Porträt der Woche

Frau mit Anspruch

»Zum Ausschlafen ist keine Zeit, schließlich gibt es jeden Tag etwas zu erleben«: Olga Kotlytska (48) aus München Foto: Christian Rudnik

Den nächsten Monaten sehe ich mit wirklich großer Erwartung entgegen. Es hat nämlich, zumindest nach dem chinesischen Kalender, das »Jahr des roten Affen« begonnen. Und ich bin, nun ja, zufällig Affe. Es kann also losgehen! Ich sorge für die Energie und das Jahr für die Überraschungen.

Damit das auch alle mitbekommen und wir zusammen voller Zuversicht nach vorne sehen, habe ich zu meinem Neujahrsgruß auf der ersten Seite meines Magazins ein Foto von mir abgedruckt: ich in der Mitte, links ein Affe, rechts ein Affe, und alle drei in herzlichster Umarmung und bester Laune. Das Foto ist auf einer meiner unzähligen Reisen entstanden, und zwar in Thailand.

Ich bin Journalistin und war nie etwas anderes. 1968 in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, geboren, habe ich 1994 mein Studium an der Philologischen Fakultät beendet und dann auch gleich begonnen zu schreiben: Artikel, Drehbücher, Moderationstexte.

energie Das nämlich ist neben meiner überbordenden Energie ein zweites Markenzeichen von mir: Soweit das möglich ist, erledige ich alles selbst. Bis heute und seit mehr als 20 Jahren mache ich für den zentralen Kanal des ukrainischen Fernsehens die populäre Reisesendung »Auf den ersten Blick«.

Sie ist in der Ukraine das einzige Format dieser Art und läuft einmal pro Woche landesweit. Entsprechend hoch ist mein Bekanntheitsgrad. Mein Mann steht hinter der Kamera, er dreht, er schneidet, und sind wir nicht in München, sind wir auf Reisen irgendwo auf der Welt.

München ist meine Wunschstadt. Vor zehn Jahren sind wir hier angekommen, und zwar genau am 16. Dezember. Wir, meine Familie und ich, haben dieses kleine Jubiläum vor ein paar Wochen zum Anlass genommen, ein wenig zusammen zu feiern.

Meine Familie, das sind mein Mann, meine drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge zwischen 14 und 23 Jahren, mein Enkelchen von fünf Jahren, die Familie meines Enkelchens und meine Eltern. Mit diesen Menschen mag ich es je enger umso lieber, und das hat, denke ich, auch etwas mit meiner Jüdischkeit und meiner Kindheit und Jugend zu tun.

baba rosa Unser Leben in der Ukraine war, so kann ich es vielleicht sagen, jüdisch, solange meine Oma noch gelebt hat. Meine Oma, das war für alle die Baba Rosa. Mit meinem Vater hat Baba ausschließlich Jiddisch gesprochen. Dass sie besonders und sehr beliebt war, merke ich daran, dass sich meine Freunde bis heute immer wieder an sie erinnern und voller Bewunderung von der lieben Baba Rosa sprechen.

Ihre Schwester, Baba Lena, hat uns auch öfter besucht. Baba Lena war unverheiratet. Sie hat manchmal über Monate bei uns gewohnt, hat uns bekocht mit Gefilte Fisch und Strudel, und wir haben jiddische Lieder gesungen. Papa und Mama waren arbeiten, aber Rosa und Lena haben uns Kindern eine jüdische Kindheit beschert.

Dann ist Baba Rosa gestorben, und alles wurde anders. Vieles ist verloren gegangen. Ich war 21 Jahre alt, hatte andere Interessen, mein Vater war in der kommunistischen Partei, musste sich als Jude besonders vorbildhaft zeigen. Das war einfach so, und alle wussten das auch.

In meiner Schulklasse saßen zu etwa 80 Prozent Kinder aus jüdischen Familien, trotzdem mussten wir uns von den vier, fünf anderen Kindern Schimpfwörter gefallen lassen. An der Uni zählte ich zu einer der besten Studenten innerhalb meiner Fakultät und habe daher die Möglichkeit bekommen, nach Amerika zu fliegen. Als ich dann aber auf einem Formular Auskunft über die »Nationalität« meiner Eltern geben musste, durfte die Zweitbeste fliegen. Na ja.

orientierung Später waren es jedenfalls mein Mann und ich, die 1996 als erstes ukrainisches Fernsehteam über die Präsidentschaftswahlen in den USA berichtet und Sendungen aus der Knesset übertragen haben. Vor etwa zwei Jahren war ich dann wieder in Israel, diesmal mit meinen Kindern. Ich habe gespürt, dass sie nach Orientierung verlangten. »Mama, wer sind wir eigentlich?«, wollten sie wissen. Wir sind nach Jerusalem mit all den Synagogen und Kirchen gefahren, haben die Klagemauer besucht, und ich habe ihnen gesagt: »Seht euch um und hört, was euer Herz sagt.«

