Ehrenamt

Freiwillige vor

Bei Makkabi lassen sich Spaß und ehrenamtliches Engagement verbinden. Foto: Harald Ottke

Eigentlich bedarf es nur eines Schrittes vor die eigene Haustür, um in dieser Welt etwas zu bewirken. Davon ist Oleg Tartakowski, Leiter des Jugendzentrums Tikwatejnu der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen, überzeugt. »Aber der Facebook-Generation scheint nicht immer bewusst zu sein, dass es da draußen eine reale Welt gibt, in der sie gefragt ist«, glaubt er. Dabei sei es im Prinzip ganz einfach, diese Welt mitzugestalten, etwa, indem man ein Ehrenamt übernimmt.

Tartakowskis Worte klingen pessimistischer, als sie gemeint sind. Als Leiter eines jüdischen Jugendzentrums erfährt er Jahr für Jahr aufs Neue, dass viele Jugendliche bereit sind, sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich zu engagieren. Ohne die Madrichim – junge Männer und Frauen, die als Gruppenleiter die Verantwortung für jüngere Gemeindemitglieder übernehmen – wäre jüdische Jugendarbeit gar nicht vorstellbar. »Es gibt Engagement, ganz gewiss«, sagt auch German Djanatliev vom Nürnberger Jugendzentrum Mehalev, »aber ab der zwölften Klasse wird es schwierig«.

bildung Der Schritt vor die Haustür scheint nur bei einer Minderheit der Jugendlichen zum Ehrenamt zu führen. Jüngst hat eine Studie, die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben wurde, ein zwiespältiges Bild der Jugend von Heute gezeichnet. Immerhin mehr als jeder dritte 14- bis 24-Jährige in Deutschland übernimmt irgendeine Art von Ehrenamt. Die meisten dieser Freiwilligen weisen dabei ein überdurchschnittliches Bildungsniveau auf. 61 Prozent der jungen Ehrenamtlichen haben Abitur oder streben es an.

Aus diesem Pool müssen auch jüdische Institutionen ihre Freiwilligen rekrutieren. Neben den Jugendzentren sind es nicht zuletzt die Sportklubs, die aus diesem Reservoir schöpfen. »Ich weiß von vielen, die bei Makkabi aktiv sind«, sagt Patricia Gotfrid-Levy vom Frankfurter Jugendzentrum Amichai.

»Andere sind politisch aktiv«, ergänzt Tartakowski. Sport, Politik, Jugendarbeit sind auch laut der Studie des Familienministeriums die bevorzugten Betätigungsfelder jugendlicher Ehrenamtlicher. Bereiche, die in ihrer Lebenswelt eine bedeutende Rolle spielen.

seminare »Ob sich jemand engagiert oder nicht«, vermutet daher Heike von Bassewitz, »hängt nicht zuletzt davon ab, wie stark er in die Gemeinde integriert ist.« Auch wenn die Pressesprecherin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland die Ergebnisse der Studie nicht in Frage stellt, warnt sie doch vor »verallgemeinernden Schlüssen«.

Die ZWST jedenfalls, die die Ausbildungsseminare für die Jugendleiter organisiert, kann nicht über mangelnde Nachfrage klagen. »Jedes Jahr finden sich junge Leute«, betont von Bassewitz. »Das Problem ist nicht, sie zu motivieren, sich zu engagieren, sondern dafür zu sorgen, dass sie auch dabei bleiben.«

entscheidung Die Zeit unmittelbar vor und nach dem Abitur ist für viele Madrichim und andere Freiwillige ein Knackpunkt. In diesem Jahr, fürchtet German Djanatliev, könnte es für die jüdische Jugendarbeit besonders eng werden. »Weil ein dop- pelter Abiturjahrgang ins Haus steht. Ich weiß von vielen, die versuchen, gleich nach dem Abitur mit dem Studium anzufangen, um ein Jahr zu gewinnen.«

In früheren Jahrgängen sei es durchaus üblich gewesen, dass sich die Jugendlichen Zeit für den Zivildienst oder ein Freiwilliges Soziales Jahr genommen hätten. »Das ist problematisch«, stimmt Tartakowski zu, »denn oft steht man vor der Wahl, direkt mit dem Studium anzufangen oder sich erst in der Gesellschaft zu engagieren.

Hierbei glauben viele Eltern, dass ihr Kind so früh wie möglich mit dem Studieren anfangen sollte. Was sie dabei außer Acht lassen, ist, dass der Zeitpunkt fürs explizite gesellschaftliche Engagement nicht mehr nachgeholt werden kann! Später stehen für ihre Kinder andere Entscheidungen an, und die Reifung der eigenen Persönlichkeit und die Erfahrungen müssen zwischendurch und nebenbei gesammelt werden.«

ausprobieren Hinzu kommen die Abgänge derjenigen, die sich noch auf anderen Feldern ausprobieren und sich ungern langfristig verpflichten wollen. »Übrig bleibt dann meist nur ein harter Kern für die Jugendarbeit«, weiß Heike von Bassewitz. »Ich denke, es ist diese Verbindlichkeit, die viele Jugendliche davon abhält, ein Ehrenamt zu übernehmen«, sagt Sara Majerczik, Koordinatorin des Projekts »Ehrenamt« der Sozialabteilung der Frankfurter Gemeinde und Mitarbeiterin im Altenzentrum.

Für die meisten Jugendlichen sei es wichtig, sich noch vor dem Studium in verschiedenen Bereichen austesten zu können. Ein Ehrenamt hingegen bedeute eben auch, sich kontinuierlich an die Institution zu binden, für die man sich engagiert. Gerade im Bereich der Pflege und Betreuung von Senioren seien daher jugendliche Freiwillige ziemlich rar gesät. »Eigentlich kommen die erst wieder ab Mitte 20, wenn es mit dem Studium zu Ende geht.«

tod Das andere Problem im Bereich Pflege sei die unausweichliche Konfrontation mit dem Tod. »Ich hatte hier im Heim mal zwei Schülerinnen«, berichtet Majerczik, »sehr lieb und sehr engagiert. Aber als hier dann einige Bewohner gestorben sind, haben die das nicht weiter ausgehalten. Das hat die richtig fertiggemacht.« Um mit dem Sterben der Betreuten umgehen zu können, bedürfe es einer gewissen inneren Festigkeit, über die die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch nicht verfügen.

»Verallgemeinernde Schlüsse«, wie sie Heike von Bassewitz befürchtet, lassen auch die Aussagen aus den Gemeinden nicht zu. Fest steht, dass der jüdische Nachwuchs sich nach wie vor freiwillig engagiert – vorzugsweise in den Bereichen, die ihm aus eigener Anschauung vertraut sind. Die ersten Schritte in die von Tartakowski beschworene »Realität vor der Haustür« fallen offensichtlich auf vertrautem Terrain leichter.

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