Jüdische Aktionäre

Freikarten statt Entschädigung

»Der Zoo ist mit der Summe von 500.000 Euro sehr billig davongekommen«: Werner Cohn (90), ehemaliges »Zookind« aus New York. Foto: Gregor Zielke

Eine Informationstafel, eine Ausstellung und ein akademisches Programm – das sind drei Maßnahmen, mit denen der Zoologische Garten Ende 2015 die Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit ankündigte.

So wurde im Dezember 2015 an der Büste des früheren Zoodirektors Heck – nicht nur »erfahrener Tiergärtner«, sondern auch glühendes NSDAP-Mitglied – eine Zusatztafel zu dessen Rolle in der NS-Zeit angebracht; eine für Frühjahr 2016 geplante Dauerausstellung soll 170 Jahre Zoogeschichte beleuchten, 20 israelische Postdoktoranden will der Zoo mit jährlichen Stipendien Forschungsaufenthalte in Berlin ermöglichen. Alles in allem umfasst das »Gesamtpaket zur Aufarbeitung« rund 500.000 Euro.

unrecht Der Zoo meint, er habe sich damit als »erster und bislang einziger Zoo Deutschlands aktiv seiner NS-Vergangenheit« gestellt. Er verweist dabei auch auf die Finanzierung eines Buches zur Geschichte der jüdischen Aktionäre im Jahr 2014.

Erste Schritte in die richtige Richtung also, nachdem die Zoo AG 70 Jahre lang geschwiegen hat? Oder doch eher Ausdruck einer Taktik, die sich auch bei anderen Firmen nach dem Zweiten Weltkrieg bewährt hat – man schweigt, leugnet, verschleppt und sitzt die Vergangenheit und damit die eigene Mitverantwortung aus, so lange, bis mögliche Anspruchsteller verstorben sind?

Denn von Entschädigung will der Zoo nichts wissen. »Nachfahren enteigneter jüdischer Zoo-Aktionäre für das ihnen widerfahrene Unrecht zu entschädigen, ist schwer möglich«, teilte Zoodirektor Andreas Knieriem der Jüdischen Allgemeinen mit. Zur Begründung heißt es, die Zoo AG sei »nicht im Besitz der Zoo-Aktien und kann diese somit auch nicht zurückgeben«. Auch sei es nicht möglich, neue Aktien herauszugeben.

Zoo-Aktie Nr. 1114 Von den früheren jüdischen Zoo-Aktionären haben nur wenige die Schoa überlebt. Einer von ihnen war James Cohn. Sein Sohn Werner war zwölf Jahre alt, als die Familie 1938 Deutschland verlassen musste. Zu diesem Zeitpunkt durfte Cohn bereits nicht mehr als Arzt praktizieren. Seine Zoo-Aktie Nr. 1114, die er 1928 erworben hatte, wechselte 1938 den Besitzer. 1940 nahm er sich im Alter von 53 Jahren in New York das Leben.

Zum ersten Mal fragte Werner Cohn wegen der Zoo-Aktie seines Vaters in den 60er-Jahren beim Zoo nach, dann wieder 40 Jahre später. Die Antworten fielen schroff bis ablehnend aus. Er fand weltweit weitere jüdische Aktionäre; durch seine Initiative kam die Nazi-Vergangenheit des Zoos ans Licht. Cohn ging es nie um individuelle Wiedergutmachung, sondern um die Anerkennung von Verantwortung.

Dass der Zoo mit seinem aktuellen Vorstoß dieser Forderung nachkommt, wie Ausstellung, Tafel und Stipendien auf den ersten Blick nahelegen, bezweifelt der New Yorker allerdings. «Was sind schon 500.000 Euro im Vergleich zum heutigen Wert von mehr als 1200 gestohlenen jüdischen Zoo-Aktien?«, fragt er. Aus seiner Sicht müsste der Betrag »mit zehn multipliziert« werden. Die Summe vermittle den Eindruck, der Zoo komme »sehr billig davon«.

kritiker Nicht nur das: Kritiker wie etwa der Abgeordnete der Berliner Piraten-Fraktion Oliver Höfinghoff werfen dem Zoo vor, sich auch 70 Jahre nach der Schoa an seinen jüdischen Aktionären zu bereichern – durch den Eindruck, man betreibe »Erinnerungskultur«.

Immerhin werde die geplante Ausstellung weitere Besucher anlocken. Der Piraten-Politiker empfindet die öffentlichkeitswirksame Präsentation des »Aufarbeitungspakets« als »Schlag ins Gesicht«. »Eine Plakette an der Büste eines Nazi-Zoodirektors – das ist eine Frechheit sondergleichen«, meint er. »Ein paar warme Worte«, viel mehr sei das Gesamtpaket nicht.

Denn wie viel Raum die historischen Altlasten des Zoos – wie die Verdrängung und Enteignung jüdischer Aktionäre nach 1933 sowie der ignorante Umgang des Zoos mit Zookindern wie Werner Cohn – in der künftigen Ausstellung tatsächlich einnehmen werden, ist fraglich. Immerhin nimmt die NS-Zeit, gemessen am wichtigen Image des Zoos als Berliner Attraktion, in 170 Jahren eine relativ kurze Zeitspanne ein.

Höfinghoff fragte im Dezember im Berliner Abgeordnetenhaus an, inwiefern der Senat eine Entschädigung für notwendig halte und sich »in seiner vielfältigen Beteiligung an der Zoologischen Garten Berlin AG – als Anteilseigner, Unterstützer, Grundstückseigentümer und Aufsicht – zuständig« fühle, darauf »hinzuwirken«.

restitution Die Senatsverwaltung für Finanzen teilte dem Abgeordneten daraufhin mit, »im Zentrum der Wiedergutmachung des Unrechts in der Zeit des Nationalsozialismus« stehe »heute nicht individuelle Restitution, sondern öffentliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit«.

Weiter heißt es, der Zoo habe »nicht aktiv den Kontakt zu den Nachfahren der betroffenen Familien gesucht, jedoch immer betont, dass er für Anfragen und Nachforschungen jederzeit zur Verfügung« stehe. Zudem gewähre er ehemaligen Aktienbesitzern oder deren Nachfahren »unbürokratisch« Eintritt in den Zoo.

Aus Sicht der Kampagne »Make Zoo pay«, eines Bündnisses, das eine materielle Entschädigung der früheren jüdischen Aktionäre und deren Nachkommen fordert, klingt dies wie blanker Zynismus.

»Was ist von einer ›Aufarbeitung‹ zu halten, die Opfer nur als Ausstellungsstücke kennt?«, fragt deren Sprecher Karl August. Aus seiner Sicht betreibt der Zoo lediglich »Imagepflege«. »Die Täter bauen sich selbst ein Denkmal und wollen dafür auch noch den moralischen Mehrwert abgreifen.«

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