Makkabi

Fouls auf dem grünen Rasen

Vor allem in unteren Ligen ist Antisemitismus an der Tagesordnung. Eine Diskussion in Frankfurt

von Frederik Schindler  28.02.2019 10:43 Uhr

Daniel Cohn-Bendit fordert den Ausschluss von Rassisten auf dem Fußballfeld. Foto: Rafael Herlich

Vor allem in unteren Ligen ist Antisemitismus an der Tagesordnung. Eine Diskussion in Frankfurt

von Frederik Schindler  28.02.2019 10:43 Uhr

Vincent Albera ist aufgeregt. Der 20‐Jährige ist Schiedsrichterbeauftragter beim jüdischen Sportverein Makkabi Frankfurt. Jetzt sitzt er im Haus des Deutschen Sports, die Bildungsstätte Anne Frank hat zu einer Konferenz zum Thema Antisemitismus im Fußball eingeladen. Betroffene sollen dort von ihren Erfahrungen berichten und gemeinsam mit Experten Strategien gegen Judenhass debattieren.

»Drecksjuden«, »Euch hat man vergessen zu vergasen«, »Verpisst euch!« – all diese Beleidigungen gegen Makkabi‐Spieler, ob jüdisch oder nicht, hat Albera schon selbst mitbekommen. Für ihn gibt es dann nur eine Konsequenz: die Rote Karte, den sofortigen Verweis vom Feld. Zur Not würde er ein Spiel auch abbrechen. Doch längst nicht alle Schiedsrichter im Amateurfußball sehen das genauso. Manche, so erzählt Albera am vergangenen Donnerstag, stehen sogar explizit auf der Seite der Täter.

Beim B‐Jugend‐Spiel Griesheim 02 gegen Makkabi Frankfurt im November 2017 soll das so gewesen sein. Die Mutter eines Spielers beschreibt es in einem Brief an Albera folgendermaßen: »Der Schiedsrichter wurde mit Umarmungen freundlich willkommen geheißen. Griesheims Trainer trat später sehr aggressiv auf, beleidigte und bedrohte uns. Doch es wurde zunächst entschieden, einfach weiterzuspielen.« Dann habe der Schiedsrichter den Makkabi‐Spielern mit Roten Karten gedroht, sollten sie »zu nah an einen Griesheimer Spieler gehen«. Fouls der Gegner seien hingegen ohne Konsequenzen geblieben.

angst Auf die jungen Spieler haben solche Vorfälle, die keine Einzelfälle sind, massive Auswirkungen, berichtet Albera. »Sie bekommen Angst, die Leistung lässt nach, und sie haben keine Chance mehr zu gewinnen.« Neben ihm sitzt Ariel Leibovici, Trainer der zweiten Herrenmannschaft von Makkabi Frankfurt. Leibovici ist es sehr wichtig, zu betonen, dass solche Angriffe nicht den Alltag der Spieler bestimmen. »Wir haben weiterhin sehr viel Spaß am Fußball. Makkabi ist ein großartiger Verband.«

38 Ortsvereine gibt es mittlerweile, mit deutschlandweit 4500 Mitgliedern. 16 Abteilungen hat der Bundesverband. Probleme mit Antisemitismus gibt es im Fußball, Handball und Basketball, je niedriger die Spielklasse, desto kleiner die Hemmschwelle für Beleidigungen und Gewalt. Alon Meyer steht an der Spitze des Verbands und warnt schon lange: Seien es früher vor allem rechtsradikale Täter gewesen, hätten die Täter der vergangenen Jahre »zu über 90 Prozent einen muslimisch‐arabischen Hintergrund«.

Je niedriger die Spielklasse,
desto kleiner ist die Hemmschwelle
für Beleidigungen.

Nur ein Drittel der Makkabi‐Mitglieder sind Juden, doch auf dem Spielfeld stehen auch die anderen unter Beschuss. »Unsere muslimischen Spieler werden oft von Gegnern gefragt, was sie denn bei dem Judenklub zu suchen hätten. Sie gelten offenbar als Verräter.« Auch ein türkischsprachiger Makkabi‐Trainer musste sich immer wieder rechtfertigen, was er denn »bei den Juden zu suchen« habe.

