ersten Mal untergekommen ist. Es wurde Ende der 40er-Jahre in einem Displaced-Persons-Camp in Traunstein aufgenommen und zeigt einen gut besuchten Seder. Unzählige Menschen drängen sich in einem viel zu kleinen Raum um die Sedertafel, auf der die Mazzen schon bereitliegen. Alle sind fein herausgeputzt, die meisten müssen wegen des Andrangs stehen. Die Stimmung ist erkennbar gelöst.

verfolgung Den fröhlichen Gesichtern ist das Erlebte jedoch noch deutlich anzusehen: die Jahre der Verfolgung, das Überleben, schließlich die Unterkunft in einem Übergangslager ausgerechnet in Deutschland. Trotzdem drückt das Bild auch Zuversicht aus – Vorfreude auf eine jüdische Zukunft, die selbstbestimmt gestaltet werden kann. Auf Pessach, auf Chag ha-Cherut, das »Fest der Freiheit«, das damals sinnbildlich stand für den Aufbruch aus Dunkelheit und Unterdrückung. Dazu passend lautet der Titel des Bildes, das im Archiv des United States Holocaust Memorial Museum in Washington verwahrt wird, »Return to Life«: Rückkehr ins Leben.

Diese Rückkehr ist der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gelungen. Die jüdischen Menschen, die hierzulande nach 1945 geboren und aufgewachsen sind, haben ihr Leben in Wohlstand und vor allem Frieden geführt. Das Wunder der Errettung aus Pharaos Sklavenhaus, die Kernbotschaft von Pessach, mussten sie nie am eigenen Leib nachvollziehen, denn die Erfahrung von Krieg und Verfolgung blieb ihnen – G’tt sei Dank – erspart.

Der Wunsch zu helfen vereint in unserem Haus alle Herkünfte und Hintergründe.

So lange währte diese Phase fast überall in Europa, dass sie uns bald als politisch-gesellschaftlicher Naturzustand erschien. Bis wir zuletzt einsehen mussten, dass der Frieden so selbstverständlich nicht ist. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine marschiert heute wieder der Ungeist des Krieges durch Europa. Wir werden Zeugen von Mord und Barbarei.

Dieser Krieg und seine unfassbare Brutalität schockieren – und stellen uns vor große Herausforderungen. Aufgabe der Politik ist es, Russland mit aller Härte zum Ende seiner Aggression zu bewegen. Aktuelle Bequemlichkeiten dürfen dabei keinen Vorzug vor dem dauerhaften friedlichen Zusammenleben der Völker in Europa erhalten. Ebenso stehen aber auch wir als Gesellschaft und als Bürger unseres Landes in der Pflicht, denen zu helfen, die zum Schutz ihres nackten Lebens ihre Heimat verlassen mussten. Das betrifft auch und besonders die jüdische Gemeinschaft, und sie nimmt diese Verantwortung an.

hilfe Allein die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern hat seit Beginn des Krieges mehrere Hundert vor allem jüdische Flüchtlinge und ihre Angehörigen versorgt. Wir bieten diesen Menschen das, was für ein religiöses jüdisches Leben nötig ist, sowie – wie auch immer unsere Kapazitäten dies zulassen – praktische Unterstützung in Fragen von Unterkunft, Betreuung und Behördengängen. Zusammengenommen ist all das auch für eine große und leistungsfähige Gemeinde wie die IKG ein Kraftakt, der ohne die beispiellose Hilfs- und Spendenbereitschaft unserer Mitglieder kaum zu bewältigen wäre.

Der Wunsch zu helfen vereint in unserem Haus alle Herkünfte und Hintergründe: Ganz gleich, ob die eigenen Großeltern in Deutschland oder Amerika, Israel oder Osteuropa gelebt haben, die IKG steht heute geschlossen an der Seite der Menschen in der Ukraine. Und sie hilft auch weiterhin mit allem, was sie hat.

Die »Rückkehr ins Leben«, für die Pessach auch in diesem Jahr steht, hatten wir uns so nicht gewünscht. Jeder jüdische Mensch zieht alljährlich zum Seder aus Ägypten aus, aber nicht allen Bedrohungen der Jetztzeit können wir genauso entfliehen. Uns bleibt deshalb zum einen die Verpflichtung zu Hilfe und Unterstützung, gekleidet in das Gebot, den Fremden nicht zu bedrücken, weil auch wir einst Fremde in Ägypten waren.

hoffnung Zum anderen aber bleibt uns das Gebot der Zuversicht und einer Hoffnung der Tat. Uns bleiben die Sicherheit, die Zusammenhalt stiftet, und die Überzeugung, dass Tyrannei auf lange Sicht nicht besteht. Wie das Freiheitsfest Pessach selbst ist »Rückkehr ins Leben« ein überzeitlicher Gedanke, der vergangene Freude und künftigen Auftrag miteinander verknüpft. Was wir einst gefeiert haben, muss heute erneut geleistet werden. Ich habe keinen Zweifel, dass das jüdische Volk und die Verteidiger der Freiheit in aller Welt diesem ihrem historischen Auftrag gerecht werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Liebsten ein fröhliches und friedliches Fest. Chag Pessach Kascher we-Sameach!

Anoha

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