Stuttgart

Ganz andere Saiten

»Ich wäre ein guter Violinist geworden«, meint Martin Meir Widerker, der seit frühester Jugend musiziert. Foto: Edgar Layher

»Es war im Kindergarten in Tel Aviv«, erinnert sich Martin Meir Widerker, »ich war fünf Jahre alt, uns besuchten Musikfachleute, die musikalische Talente suchten«. Die Männer gaben den Kindern Trommeln in die Hand und forderten sie auf, rhythmische Übungen zu wiederholen.

»Wahrscheinlich bin ich einer von den Guten gewesen, denn kurz danach begann ich, Violine zu lernen«, berichtet Widerker. Seine Eltern waren 1935 als Zionisten von der Ukraine nach Palästina gekommen, ihr Sohn Martin wurde im gleichen Jahr in Tel Aviv geboren. Das Violinenspiel bereitete dem Jungen so viel Spaß, dass er nicht nur regelmäßig morgens brav seine Übungen absolvierte, sondern er gab auch schon mit zwölf Jahren sein erstes Konzert vor Zuhörern.

israel – polen Doch zu dieser Zeit lebte die Familie nicht mehr im Jischuw, sondern in Wroclaw, dem früheren Breslau. Junge Talente zu fördern, gehörte seit der Gründung der Volksrepublik Polen, der Polska Rzeczpospolita Ludowa, im Jahr 1945 zum Selbstverständnis der sozialistischen Politik.

Der junge Martin besuchte das Musikkonservatorium, bis ihm – wie er selbst sagt – ein nicht sehr pädagogischer Lehrer das Geigenspiel vermieste. »Meine Improvisationen beim Spielen von Klassikern wie Brahms und Schubert gefielen ihm nicht, er war schockiert«, sagt Widerker. Die Geige blieb im Kasten. »Ich bin überzeugt, ich wäre ein guter Violinist geworden«, bedauert der 72‐Jährige noch heute.

Doch nicht nur dieser Part seines Lebens verlief anders, als er es sich gewünscht hätte. Dass die Familie Widerker 1946 in Polen in gewisser Weise hängen blieb, war auch alles andere als geplant gewesen. »Wir wollten meinen Onkel besuchen, der sich große Verdienste als Partisan erworben hatte und im jungen polnischen Staat eine hohe gesellschaftliche Position einnahm«, erzählt er. Doch als die Familie Widerker nach diesem Besuch zurück nach Palästina wollte, wurde ihr die Einreise verweigert, Polen wurde unfreiwillig dritte Heimat.

deutschland Martin machte Abitur in Polen, er wollte Flugzeugtechniker werden, bewarb sich an der Lomonossow‐Universität in Moskau. »Geboren in Tel Aviv?«, fragte der Leiter der Bewerbungskommission und lehnte ohne weitere Prüfung die Studienbewerbung ab. 1958 wanderte die Familie in die Bundesrepublik Deutschland aus. Der Antisemitismus in Polen hatte deutlich zugenommen.

Die Violine wanderte mit aus, blieb aber nach wie vor viel zu oft ungenutzt. In Stuttgart studierte Widerker Elektrotechnik und Betriebswirtschaftslehre. Dann starb der Vater, der Sohn übernahm die Verantwortung für die Familie, heiratete selbst, bekam mit seiner Frau Kinder und gründete ein Unternehmen. »Jeden Schabbat, jeden Feiertag werden die alten Lieder gesungen, und ich erfand eigene Melodien, mit und ohne Text, manche im Stil der Nigunim«, berichtet Widerker.

hochzeit Nigunim sind religiöse, sehr gefühlsbetonte und meist rhythmisch stark gegliederte Gesänge. Erfunden wurden sie von den Chassiden, die sie zu vielen Anlässen sangen. Formal sind die Nigunim Improvisationen ohne Sprachlogik. Statt Texten werden Silben geformt. »Die Nigunim nach Art der Chassidim aus Wischnitz, Satmar und des Bobewer Rebben haben mein Herz erfreut. Meine Musikalität, Intensität und Leidenschaft für diese Gesänge haben mich inspiriert, neue Melodien zu erfinden«, sagt Widerker.

partitur Bei der Hochzeit eines der vier Kinder in Zürich trug er ein paar seiner Lieder vor. »Mach was draus«, forderte ein Rabbiner ihn auf. Zurück in Stuttgart und Jahre später, wandte sich Widerker an den Komponisten Georg Wötzer. Dass in der jüdischen Religion so viel Musik steckt, hatte Wötzer öfter in der Synagoge erlebt. »Er hat ein großes Gefühl und Verständnis für jüdische Musik«, lobt ihn Widerker. Tatsächlich nahm Wötzer die auf einen Tonträger gesungenen Schabbat‐melodien von Martin Widerker zum Anlass, um sie in instrumentaler Form für ein Konzert zu arrangieren.

