Porträt der Woche

»Freiheit ist das Wichtigste«

»Selbst wenn ich mein Leben lang Kaffee kochen müsste, um frei zu sein, wäre ich am Ende auch zufrieden«: Isabelle Cohn (27) aus München Foto: Chrsitian Rudnik

Porträt der Woche

»Freiheit ist das Wichtigste«

Isabelle Cohn entdeckte in Israel das Theater für sich und jobbt in einem Jazzklub

von Katrin Diehl  18.05.2018 11:12 Uhr

Geboren wurde ich 1991 in München. Ich habe hier mein Abi gemacht, um ziemlich gleich danach zu verkünden: »So, jetzt gehe ich nach Israel.« Das war, denke ich, so etwas wie ein Fluchtimpuls, der mich da getrieben hat.

Oder war es magische Anziehung? Jedenfalls würde ich im Nachhinein sagen, die unsichtbaren Kräfte hatten recht. Ich habe mich in Deutschland so wohl gefühlt wie ein Süßwasserfisch im Salzwasser. Das trifft die Sache in ihrer Kompliziertheit ganz gut. Ich gehöre nach Israel, habe ich gedacht. Und damit empfand ich wohl sehr ähnlich wie meine Großmutter zu ganz anderen Zeiten. Sie hat das Land wirklich sehr gemocht.

Chirurg Trotzdem ging es in den 50er-Jahren wieder nach Deutschland, nach München zurück. Warum? Weil mein Großvater das so wollte. Er war irgendwie zu preußisch für Israel. Es ging zurück mit einem Kind im Schlepptau. Das war mein Vater Peter, den ich heute, was das Hebräische anbelangt, weit übertroffen habe. Komischerweise kann er alles lesen, aber nichts verstehen. Hören tut er es trotzdem sehr gerne. Und da kann ich liefern.

Mein Großvater, Georg Cohn, war Chirurg in Berlin und München. Als die Nazis an die Macht kamen, hat er all seinen jüdischen Freunden geraten, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Er selbst blieb und blieb. Er hat sich wohl als Teil der High Society sicher gefühlt. Erst 1940 ist er mit seiner Frau gegangen. 1940! Das war so richtig spät. Eigentlich zu spät.

Seine Ehefrau, meine Israel liebende Großmutter also, Imogen Cohn, war Schauspielerin. Sie hat in Stummfilmen an der Seite von Berühmtheiten mitgewirkt und außerdem so etwas wie Filmgeschichte geschrieben. Als die »Reichspost« 1929 zur Berliner Funkausstellung zum ersten Mal Fernsehbilder von Menschen in Bewegung sendete, hatte man sich dafür meine Großmutter und ihre Freundin Schura von Finkelstein vor die Kamera geholt. Sie singen da beide »Horch, was kommt von draußen rein«. Sehr passend.

Schoa Von Schura sind übrigens alle Spuren verloren gegangen, und man geht davon aus, dass sie die Schoa nicht überlebt hat. Diesen ersten deutschen Fernsehfilm von ihr und meiner Großmutter kann man sich hier im Deutschen Museum München ansehen. Auch über Schura würde ich heute gerne mit meiner Großmutter reden – und über so vieles mehr. Meine Großmutter hat, gerade angekommen in Israel, ganz schnell die Sprache gelernt und auf Hebräisch Tagebuch geführt.

Ich empfand viele Jahre später wohl ähnlich wie sie. Das Hebräische ist mir in kürzester Zeit vertraut gewesen. Ich habe den Ulpan besucht, ein Jahr verging, und heim wollte ich noch lange nicht. Am Ende sind daraus fünf Jahre Israel geworden.

Diplomatin wollte ich werden, wofür mir Jerusalem als genau der richtige Ort erschien: die Stadt, in der Kulturen und Menschen aufeinanderprallen. »Ich werde diese Welt retten«, das und nicht weniger nahm ich mir vor. An der Hebräischen Universität begann ich, Philosophie und Geschichte des Nahen Ostens zu studieren. Und, na ja, mit der Zeit wurden meine Ambitionen und Hoffnungen doch um einiges kleiner. Ich begann, mich noch während des Studiums in die Jerusalemer Künstlerszene zu mischen, die ich als existent, aber bedroht bezeichnen würde, was ja nicht ohne Reiz ist.

Ich hatte früher bereits verschiedene Instrumente gelernt, Querflöte, Gitarre, Klavier, und das hat dann plötzlich in Israel seinen Sinn bekommen, zumal ich es sehr besonders fand, in der Universität bis ganz hinunter in den Keller zu klettern, wo in einem Raum ein völlig verstimmter Flügel stand, auf dem ich wie verzaubert übte. Ich experimentierte mit Instrumenten, Klängen, Dingen, und dabei ging es eben nicht um hohe Standards, sondern einfach darum, ein Gefühl zu vermitteln.

Ich schloss mich unterschiedlichen Performance-Gruppen an. In einer haben wir zum Beispiel den Text »Gefangener Nr. 119104« des Wiener Psychotherapeuten Viktor Frankl zu einem Theaterstück umgearbeitet. Ich habe dafür vor allem Töne und Geräusche beigesteuert.