Neuaufbau Auch Leibovici hat solche Situationen erlebt. Der leidenschaftliche Fußballlehrer zog 2017 nach Frankfurt und stand plötzlich ohne Mannschaft da. Deshalb entschied er sich, die zuvor aufgelöste zweite Herrenmannschaft neu aufzubauen. »Ich habe in allen möglichen Facebook‐Gruppen nach neuen Spielern gesucht«, erzählt er. »›Studenten in Frankfurt‹, ›Wohnung in Frankfurt‹, ›Singles in Frankfurt‹.« Sein Team feiert schnell Erfolge. Nach einem Jahr sind sie Meister und steigen in die Kreisliga A auf. Einfach nur Fußball spielen und Spaß haben wollen sie auch, als sie beim Tabellenletzten zu Gast sind.

Dann wird ein persischsprachiger Makkabi‐Spieler als »Scheißjude« bezeichnet. »Zieh dein Judentrikot aus«, fordert ihn ein gegnerischer Spieler auf. Leibovicis Trainerassistent erhält einen Schlag ins Gesicht. Anschließend habe es mehr als zehn Monate gedauert, bis der Hessische Fußballverband gehandelt hat. Der Verein musste 200 Euro Strafe zahlen, der Spieler wurde für ein paar Monate gesperrt. Heute steht er wieder auf dem Platz, für denselben Verein.

Verbot Ginge es nach Daniel Cohn‐Bendit, dürfte dies so nicht geschehen. Der Grünen‐Politiker ist ebenfalls auf der Konferenz zu Gast und diskutiert mit der ARD‐Journalistin Esther Schapira. »Die Vereine müssen klarmachen: Wenn du so etwas sagst, hast du bei uns nichts mehr zu suchen«, fordert er. Er berichtet, dass in Frankfurt auch der Amateurverein FC Gudesding von Antisemitismus betroffen ist – nur weil Cohn‐Bendit Ehrenpräsident und sein Sohn Bela Sportvorstand des Klubs ist. https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/sportplatz-beschmiert/ Ein Vergleich mit den 30er‐Jahren sei dennoch falsch. »Die Eliten und der Staat sind heute eindeutig«, so Cohn‐Bendit. »Man darf aber nicht unterschätzen: Wenn da die Dämme brechen, ist nichts mehr zu halten.«

Ein persischsprachiger
Makkabi‐Spieler wurde
als »Scheißjude« bezeichnet.

Er berichtet aber auch von dem grassierenden Antisemitismus in Frankreich, der vor allem vom radikalen Islam und dem Rechtsradikalismus ausgehe. »In bestimmten Stadtteilen und Vororten trauen sich Schüler nicht zu sagen, dass sie Juden sind, und ihre Lehrer trauen sich nicht, über den Holocaust zu sprechen. An manchen Orten ist es schlimm, an anderen nicht.«

Zum Abschluss der Konferenz kommt schließlich Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, ins Haus des Deutschen Sports direkt neben dem Stadion seines Vereins, um über rechte Tendenzen in Fußballfanszenen zu sprechen. Gleich steht das wohl wichtigste Eintracht‐Spiel der letzten Jahre an, das Rückspiel in der Runde der letzten 16 Teams in der Europa‐League gegen Schachtar Donezk. Fischer kommt trotzdem, man merkt, dass ihm das Thema am Herzen liegt.

afd‐Wähler Über den Fußball hinaus bekannt wurde Fischer, als er im Dezember 2017 erklärte, keine Wähler der AfD im Verein haben zu wollen. Für die »braune Brut« gebe es bei der Eintracht keinen Platz, sagte er später im Hessischen Rundfunk. Die Mitglieder schienen mit dieser Aussage kein Problem zu haben: Kurz darauf wurde er mit 99,7 Prozent als Präsident wiedergewählt. »Auf meine klare Haltung bin ich verdammt stolz«, sagt er im Gespräch mit Esther Schapira. Seitdem habe der Verein Hunderte Mitgliedsanfragen von Fans anderer Vereine erhalten. »Nach dem Motto: ›In den Farben getrennt, in der Sache vereint‹.«

Auch das Thema Antisemitismus kommt im Gespräch mit Fischer erneut zur Sprache. Gefragt, wie er handeln würde, wenn es ein iranischer Spieler in Vertragsverhandlungen zur Bedingung machen würde, nicht mit Israelis zusammen spielen zu müssen, ist seine Antwort eindeutig: »Das ist ein Unding. Bei uns würde er keine Chance haben. Das kann er sagen, und dann ist er weg.«

www.makkabi.de

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