Als wir dann nach Deutschland zurückgekehrt sind, stand für meine Tochter fest: »Ich will ins Jugendzentrum.« Sie hat bei der Jewrovision mitgemacht, und so hat es angefangen. Heute ist für meine Kinder das Jugendzentrum am Münchner Jakobsplatz ein Zuhause. Kommt das Wochenende, stellt mein Sohn klar: »Mama, für Sonntag keine Pläne, ich gehe ins Jugendzentrum.«

Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist für mich kein Thema. Es läuft locker, und es läuft gut. Die Kinder wissen zum Beispiel, dass ich manchmal bis nachts um zwei oder drei Uhr arbeite, also lassen sie mich morgens schlafen. Sechs Stunden Schlaf sind für mich übrigens mehr als genug.

Um die Schule meiner Kinder habe ich mich noch nie kümmern müssen. Sie sind selbstständig und beschäftigt. Jeden Tag haben sie eine Aktivität: Musik, Kunstschule, Tanzen, Jewrovision, russische Schule. Ich weiß doch, was passiert, wenn sich eine freie Minute auftut. Dann wird das Tablet, das iPhone oder sonst etwas herausgekramt. Und sogar im Urlaub brauchen sie mir erst gar nicht mit Sprüchen zu kommen wie: »Jetzt wollen wir mal ausschlafen«. Damit haben sie bei mir keine Chance. Schließlich gibt es jeden Tag etwas zu erleben.

Mitarbeiter Zurück im Alltag haben die Kinder ihr Programm und ich das meine. Zu meinem gehört, die Seiten meines Magazins zu füllen. Vor fünf Jahren habe ich »Bei uns in Bayern« aufgebaut. Das Heft erscheint monatlich, komplett in russischer Sprache.

Die Idee, dass es so etwas für all die Leute aus den ehemaligen GUS-Staaten geben sollte, hatte ich schon bald nach unserer Ankunft in München. Und dann war ich mal in Hamburg, und was kriege ich da in die Hände? »Bei uns in Hamburg«, komplett auf Russisch. Ich habe das Heft durchgeblättert und gedacht: »Das ist es.«

Mittlerweile habe ich einen recht großen Kreis an Mitarbeitern, Leute ganz unterschiedlichen Alters, das ist mir wichtig, die mit ihren verschiedenen Schreibideen zu mir kommen. Es ist die Stärke unseres Magazins, Themen zu bringen, die man in den deutschen Medien nicht findet. So können wir damit leicht rechtfertigen, dass wir das Magazin ganz auf Russisch halten: Es ist eine interessante Ergänzung und erfüllt integrative Aufgaben.

Meine Leser sollen erfahren, was in Bayern vor sich geht, und damit schlagen wir eine Brücke zu der Welt, in der die Menschen jetzt ihr Zuhause haben.

begeisterung Alles Jüdische interessiert natürlich immer – die meisten Leser sind ja jüdisch. Eigentlich wäre damit das Heft schon fast voll, aber ich will auch die verschiedenen Gemeinschaften bedienen – aus der Ukraine, Russland, Aserbaidschan, Georgien, Weißrussland. Außerdem verlangen auch Bilder ihren Platz.

Wir finanzieren uns allein durch Werbung und Anzeigen. Die Hefte liegen in ganz Bayern aus – in München, Augsburg, Nürnberg, Landshut, Ingolstadt. Auch in diesen Orten habe ich Mitarbeiter. Junge Schreiber liegen mir besonders am Herzen. Deshalb war ich auch sofort für die Betreuung des Projekts »jung, jüdisch, bayerisch Magazin« zu haben, das die Europäische Janusz Korczak Akademie auf die Beine gestellt hat. Vom Ergebnis sind alle begeistert. Darunter mache ich es auch nicht.

Für mich müssen Resultate sehr gut sein, sonst sehe ich in Projekten keinen wirklichen Sinn. Als die Arbeit getan war und wir uns noch einmal zu einem Feedback getroffen haben, haben mir die Jugendlichen deutlich ihre Begeisterung und Dankbarkeit gezeigt und mir gesagt, dass sie unheimlich viel gelernt hätten, auch wenn ich etwas von einem »Tyrannen« hätte. Mein Mann hat das mitbekommen, und seitdem hängt an der Tür meines Arbeitszimmers ein Zettel. »Tyrann« steht darauf.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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