Zehn Schabbatlieder wie »Baruch El Eljon« und »Jom sze LeIsrael«, gesungen und gespielt von Frank Wörner (Bassbariton), Stefanie Faber (Klarinette) und Katjana Sedelmayer (Akkordeon), fanden in der Moderation durch den Dozenten für Judaistik Joseph Rothschild an der Musikhochschule Stuttgart den Weg in die Öffentlichkeit. 150 Seiten umfasst die Partitur.

»Es war ein wunderschönes Konzert«, strahlt Martin Widerker noch heute. Inzwischen hat er sich bei der Gesellschaft für musikalische Aufführungs‐ und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) als Komponist eintragen lassen.

enkel So schnell gibt sich einer wie Widerker nicht zufrieden. Er wünscht sich, dass die Lieder in vielen Familien und Gemeinden am Schabbat beim gemeinsamen Kiddusch gesungen werden. »Ich bin vom Ewigen mit vielen Begabungen beschenkt worden, er hat mir ein erfolgreiches Leben vermittelt. Das Leben besteht aus Geben und Nehmen; die Schabbatlieder sind auch etwas, das ich dem Ewigen gebe.« Sein musikalisches Talent hat er offenbar an seine Enkel weitergegeben: Zwei spielen Gitarre, für einen dritten sucht die Familie nach einem guten Lehrer, und eine Enkelin besucht den Ballettunterricht.

Viele der knapp 3.000 Mitglieder zählenden Gemeinde in Württemberg sind Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Das musikalische Potenzial in den Familien ist enorm – sicht‐ und hörbar auch beim alljährlich stattfindenden Karl‐Adler‐Musikwettbewerb für Kinder und Jugendliche. Gemeinsam mit der Stuttgarter Klavierpädagogin Margarita Volkova‐Mendzelewskaya rief Widerker im Jahr 2007 den Wettbewerb ins Leben und sponsert ihn bis heute gemeinsam mit anderen Förderern.

instrumente Inzwischen ist der Wettbewerb zu einer Talentschmiede weit über die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg hinaus geworden: Die Kinder und Jugendlichen kommen aus der ganzen Bundesrepublik angereist. Musik auch als Unterrichtsfach ist Widerker so wichtig, dass er die Schüler der jüdischen Grundschule in Stuttgart mit den notwendigen mobilen Musikinstrumenten versorgte.

Unternehmer, Familienvater, engagiertes Mitglied der Gemeinde und im Zentralrat, langjähriger Vorsitzender des Makkabi Stuttgart und Vorsitzender des Keren Hayesod in Stuttgart und Württemberg – das sind nur einige Arbeits‐ und Lebensfelder Widerkers. Bleibt dennoch Zeit für die Musik? »Ich bin offen für jede Art von Musik«, antwortet er. »Ich liebe besonders Dmitri Schostakowitsch und Michail Glinka. Im Familienkreis spiele ich Violine und bin in Vorbereitung der Vertonung mehrerer Psalmtexte. Am besten gefällt mir der Psalm ›Schirat Hajam‹, als Moses das Volk Israel durch das Meer geführt hat.«

Meinung

Was erlauben Schulz!

Was tun, wenn plötzlich ein AfD-Vertreter vor der Tür steht? Und obendrein noch behauptet, er sei Jude?

von Martin Krauss  26.03.2019

Porträt der Woche

»Eine Reise ins Ungewisse«

Polina Manelis ist Sängerin, kommt ursprünglich aus Kiew, lebt in München und fühlt sich in Europa am wohlsten

von Katrin Diehl  26.03.2019

Düsseldorf

Zu Hause an Rhein und Ruhr

Knapper, präziser, jünger – die Jüdischen Kulturtage haben eine Wandlung vollzogen

von Annette Kanis  22.03.2019