Pessach

Freiheit, die ich meine

Was macht uns frei, was schränkt uns ein? Welche Rolle spielen dabei Politik, Geschichte, Religion – und auch Geld? Die Pessachtage sind eine ideale Gelegenheit, um über solche Fragen nachzudenken – gerade für jüdische Jugendliche. Natan Bilga besucht die 11. Klasse des Elsa-Brändström-Gymnasiums in Münchens Westen, wo er auch wohnt. Er hat noch einen Bruder und eine kleine Schwester. Wenn die Schule vorbei ist und die »große Freiheit« beginnt, würde er gerne in München Politikwissenschaft studieren und später Politikberater werden. Zurzeit nimmt Natan in der Europäischen Janusz Korczak Akademie an einem Projekt teil, das sich YouthBridge nennt. Jugendliche verschiedener Kulturen und Religionen werden von professionellen Trainern für interkulturelle Kommunikation geschult.

Natan, kennst du das? So ein absolutes Freiheitsgefühl? So etwas Beflügelndes?
Nein, eigentlich nicht wirklich. Ich kenne vielleicht etwas, was damit verwandt sein könnte. Ich kann mich irgendwie völlig verlieren, wenn ich die Möglichkeit habe, mich in ein Wissensgebiet tief einzuarbeiten. Ich bin also der, der sich in der Schule immer freiwillig meldet, wenn ein Referat zu vergeben ist. Und dann tauche ich ab, bin über Stunden in so einem Workflow, kann darüber alles andere vergessen. Was manchmal natürlich nicht so ganz günstig ist ...

Stell dir vor, du müsstest etwas zum Thema »Freiheit« machen: zum Beispiel ein Referat zum Thema »Freiheit in Deutschland«.

Grundsätzlich steht, was das Thema Freiheit angeht, Deutschland wirklich gut da. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit ... All das ist im Grundgesetz geregelt. Herausforderungen gibt es natürlich trotzdem immer mal wieder.

Zum Beispiel?
Ich denke da zum Beispiel an die Böhmermann-Sache, dieses Schmähgedicht damals. Gehen Meinungen auseinander, ist es jedenfalls immer wichtig, dass ein offener Diskurs geführt wird. Offener Diskurs ist ein Zeichen für Freiheit und erhält sie auch.

Gibt es im Moment gerade etwas, von dem du sagen würdest, darüber sollte ein offener Diskurs stattfinden?
Na ja, meiner Meinung nach sollte die Politik nicht Leute, die innerhalb des politischen Spektrums eben weit links oder auch weit rechts stehen, von Gesprächen ausschließen. Denn sonst entstehen diese Spannungen, die wir in einigen europäischen Ländern und auch in den USA haben. Man sollte da offen sein, zumal die Grenzen jedes Diskurses klar im Grundgesetz festgelegt sind. Nazipropaganda zum Beispiel geht einfach nicht.

Freiheit ist ein zentrales Thema im Judentum. Wenn wir Pessach feiern, ist es das Thema überhaupt. Welche Bedeutung hat Freiheit für dich in Bezug auf deine Religion?

Ich bin Jude, aber ich bin nicht sehr religiös. Wenn ich ans Judentum hinsichtlich des Begriffes Freiheit denke, dann habe ich eher den Zweiten Weltkrieg im Kopf, die Zeit, in der man Juden alles und eben auch jede Freiheit genommen hat. Mir fällt auch die Zeit der Sowjetunion ein, in der es mit der Religionsfreiheit an sich schwierig war, worunter die jüdische Bevölkerung sehr zu leiden hatte. Meine Eltern kommen aus der Sowjetunion, ich war kaum zwei Jahre alt, als wir von dort weggegangen sind, und natürlich kriegt man da immer mal wieder etwas aus Erzählungen mit. Meine Großeltern leben bis heute in Moldawien.

Besuchst du sie?
Ja, ich bin manchmal einen Monat lang bei ihnen. Es gibt zwar keine Sowjetunion mehr, aber da ist natürlich schon ein Unterschied zum Leben hier in Deutschland zu spüren, auch was das Thema Freiheit anbelangt. Das Land steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Viele Menschen stecken in finanziellen Schwierigkeiten, weshalb sie, was ihre Selbstverwirklichung anbelangt, lange nicht so frei sind wie die Menschen in Deutschland. Es gibt eben auch eine Verbindung zwischen Freiheit und Geld ...

Lass uns noch einmal auf die Pessachgeschichte zurückkommen. Mit der Befreiung der Kinder Israels aus der Gefangenschaft war auch die klare Trennung von einem anderen Volk, dem ägyptischen Volk, geschafft. Haben Identität und das Bekenntnis zu ihr etwas mit Freiheit zu tun?
Wenn ich mit meinen jüdischen Freunden abhänge, ist das natürlich überhaupt kein Thema, zumal die auch alle nicht religiös sind. In der Schule ist es so: Da bin ich der einzige Jude in der Klasse, und ich hatte da mal die Phase, das immer auch gleich zu sagen, dass ich jüdisch bin, weil ich dachte, sage ich es nicht, ist es noch viel seltsamer. Dann wirkt das, als hätte ich etwas zu verbergen. Zurzeit behandeln wir im Geschichtsunterricht übrigens gerade den Holocaust. Und da fühle ich mich im Gegensatz zu den anderen eher frei oder lockerer. Auf mir liegt da nicht diese Last. Was ich eigentlich meine, ist, dass ich freier über das Thema sprechen kann, weil ich mir weniger Gedanken um meine Wortwahl machen muss. Auf mir liegt da nicht diese Last.

Das Interview führte Katrin Diehl.

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