Kompetenz

Für alle Fragen offen

Das erste Programm steht: Doron Kiesel und Sabena Donath überreichen Zentralratspräsident Dieter Graumann (v.l.) ihr Konzept. Foto: Marco Limberg

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich für die Zukunft mehr Bildung, Kultur und Service verschrieben. Am vergangenen Donnerstag eröffnete Präsident Dieter Graumann die Bildungsoffensive in den Räumen des Zentralrats in der Berliner Johannisstraße. »Es ist ein großer Tag für die jüdische Gemeinschaft«, sagte Graumann. Bildung und Judentum seien eng miteinander verflochten. Er verwies auf die jüdische Historie, in der die Gelehrten die Geehrten gewesen seien. »Bildung ist der Herzmuskel des Judentums.«

Eine Jüdische Akademie sei die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches, betonte Graumann, der neue Staatsvertrag mache ihn möglich. Mit Doron Kiesel und Sabena Donath habe man kompetente Fachleute für die künftige Akademie gefunden. Das Präsidiumsmitglied Heinz-Joachim Aris wird die politische Verantwortung für die Akademie übernehmen.

Doch bevor es so weit ist, wird die Bildungsabteilung des Zentralrats Möglichkeiten und Inhalte in Hinblick auf eine Akademietauglichkeit ein Jahr lang austesten. Den Anfang machten am Donnerstagabend jüdische Bildungsträger, Vertreter der Gemeinden, Rabbiner sowie die Direktoriums- und Präsidiumsmitglieder, indem sie erste inhaltliche Weichen für die Bildungsabteilung stellten.

Themenvorschau Sie wird zunächst altbekannte Themen weiterführen wie Fundraising, Projektmittelabrechnung, Satzungen und Wahlen sowie Öffentlichkeitsarbeit als Weiterbildungsseminare, die der Zentralrat schon seit zehn Jahren Gemeindemitarbeitern und -funktionären anbietet, betonte Sabena Donath in ihrer Jahresvorschau. Hinzu kommen gesellschaftsrelevante und politische Fragen um den Konfliktherd Naher Osten, Antisemitismus oder die Beschneidungsdebatte. Drittes Standbein ist die religiöse Ausbildung.

Ohne die Mitarbeit aus den Gemeinden sei der Aufbau der Akademie jedoch nicht denkbar. »Sie sind nicht unsere Gäste, sie sind unsere Experten«, forderte Kiesel die Zuhörer zur aktiven Mitarbeit auf. So war dann auch der Auftaktabend als kollektives Brainstorming angedacht. Eine Podiumsdiskussion eröffnete mit der gemeinsamen Überlegung, was gelehrt werden soll, in welcher Form, welche Erwartungen an eine jüdische Akademie gestellt werden.

Religion Nach einer kurzen Podiumsrunde mit Rifka Ajnwojner, Studentin in Frankfurt, dem Juniorprofessor für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte in Heidelberg, Frederek Musall, Rabbiner Joshua Spinner, Vizepräsident der Lauder-Foundation, sowie dem Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik eröffnete Moderatorin Shelly Kupferberg das Gespräch schon bald zum Auditorium.

Alle zeigten sich in ihrem Wunsch nach einer fundierten jüdisch-religiösen Bildung einig, die dazu dienen soll, eine jüdische Identität herauszubilden. Um das zu ermöglichen, forderte Rabbiner Spinner direkte Zugangsmöglichkeiten zu den rabbinischen Schriften und Material auf Hebräisch, Deutsch und Russisch. »Juden müssen wir werden«, zitierte Frederek Musall den führenden Vertreter des orthodoxen Judentums, Samson Raphael Hirsch. Eine Jüdische Akademie habe für diesen Prozess Orientierungspunkte zu geben.

Dafür schlug Rifka Ajnwojner eine Akademie an neutralen Plätzen vor. »Junge Leute sehen sich nicht in der Gemeinde. Sie muss man anders ansprechen, unabhängig von der Gemeinde«, betonte Ajnwojner. Sie könne sich eine Akademie im Internet vorstellen, die nicht physisch an einen Ort gebunden ist.

Rabbiner Moshe Baumel aus Osnabrück befürchtete, dass bei der Entscheidung für einen festen Standort etwa in Berlin die Menschen aus den Gemeinden herausgezogen würden. »Sie brauchen beim Lernen jedoch den persönlichen Kontakt.« Eine Überalterung auch bei den Referenten bemängelte Roberto Fabian, Leiter der Jüdischen Volkshochschule in Frankfurt am Main. Er regte an, Synergieeffekte eigener Programme für die Akademie zu nutzen. So könnten Ideen weitere Verbreitung finden, indem sie beispielsweise von der Jüdischen Akademie finanziert würden.

Micha Brumlik sieht die Themen einer Jüdischen Akademie offen vor sich liegen: Wie könnte eine jüdische Bioethik im Gegensatz zur katholischen aussehen, gibt es eine jüdische Wirtschaftsethik, Rechtstraditionen im Judentum oder diasporische Lebensformen als bewusste Wahl?

Klausur Miriam Halberstam, Verlegerin von Kinderbüchern, schlug eine Akademieform vor, die sie ein »Machane für Erwachsene« nannte. In der Klausur könne man am besten konzentriert lernen und arbeiten, um dann gut vorbereitet nach außen gehen zu können. Ein Stichwort, dass viele bewegte: Basis schaffen, eine Grundlage, um aus einer gestärkten Identität, wie es auch die Gemeindevorsitzende aus Mannheim, Schoschana Maitek-Drzevitzky, betonte.

»Was wird uns von den christlichen Akademien unterscheiden?«, fragte Elvira Grötzinger von der WIZO. »Schaffen wir uns nicht einen Elfenbeinturm?«, befürchtete die Künstlerin Anna Adam. Sophie Mahlo, Gründerin des Lernfestivals Limmud, entwickelte die Idee, Experten in die Gemeinden zu schicken, um die von der Bremer Gemeindevorsitzenden Elvira Noa vermisste jüdische Intellektualität zu fördern.

Außen- und Innenwirkung war ein weiteres Stichwort. Solle die Akademie zunächst nach innen wirken und Gemeindemitglieder bilden, weiterbilden und lehren? Oder solle sie nach außen in die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft wirken? An diesem Abend wurden vor allem Fragen gestellt, genau das, was sich Dieter Graumann, Doron Kiesel und Sabena Donath gewünscht hatten.

Dann könne der Zentralrat zu dem werden, was Graumann das »jüdische Kompetenzzentrum für die Zukunft« nennt. Bis dahin bleiben noch viele Fragen offen: Wer wem jüdische Bildung vermittelt, wie und wo? Doch diese Herausforderung besitze Charme. »Wir öffnen eine Tür in eine neue positive Zukunft hinein. Wohin auch sonst!«, betonte Graumann.

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