Leipzig

Froh, den Juller spielen zu dürfen

Juller sitzt heimlich im Stadion. Eier‐Huber hat ihn hineingeschmuggelt. Dabei ist das Stadion für Juden verboten. Auch für den Nationalspieler Julius Hirsch. Das Schild »Juden unerwünscht« gilt den Nazis ausnahmslos. Was interessiert da das Geschwätz vergangener Jahre. Jahre, in denen sie dem Juller zugejubelt haben, als er mit Karlsruhe Deutscher Meister wurde, und später mit der Spielvereinigung Fürth. Jahre, während derer er Nationalspieler war und vier Tore geschossen hat.

Nun sitzt Philipp Oehme als Juller auf der Probebühne. Das Stadion ist dank Plastiksitzen und einem Geländer gut angedeutet. Oehme lässt sich in diese Rolle hineinfallen. Die Aktentasche hält er vor die linke Brust. So ist der Judenstern nicht sofort zu sehen.

dfb Regisseur Jürgen Zielinski, zugleich Intendant des Theaters der Jungen Welt Leipzig, des ältesten Kinder‐ und Jugendtheaters Deutschlands, stoppt das Spiel. Schauspielerin Sonia Abril Romero gibt gerade einen Fußballfan und wundert sich, wieso der Eier‐Huber dem Juller überhaupt den Zutritt ins Stadion ermöglicht. »Spiel mal, dass du dich richtig wunderst, wieso Eier‐Huber dem Juller hilft, statt sich um Fußball zu kümmern«, schlägt Zielinski vor. Und das tut die Schauspielerin. »Wenn die dich erwischen, Lora«, sagt sie. In ihre Stimme legt sie etwas Angst. Nicht, dass nur der Eier‐Huber erledigt wäre. Die Nazis würden sie ja vielleicht auch fragen. Mensch, so ein Mist. Fußball ist Fußball. Elende Politik. Nach drei, vier kleinen Korrekturen ist Jürgen Zielinski zufrieden.

Die Stimmung auf der Probebühne in der Leipziger Engertstraße ist gut. Manchmal wird gelacht. Sie sind sich einig, dass das hier richtig gut werden muss. Künstlerisch top. Drunter macht es Zielinski generell nicht. Das gilt in diesem Fall ganz besonders.
Denn da soll ein Stück über das dramatische Leben dieses begnadeten Fußballers auf die Bühne gehoben werden. Und zwar in genau jener Stadt, in der der Deutsche Fußballbund (DFB) vor 117 Jahren gegründet wurde. Der DFB brauchte lange, um sich mit der Nazi‐Vergangenheit in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen. Mit seiner DFB‐Kulturstiftung betont er seit 2007 immer wieder: »Fußball ist Kultur«.

Der DFB ist es auch, der dieses Theaterstück über den jüdischen Fußballprofi Julius Hirsch in Auftrag gegeben hat. Auch die »Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« unterstützt die Inszenierung. Die Schirmherrschaft hat die stellvertretende Bundestagspräsidentin Claudia Roth übernommen.

brückenbauer Regisseur Jürgen Zielinski und Stück‐Autor Jörg Menke‐Peitzmeyer kennen sich recht gut. Peitzmeyer schreibt viel für Jugendtheater und erhielt im vergangenen Jahr den begehrten Jugendtheaterpreis. Die beiden Männer können gut miteinander, engagieren sich mit ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder für einen ernsthaften Dialog. »Es ist meine Leidenschaft, Brücken zu bauen«, sagt Zielinski. Brücken, die den Dialog ins Heute fördern.

Genau deshalb ist Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Leipzig, Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland und Direktor des Ariowitsch‐Hauses, so angetan von dem Theaterprojekt.

»Dass Jürgen Zielinski mit diesem tragischen Thema der deutschen Geschichte in die Welt der Jugend tritt, ist wichtig für das emotionale und gedankliche Begreifen des Geschehenen, damit es sich nicht wiederholen wird. Egal wann und mit wem«, schildert Kaufmann seine Sicht auf die bevorstehende Première am 8. April.

empathie Wie grausam diese abrupt gebrochene Biografie des begnadeten Fußballers Julius Hirsch ist, zeigt ein Gedankenspiel ins Heute: Manuel Neuer, von nahezu allen Fußballfans in Deutschland für sein Können umjubelt, dürfte plötzlich nicht mehr Fußball spielen und würde sogar ermordet werden, weil er katholisch ist. Man ist geneigt, sich für dieses Gedankenspiel zu entschuldigen. Doch genau so erging es Julius Hirsch.

Entsprechend deutlich fiel das Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, zum Probenstart aus: »Fußballspieler waren und sind Idole. Sie werden verehrt wie Popstars. Gern erinnern Vereine an ihre Idole von früher. Weniger gern haben Fußballvereine an Schattenseiten erinnert. Ein emotionaler Zugang schafft Empathie.«

Deshalb dankt Schuster dem DFB, der DFB‐Kulturstiftung und der Stiftung »Erinnerung Verantwortung und Zukunft« sowie dem Theater der Jungen Welt Leipzig für dieses Projekt.

