Interview

Fünf Minuten mit ...

Alexa Brum Foto: Rafael Herlich

Frau Brum, Sie sind seit 21 Jahren Direktorin der I. E. Lichtigfeld-Schule in Frankfurt. Sind die Kinder heute gestresster als früher?
Ich unterrichte seit 1972 und kann mich durchaus an einzelne Schüler erinnern, die unter Stress litten. Seit rund 20 Jahren aber beobachte ich, dass die Anzahl der Kinder, die sich von den Anforderungen des Lebens überrollt fühlen, sprunghaft ansteigt.

Woran liegt das? Sind die Eltern zu ehrgeizig oder können die Kinder von den Freizeitangeboten nicht genug bekommen?
Grundsätzlich gilt: Stress ist erst einmal nichts Schlimmes! Wenn ich eine Aktivität liebe, geht das zwangsläufig mit Anstrengung einher. Problematisch wird es, wenn das rechte Maß fehlt. Für viele Eltern ist Schule nur dazu da, das Kind zu fördern und zu fordern. Und manche Eltern neigen dazu, einen Bildungsweg zu suchen, der äußerst mühsam für ihr Kind ist, also: Gymnasium statt Realschule oder Realschule statt Hauptschule. Damit nehmen sie billigend in Kauf, dass ihr Kind dauerhaft an seine Leistungs- und Kraftgrenze kommt. Das wirkt sich zerstörerisch auf Lernmotivation und Lebensmut aus.

Was empfehlen Sie den Eltern?
Besser wäre es, den passenden Bildungsgang zu wählen, damit das Kind seinem Potenzial entsprechend gefördert wird. Ein Segen für Kinder und Jugendliche sind zudem sportliche, künstlerische und soziale Freizeitaktivitäten – auch, wenn es dadurch phasenweise richtig stressig werden kann. Wichtig ist hier, dass die Kinder das Hobby lieben, das zu ihnen passt. Wenn es um Vorzeige-Aktivitäten geht, die ihnen aufgedrängt werden, sind sie wieder fremdbestimmt, und die damit verbundenen Anstrengungen werden als Last empfunden. Außerdem: Kinder müssen auch aktivitätsfreie Tage haben.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die russische Schule, die viele Frankfurter Kinder in ihrer Freizeit noch besuchen?
Wie nehmen wahr, dass bei der Einschulung viele Kinder, die seit ihrem vierten Lebensjahr die russischen Schule besuchen, unsere Schule nicht wertschätzen. Dieses kognitive Training ist, in Verbindung mit der Regelschule, oft eine Belastung. Das habe ich nicht beobachtet, wenn der Besuch der russischen Schule nur für lustvolle Aktivitäten genutzt wird.

Wie äußert sich im Schulalltag die Überlastung der Kinder?
Die überlasteten Schüler haben oft wenig Frustrationstoleranz, kaum Lernfreude und reagieren auf völlig normale Anforderungen ängstlich. Klassenarbeiten, egal, wie gut geübt, werden angstvoll wahrgenommen, gute Noten erzeugen ein Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein, schlechte Noten lösen mitunter Panik aus.

Was würden Sie sich von den Eltern angesichts dessen wünschen?
Eltern sollten begreifen, dass Schule nicht alles ist. Eine glückliche Familie, in der sich alle lieb haben, wertschätzen und unterstützen, ist das Wichtigste. Und nicht zuletzt sollten Familien regelmäßig gemeinsam etwas unternehmen, das allen Freude bereitet. Das stärkt den Zusammenhalt.

Mit der Leiterin der I. E. Lichtigfeld-Schule sprach Rivka Kibel.

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026