Porträt der Woche

Fünf Jobs und ein Studium

»Es geht mir in meinem Beruf darum, Kindern eine Chance zu geben«: Elin Ornfeld Foto: Leif Piechowski

Die Familie meiner Mutter kommt aus dem Irak. Sie ist vor vielen Jahren nach Israel eingewandert. Dort habe ich 40 Cousinen und Cousins. Ich bin sehr gern in Israel, denn das Leben ist da entspannter als in Deutschland. Israelis leben im Hier und Jetzt. Wenn ich da bin, fühle ich mich total befreit.

Geboren wurde ich 1988 in Karlsruhe. Doch kurz danach ging meine Familie wegen des Berufes meines Vaters nach Spanien. Papa stammt aus der Nähe von Würzburg, er ist kein Jude. Meine Mama hat ihn zufällig – oder besser gesagt: schicksalhaft – in Norwegen kennengelernt. Die beiden haben sich verliebt und geheiratet – allerdings nicht zur Freude ihrer jeweiligen Familien. Mamas Familie hatte Angst, der Deutsche könnte ein Nazi sein. Und meine deutsche Oma: Sie hat meine Mama nie anerkannt, bis zu ihrem Tod nicht. Ich nehme an, sie hat sich von der Nazi-Propaganda nie wirklich lösen können.

Und jetzt liebe auch ich einen Nichtjuden. Früher hat meine Mutter jedes Mal, wenn sie einen netten jungen Juden kennenlernte, an mich gedacht. Inzwischen hat sie meinen Freund anerkannt. Es zieht ihn mehr zur Wissenschaft als zur Religion. Ich hingegen fühle mich zur Orthodoxie hingezogen.

Gemeinde Eingeschult wurde ich in einem kleinen Ort bei Tübingen. Zum Religionsunterricht ging ich in die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW). Der Unterricht ist orthodox ausgerichtet. Es macht mir nichts aus, wenn Frauen und Männer in der Synagoge getrennt sitzen, und ich ziehe auch gern einen längeren Rock an, wenn ich in die Synagoge gehe. Ich liebe den Schabbat. Koscher kann ich in meiner Wohnung allerdings nicht kochen, aber ich esse nur vegetarisch.

Dass die Synagoge in der IRGW nicht wirklich für die Öffentlichkeit da ist, finde ich schade. Schließlich gibt es dort auch ein Restaurant und einen Laden. Was Judentum im Alltag bedeutet, müsste in einer Landeshauptstadt wie Stuttgart eigentlich viel bekannter sein.

Mein Freundeskreis ist multikulturell. Ich kenne Israelis, Deutsche, Türken, Palästinenser. Das ist normal in Stuttgart – hier stammen 38 Prozent der Einwohner aus Familien mit Migrationshintergrund. Damit liegt Stuttgart in der Statistik noch vor Frankfurt und Berlin – auch wenn das außerhalb Stuttgarts kaum jemand weiß.

Meine Muttersprache ist Hebräisch. Ich spreche aber auch Deutsch und Spanisch, und natürlich habe ich in der Schule Englisch gelernt. In der U-Bahn, im Internet, bei der Arbeit, im Studium – überall lerne ich schnell Leute kennen. Ich bin sehr kommunikativ, mache gern Party – auch ohne Alkohol – und liebe Musikstile wie Electro und Reggae.

Nach meinem Realschulabschluss habe ich eine Erzieherinnenausbildung gemacht. »Ich will so werden wie du«, hatte ich schon im Kindergarten zu meiner Erzieherin gesagt. Soziale Arbeit, das ist es, was mich interessiert. Vor allem geht es mir darum, Kindern eine Chance zu geben.

Als ich mit meiner Ausbildung begann, traf ich auf Leute verschiedener religiöser Herkunft. Da habe ich mich zum ersten Mal getraut, über meinen Glauben zu reden. Ohne ihn würde ich mich nicht so beschützt fühlen. Inzwischen habe ich auch eine Menora ins Fenster gestellt, und bald will ich mir eine Mesusa anschaffen.

Meine Abschlussarbeit in der Ausbildung habe ich über jüdische Rituale geschrieben. Mit Gott fühle ich mich sehr verbunden. Dreimal habe ich ihn nach etwas gefragt und ein Zeichen bekommen. Das bereitet mir ein Gänsehautgefühl ...

