Synagogalmusik

Experiment in Schöneweide

Hunderte Musikinteressierte kamen am vergangenen Samstag in die Reinbeckhallen in Oberschöneweide. »Chor für Chor«, das Konzert, das die Organisatoren des sechsten Louis Lewandowski Festivals im Programm als Experiment angekündigt hatten, war mehr als nur ausverkauft: Es war so voll, dass einige Leute aus dem Publikum stehen mussten – und das, obwohl kurz vor Konzertbeginn noch zusätzliche Stühle hereingetragen wurden.

Beim Blick zur meterhohen Decke konnten die Besucher einen Hallenkran entdecken, allerdings ohne Fensterscheiben. Denn das Relikt aus vergangenen Industriezeiten dient heute lediglich der Dekoration und weist auf die Geschichte des Ortes im Südosten Berlins hin: Ende des 19. Jahrhunderts erwarb der deutsch-jüdische AEG-Gründer Emil Rathenau das Areal an der Reinbeckstraße. In den vier nebeneinander stehenden Backsteinhallen, die jeweils cirka 15 Meter breit und 78 Meter lang sind, wurden erst Transformatoren montiert und später, zu DDR-Zeiten, Rasenmäher hergestellt. 1996 machten die Hallen dicht. Das denkmalgeschützte Areal verfiel.

areal Seit 2004 gehören die Reinbeckhallen dem Rechtsanwalt Sven Herrmann und dem Galeristen Helmut Schuster. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, den Ort an der Spree als Kunst- und Kulturstandort in der Hauptstadt zu etablieren – ein Prozess, der zwar noch lange nicht beendet ist, dafür aber erste Ergebnisse aufweist. Denn das Konzert im Rahmen des Louis Lewandowski Festivals gehörte zu den ersten Veranstaltungen in den frisch sanierten Räumlichkeiten.

Am Eingang zum Gelände wurden die Besucher von Festivalmitarbeitern begrüßt. Sie beschrieben den Weg über das dezent beleuchtete Areal. In der Halle angekommen, ergatterten die meisten einen Sitzplatz. Andere lehnten sich an die eingezogenen weißen Wände.

Nils Busch-Petersen, Festivaldirektor, ermunterte das Publikum, sich während des Konzerts auch mal die Beine in der weitläufigen Halle zu vertreten. Mit jenem Hinweis hatte er wohl die Konzertlänge – knapp drei Stunden Synagogalmusik – im Blick.

konzert Drei Chöre waren eingeladen worden, auf der Bühne zu musizieren. Zur Einstimmung spielte das Kammertrio Köpenick – mit Florian Mayer an der Violine, Shir-Ran Yinon an der Bratsche und Tobias Unterberg am Cello – Werke von Bach sowie eine bunte Mischung aus neu arrangierten Weihnachts- und Chanukkaliedern.

Nach dem kurzweiligen Auftakt stand das Programm des Leipziger Synagogalchors im Mittelpunkt. Der Konzertchor wurde 1962 gegründet. Seit 2012 ist Ludwig Böhme – Sänger, Dirigent, Dozent und Arrangeur in Personalunion – dessen Leiter. In die Berliner Reinbeckhallen brachten die Sänger Werke von Louis Lewandowski, Kurt Weill und Mordechaj Zera mit. Die Sopranistin Dorothea Wagner solierte beeindruckend, nicht zuletzt auch mit Kurt Weills jazzigem Song »Kiddush« aus dem Jahr 1946.

Während die Leipziger auf ein teils modernes Repertoire blickten, widmete sich der südafrikanische »The Lewandowski Choral« der Musik des 16. bis 19. Jahrhunderts. Warum es neben den jüdischen Komponisten Louis Lewandowski und Salomon Sulzer auch die beiden Katholiken Claudio Monteverdi und Franz Schubert ins Programm geschafft hatten, erklärte Chorleiter Adam Golding dem Publikum in einwandfreiem Deutsch. Der barocke Komponist Monteverdi sei ein guter Freund Salamone Rossis gewesen, erklärte der Mann aus Johannesburg. Der Romantiker Schubert sei hingegen mit Salomon Sulzer bekannt gewesen, dem er zum Geburtstag das Stück »Tov Lehodoss« schrieb.

liturgie Adam Golding begleite das Festival bereits seit einigen Jahren, sagte Nils Busch-Petersen in seiner Einführung. Der 33-Jährige habe 2012 die Abschlussveranstaltung in der Synagoge in der Rykestraße miterlebt – ein für ihn nachhaltig beeindruckendes Erlebnis. Denn kaum war er wieder zu Hause in Südafrika angekommen, gründete er den gemischten Chor »The Lewandowski Choral«, mit dem er nun auftrat.

Nachdem bereits knapp zwei Stunden Programm verstrichen waren, betrat das Synagogal Ensemble Berlin unter der Leitung von Regina Yantian die Bühne. Der achtköpfige Chor ist das einzige Profi-Ensemble, das jeden Freitagabend, Schabbatmorgen sowie an allen jüdischen Feiertagen die Liturgie nach Louis Lewandowski singt.

In Oberschöneweide standen darüber hinaus auch Werke von David Nowakowski und Abraham Dunajewski auf dem Programm. Beide waren rund 20 Jahre jünger als Lewandowski und lebten und komponierten bis Anfang des 20. Jahrhunderts.

noten Nachdem unter anderem Lewandowskis »Keduscha« und »Joh Shimchoh«, Nowakowskis »Adonai« und Dunajewskis »Adon Olam« erklangen – mit Kantor Isaac Sheffer, der Altistin Anne-Lisa Nathan und dem Organisten Michael Cayton –, forderte Regina Yantian das Publikum auf, sich aktiv einzubringen.

»Immer, wenn ich mich umdrehe, dürfen Sie mitsingen«, sagte die Chorleiterin. Der Notenauszug aus »Sim Shalom« von Ben Steinberg war vorab an alle verteilt worden. Die Zuhörer lachten – und machten mit. »Wir singen die Strophe dreimal«, erklärte Yantian. »Erst laut, dann sehr laut und zum Schluss ganz zart.«

Als der letzte Ton verstummte, gab es von allen Seiten ausgiebigen Applaus. Sowohl auf der Bühne als auch im Publikum war man sich einig: Mit dem Auftritt dreier Chöre in einem Konzert, der aktiven Einbindung des Publikums und nicht zuletzt der Wahl des ungewöhnlichen Ortes war das Experiment rundum gelungen.

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