SZENENWECHSEL Es scheint, als sei Jürgen Zielinski mit seinen vier Schauspielern in 27 Rollen regelrecht zum Erfolg verdammt. Das ist ein Regisseur zwar nahezu immer. Aber eine schlechte Inszenierung könnte in diesem Falle beinahe zum Politikum werden. Doch diese Gefahr ist bei Zielinski nicht gegeben. Er, der seit nunmehr 15 Jahren Intendant an diesem renommierten Kinder‐ und Jugendtheater ist, liefert immer wieder Qualität. Er gilt als einer der bedeutendsten Regisseure dieser Sparte und arbeitet auch international.

Der gebürtige Dortmunder inszeniert nahezu filigran. Er weist die Schauspieler nicht einfach an. Er entwickelt mit ihnen die Ideen, fragt um ihre Meinung. Die wiederum fühlen sich ernst genommen. So auch auf dieser Probe. Sie fallen für einen Vorschlag flugs aus ihrer Rolle, um im nächsten Moment sofort wieder mittendrin zu sein. Es entsteht ein Dialog, beispielsweise mit Philipp Oehme. Er soll zeigen, wie gut Juller mit dem Ball umzugehen weiß. Nicht umsonst heißt die Unterzeile des Stückes »Gebückt und windschief auf Sturmesfittichen«. Oehme tritt nach dem Ball und stürzt beinahe hin. »Das ist es doch«, ist er begeistert. Zielinski lacht. Ja, das werden sie genau so proben. Knapp an einem Sturz vorbei und den Ball volley getroffen.

gastspiele Ganz ohne Erfahrung ist Philipp Oehme im Bereich Fußball nicht. Als Kind hat er einmal Fußball gespielt – richtig schlecht. Also musste er ins Tor. Das hat ihn gegrämt. Er meldete sich in einem Verein an und wurde leidlich gut. Er weiß also, wie er mit dem Ball und dem Gleichgewicht umgehen muss. Das aber war nicht der Grund, warum er die Hauptrolle übernommen hat. Zielinski hat sie ihm zugetraut. »Erst war mir das Stück ein wenig zu sperrig. Aber unter Zielinksi gibt es kein affektiertes Theater«, erklärt er. Und das Thema habe ihn natürlich gereizt. Inzwischen ist er froh, dass er den Juller spielen darf. Und er weiß, er wird mit seinen Kollegen mit diesem Stück durch ganz Deutschland reisen.

Denn es ist eine Gastspielreihe geplant – voraussichtlich wird es Vorstellungen in zehn bis zwölf Bundesligastädten geben. Mit dabei sein werden die jeweiligen Fußballvereine. Die erste Aufführung findet am 10. Oktober in Dortmund im Deutschen Fußballmuseum statt.

Vornehmlich werden Gastspielorte ausgewählt, in denen Preisträger des Julius‐Hirsch‐Förderpreises leben. Sie wurden mit diesem Preis für Freiheit und Menschlichkeit geehrt. Zudem gibt es in den Spielorten Workshop‐Angebote, die gemeinsam mit Menschen stattfinden, die sich intensiv gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung engagieren.

proben Doch das ist in diesen Tagen noch Zukunftsmusik. Jetzt wird geprobt. Sieben Stunden am Tag. Viel Zeit ist nicht mehr. Zur Première am 8. April muss jede Bewegung, jeder Dialog, jedes Spiel sitzen. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Stück kein Erfolg wird. »Aber Vorsicht. Es werden auf der Gastspielreise und auch in Leipzig vor uns Menschen im Theater sitzen, denen die Bühne in ihrem Leben nichts bedeutet«, sagt Zielinski. Da sind ihm die sieben Probenstunden am Tag willkommen.

So feilen sie etwa an jener Szene, in der Juller vielleicht dank eines Mäzens doch noch aus Deutschland fliehen könnte. Heimlich natürlich. Martin Klemm gibt den Fahrer von Böttger (Sven Reese). Böttger ist ein strammer Nazi. Aber er ist auch fußballverrückt. Er will den begnadeten Stürmer über die Grenze schicken. Doch Juller kommt nicht. Kann nicht kommen. Hilda, Böttgers Frau (Sonia Abril Romero) keift. »Komm nach Hause, der kommt nicht, will gar nicht weg. Du bringst dich und uns um Kopf und Kragen.« Auch Böttgers Fahrer schaut auf die Uhr. »Ich schaffe es nicht mehr, bin schon zu spät dran.«

Diese Szene bietet den Schauspielern Raum für so viel Hoffnung und Spannung und Verachtung, dass Regisseur Jürgen Zielinski um jedes kleinen Details willen einen Stopp einlegt. Sonia Romero soll noch ein wenig kräftiger keifen. Und Martin Klemm die Bedrückung noch deutlicher herausflüstern. Und Sven Reese alle Wut über die missglückte Fluchtmöglichkeit seines Lieblingsfußballspielers mit dem Ball auf die Bühnenbretter krachen. Sie proben. Immer wieder. Derweil sitzt Philipp Oehme am Rand und trinkt seinen Earl Grey aus der Thermoskanne. Gleich hat er wieder seinen Einsatz.

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