Waldorfpädagogik Später dann, als ich das Fachabitur in der Tasche hatte, konnte ich mich hier in Stuttgart an der Hochschule für Waldorfpädagogik bewerben. Das Menschenbild gefiel mir, die Konzentration auf Natur, Tanzen, Singen und Eurythmie. Aber irgendwie ging es dort dann doch nicht weiter. Inzwischen studiere ich im siebten Semester Sozialpädagogik an der Fachhochschule Esslingen.

Ich bin ehrgeizig und von meinem Naturell her eher unruhig. Oft mache ich mehrere Jobs an einem Tag: Ich arbeite als Sportlehrerin in Kitas, bin Kinderbetreuerin, Beistandspflegerin fürs Jugendamt, Hip-Hop-Trainerin – und ich leite das Jugendzentrum »Halev« in der Gemeinde. Immer sonntags treffen sich 20 bis 30 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 20 Jahren. Vier bis fünf Stunden dauert die Freizeitgestaltung. Sie schließt religiöse und pädagogische Aspekte ein. Viele wollen über ihr Jüdischsein in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Es geht also viel um Identität. Diese Treffen müssen gut vorbereitet sein. Wir kochen auch gemeinsam im Jugendzentrum. Und manchmal fahren wir mit unserem Rabbiner ins Zeltlager. Das gefällt mir sehr.

Ich mag Arbeit. Das habe ich schon als Kind gelernt. Meine Mutter ist in ihrem Rollenverständnis von Mann und Frau orientalisch angehaucht: Mädchen müssen im Haushalt viel tun, Jungs werden verwöhnt, und der Erstgeborene wird auf Händen getragen. Ob das gut ist für seine Entwicklung, bezweifle ich sehr. Doch als Kind denkt man darüber nicht nach. Mit 16 bin ich ausgezogen. Ich wollte mich gegen dieses Rollenverständnis wehren, aber nicht in offene Konfrontation mit meiner Mutter gehen. Dann habe ich auch gleich meinen Freund kennengelernt. So bin ich früh selbstständig geworden. »Meine Tochter«, sagt mein Vater heute mit Stolz in der Stimme zu mir, wenn ich etwas gewissenhaft erledigt habe.

Ende des Jahres werde ich mein Studium beenden. Beruflich stelle ich mir vor, gemeinsam mit anderen eine Art »Villa Kunterbunt« zu gründen. Es könnte auch sein, dass ich eine Agentur zur Vermittlung von Pflegekindern gründe. Ich möchte kleinen Kindern, die aus ihren Familien rausmüssen, weil ihre Eltern quasi versagen, eine Perspektive geben.

Ich kann mir auch vorstellen, mich noch stärker in der Gemeinde zu engagieren. Und natürlich will ich eines Tages selbst eine Riesenfamilie haben – wie meine Großeltern in Israel!

Das alles trifft sich bestens mit den Plänen meines Freundes. Er hat vier Geschwister, seine Mutter betreut drei Pflegekinder. Da gehen Herz und Hand zusammen. Mein Freund lebt nur wegen des Jobs in der Stadt. Wir können uns gut vorstellen, eines Tages auf dem Land zu leben. Ich möchte, dass meine Kinder behütet groß werden. Ob das in Israel oder Deutschland sein wird, weiß ich nicht. Aber ich tendiere eher zu Deutschland.

Verwandte Meine Cousins fordern mich ständig auf, zu ihnen nach Israel zu ziehen. Früher überwog das Unverständnis, dass Juden in Deutschland leben wollen. Inzwischen sind sie sehr neugierig geworden: Sie wollen wissen, wie wir hier leben, arbeiten, feiern. Und sie sind erstaunt über den hohen Lebensstandard in Deutschland. Vorwürfe höre ich heute keine mehr, wenn ich zu Besuch in Israel bin – weder von meinen Verwandten noch von anderen.

Um in Israel leben zu können, brauche man einen gesunden Egoismus, meinte mein Rabbiner immer. Den muss ich wohl noch lernen. In Israel stehen nur wenige Schlange, man drängelt sich durch. Aber ich möchte so gern eine jüdische Hochzeit feiern. Dazu muss ich einen Rabbiner finden, der das Ritual vollzieht. Wenn es nicht klappt, dann eben nicht. In erster Linie heirate ich aus Liebe.

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

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