Das haardünne Sirren, das man erzeugen kann, indem man an den Rändern von Gläsern entlangfährt, passte da genau, aber auch bestimmte Rhythmen. Mit diesem Stück tourten wir durch Israel, zeigten es im Rahmen des Israel-Festivals, aber auch in Yad Va­shem. Mit einer guten Freundin, einer Tänzerin, machte ich Performances im offenen Raum. Wir begannen zum Beispiel, im Zug zu sprechen, laut und vernehmbar, und zwar in einer Fantasiesprache.

wüste Als das Tollste überhaupt in Israel habe ich die Wüste empfunden. Die fehlt mir hier. Die fehlt mir richtig. Sie vermisse ich am meisten. Da hätte ich einfach bleiben können. Vielleicht ist es die Wüste, von der diese magische Anziehung ausgeht. Na ja, aber Nataf, ein wunderschönes Dorf, war natürlich auch nicht schlecht. Nataf liegt in den Hügeln von Jerusalem. Ich habe dort zwei Jahre gelebt.

In diesem Dorf steht eine richtig coole, helle, offene Synagoge. In die bin ich oft gegangen, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht religiös bin. Wobei ich generell in Israel den Eindruck hatte, dass die meisten Israelis eigentlich nicht wirklich religiös sind. Na ja, bis auf die Orthodoxen. Mit der Familie eines Freundes, die streng orthodox lebt, verbrachte ich auch mal einige Zeit. Und ich muss sagen, das waren tolle Leute, sehr beeindruckend. Super konträr zu meinen Überzeugungen, aber es hat sich für mich trotzdem irgendwie ganz normal angefühlt.

Die waren sehr intelligent, und ich habe total viel gelernt, wir sind zusammen wandern gegangen, haben gemeinsam gekocht, Bücher ausgetauscht. Die waren auch intellektuell ganz offen für anderes. Na ja, auch, was die Orthodoxie anbelangt, darf man eben nicht verallgemeinern. Nur, sobald es dann um gewisse Themen ging – totale Blockade. Da wurden sie hart wie Granitstein. Das habe ich nicht verstanden, und das verstehe ich bis heute nicht.

Heute, das ist München. 2015 bin ich zurückgekommen, habe mit Freunden das Theaterkollektiv »Kommando Pninim« gegründet und eine Schauspielausbildung beim TheaterRaum, das ist eine Berufsfachschule, begonnen. Die Ausbildung werde ich in diesem Jahr im Sommer beenden, und deshalb wird für mich da demnächst die heiße Phase der Vorbereitungen für die Abschlussprüfung anfangen. Ja, es rattert bald richtig. Ich muss einen Monolog vorbereiten, einen Soloabend, ein Demoband.

Um mir die Ausbildung zu finanzieren, arbeite ich in der »Unterfahrt«. Das ist ein traditionsreicher Jazzklub im Münchner Stadtteil Haidhausen. Ich mag die Arbeit dort. Das hat schon etwas, wenn man als Servicekraft den ganzen Bogen der Dramaturgie eines Abends mitbekommt.

Man schließt auf, man macht die Kaffeemaschine an, dann die Lichter, dann begrüßt man die Musiker, ist für alle die Ansprechperson, nimmt Reservierungen entgegen, und am Ende kommt das wunderbare Konzert. Ist das dann vorbei, beginnt das Saubermachen. Man ist allein in diesen Katakomben. Die Stühle werden hoch auf die Tische gestellt. Das Licht wird ausgeschaltet, ich sperre ab. Und jedes Mal ist es ein wenig anders als die Male zuvor.

kaffeekochen Ich beginne meine Arbeit dort immer so gegen 17 Uhr, Schluss ist gegen zwei Uhr nachts. Tagsüber besuche ich die Schauspielschule von neun bis 16 Uhr. Ganz viel Kaffee gehört für mich dazu, dann ist das alles zu schaffen.

Unser »Kommando Pninim« hat glücklicherweise weiterhin einen schönen Batzen an finanzieller Förderung durch die Stadt zugesprochen bekommen. Das ist richtig cool. Unser letztes Stück, Konsul Bernick muss nochmal ran, hat wohl überzeugt. Es geht darin in irgendeiner Weise um Henrik Ibsen und seine Zeit in München. Wir haben das Stück an vier Tagen hintereinander aufgeführt, und die Meinungen dazu waren richtig kontrovers und sehr lebendig. Jeder hat etwas dazu gesagt. Ich finde das alles einfach schön.

Etwas auf die Bühne zu bringen, ist einfach schön. Dabei bin ich alles andere als eine Rampensau. Das bin ich überhaupt nicht. Ich finde es nur schrecklich schön, zusammen etwas zu kreieren. Das Wichtigste ist doch, frei zu sein in dem, was man tut. Und selbst wenn ich mein Leben lang Kaffee kochen müsste, um frei zu sein, dann machte mich das am Ende auch zufrieden.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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