Kassel

Ganz sicher

Gut beschützt wird die Synagoge in Kassel. Foto: Joachim Tornau

Wenn Esther Haß die neuen Fenster im Gemeindebüro öffnen will, ruft sie ihren Sicherheitsbeauftragten. Aber nicht, weil das ohne ihn zu gefährlich wäre. Die kleine und zierliche Frau, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Kassel, braucht bloß seine Kraft. »Allein schaffe ich es einfach nicht mehr, die Fenster auf Kipp zu stellen«, sagt sie. Wegen des schweren Panzerglases, das jetzt in alle Türen und Fenster der Synagoge eingebaut wurde.

Wie in allen jüdischen Gemeinden in Hessen wurden seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres auch in Kassel die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt. In sämtlichen Räumen gibt es nun Alarmknöpfe, im Apartment des Rabbiners genauso wie in Bibliothek, Büro oder Küche und natürlich im Synagogensaal. Wird der Knopf gedrückt, landet das sofort als Notruf bei der Polizei. Dass das noch neu und ungewohnt ist, zeigen die kopierten DIN-A4-Zettel, die mit Tesafilm neben den Alarmknöpfen angepinnt sind. Sie erklären. Und sie warnen: Wer den Notruf ohne Grund auslöst, muss 350 Euro zahlen.

Kamera Statt einer einfachen Eingangstür gibt es jetzt eine Eingangsschleuse. Wer in die Synagoge kommt und unbekannt ist, muss sich bei Leonid Aleynikov, dem Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde, ausweisen. Der Mann, so freundlich wie breitschultrig, sitzt hinter einem Panzerglasfenster mit gesicherter Durchreiche. »Wie in einer Bank«, scherzt er. In seinem wenige Quadratmeter messenden Sicherheitskabuff, das vom ohnehin schon nicht großen Sekretariat abgeknapst werden musste, hat Aleynikov zudem die Bilder der Überwachungskameras im Blick, die zusammen mit Scheinwerfern und Bewegungsmeldern rings um das Gebäude installiert wurden.

Er ist mit den Veränderungen zufrieden. »Ich fühle mich viel sicherer als früher«, sagt er. »Ich kann jetzt alles besser kontrollieren.« Und zumindest eine ganz konkrete Auswirkung der Kameras hat er bereits registrieren können: Auf dem Gehweg vor dem Gebäude liege mittlerweile deutlich weniger Abfall, sagt Aleynikov und lacht. »Ich finde morgens kaum noch leere Pizzakartons.«

Der Charakter der Synagoge hat sich verändert.

Auch viele Gemeindemitglieder, berichtet Esther Haß, seien dankbar für die erhöhte Sicherheit. »Vorher bin ich manchmal gefragt worden: Was ist, wenn hier jemand mit einer Schusswaffe kommt?« So wie in Halle an der Saale, als ein schwer bewaffneter Neonazi an Jom Kippur 2019 versucht hatte, in die Synagoge einzudringen.

Gemeindeleben Der Gemeindevorstand aber sieht die Umbauten trotzdem auch mit einem weinenden Auge. »Wir als Verantwortliche wissen, dass das jetzt als sicher gilt«, sagt Haß. »Aber glücklich sind wir nicht.« Das liegt weniger an den aufwendigen Bauarbeiten, die das Gemeindeleben geraume Zeit zum Erliegen brachten – selbst die Gottesdienste mussten zwei Monate lang ausfallen –, sondern vor allem daran, wie sich der Charakter der Synagoge verändert hat.

Das von dem Frankfurter Architekten Alfred Jacobi entworfene Gebetshaus an der Bremer Straße, errichtet nahe dem Grundstück, auf dem die 1938 von den Nazis zerstörte alte Kasseler Synagoge stand, wurde im Jahr 2000 eröffnet. Es ersetzte einen zu klein und baufällig gewordenen Vorgängerbau aus den 60er-Jahren, die moderne Architektur sollte Offenheit signalisieren. »Wir wollten keinen Stahlgitterzaun ringsum, sondern wir wollten uns öffnen«, sagt Haß. »Diese Offenheit ist jetzt weg.«

Wo früher frei in das Gemeindezentrum hineingeschaut werden konnte, verwehrt nun Milchglas den Einblick. Die Eingangstür wird zudem nicht mehr einfach offen stehen können, wie das sonst im Sommer der Fall war. Nicht einmal einen Briefkasten darf es noch geben. Und wer sich der Synagoge von der dem Eingang abgewandten Seite nähert, sieht stählerne Stacheln, die auf einer hohen Betonmauer nach außen ragen, und dahinter Kameras. Es fällt schwer, dabei nicht an einen Hochsicherheitstrakt zu denken. Einladend? Eher nicht.

fachleute Konzipiert wurden die neuen Sicherheitsmaßnahmen von Fachleuten der Polizei. Um die Umsetzung kümmerte sich in Kassel wie in den anderen neun Gemeinden in Hessen der Landesverband der Jüdischen Gemeinden, das Geld kam von Bund und Land. Auslöser war der antisemitische Terroranschlag von Halle.

Dass solche Maßnahmen nötig sind, bedrückt den Gemeindevorstand.

Dass solche Maßnahmen nötig sind, bedrückt den Gemeindevorstand.
Doch in Nordhessen nicht nur das. Nach dem rechtsextrem motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 hatte die Polizei beim Täter auch Observationsprotokolle der Synagoge gefunden. Mehrfach muss der Neonazi in den Nullerjahren zusammen mit Gleichgesinnten das jüdische Gemeindezentrum beobachtet haben, sie notierten Autokennzeichen, sammelten Namen.

Während der Täter zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, leben die meisten seiner Gesinnungsgenossen von damals nach wie vor in Kassel, frei und ungeläutert. Und bereits 2006 hatten die Rechtsterroristen des »Nationalsozialistischen Untergrunds« in Kassel den Internetcafébetreiber Halit Yozgat erschossen. Wer ihnen vor Ort half, ist bis heute immer noch ungeklärt.

Notwendigkeit Am Sinn zusätzlicher Schutzvorkehrungen für die Synagoge zweifelt deshalb auch der Kasseler Gemeindevorstand nicht. »Was uns bedrückt«, sagt Esther Haß, »ist etwas anderes: dass solche Sicherheitsmaßnahmen überhaupt nötig sind.« Was, auch das zu betonen ist ihr wichtig, nicht an den Juden liege. Sondern an der Gesellschaft.
Auf seinem Handy zeigt Leonid Aleynikov Fotos, aufgenommen im Herbst des vergangenen Jahres. Draußen auf die Synagoge hatte jemand die Parole »309 lebt!« gesprüht, in roten Lettern.

»Das war wirklich blutrote Schrift«, erinnert sich Haß, und ihr Schaudern ist dabei noch immer zu spüren. Eine unmissverständliche Drohung sei das gewesen, ein Verweis auf das nationalsozialistische Polizei-Bataillon 309, das beteiligt war an der Schoa. Verantwortlich unter anderem für das Massaker an mehr als 2000 Jüdinnen und Juden in Białystok am 27. Juni 1941. Die neuen Überwachungskameras waren an jenem Abend zwar schon installiert. Nur angeschlossen waren sie leider noch nicht.

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026