Porträt der Woche

»Es spricht zu mir«

Boris Lebedev erlebt die Seele seines Saxofons

von Meriem Benslim  19.09.2011 11:05 Uhr

Beruhigung und Ausgleich: Boris Lebedev (19) beim Musizieren Foto: Tanja Pickartz

Boris Lebedev erlebt die Seele seines Saxofons

von Meriem Benslim  19.09.2011 11:05 Uhr

Vor Kurzem hatte ich so viel Freizeit. Das Abi war gerade hinter mir, ich stand morgens auf, las ein Buch, sah nach, wer mir bei Facebook geschrieben hatte und lebte in den Tag hinein. Dieses Leben war mir sehr fremd, aber ich habe es genossen. Es war das erste Mal, dass ich keinen strukturierten Zeitplan hatte und machen konnte, was ich wollte. Danach habe ich bei Peek & Cloppenburg gejobbt. Und bald fange ich an zu studieren: Wirtschaftsingenieurwesen. Die Vorkurse haben bereits angefangen. Mein Leben verläuft jetzt wieder in geregelten Bahnen – so wie früher.

Ich hatte immer einen vollen Terminkalender, auch deshalb, weil ich Tennis‐Leistungssportler war. Am Wochenende waren Turniere, und in der Woche habe ich mindestens fünf Mal trainiert. In einem Sommer habe ich sogar mehrere Preise gewonnen. Da wurde ich Verbandsmeister in Nordrhein‐Westfalen. Das war ein tolles Gefühl. Der Wille ist sehr wichtig beim Tennis. Es gab oft Phasen, in denen ich kämpfen musste. Wenn es draußen 30 Grad waren und es sich in meinem Mund wie Asche anfühlte, war ich einfach nur erschöpft. In solchen Momenten habe ich einen inneren Kampf zwischen Gewinnen und Aufgeben ausgefochten. Es war eine Bereicherung, immer wieder aufgestanden zu sein, das hat mich sehr geprägt.

Leider wurde ich in meiner sportlichen Karriere gebremst, da ich mit einigen Verletzungen zu kämpfen hatte. Das war ziemlich deprimierend, weil ich mir eingestehen musste, dass ich nicht mehr so gut bin. Aber ohne Sport kann ich nicht leben. Im Moment gehe ich joggen, ins Fitnessstudio und mache Kampfsport.

Außerdem ist die Musik ein wichtiger Teil in meinem Leben. Ich bin damit aufgewachsen. Meine Mutter ist Klavierlehrerin. Ich musste früh ein Instrument lernen – wofür ich ihr heute sehr dankbar bin. In der zweiten Klasse habe ich angefangen, Querflöte zu spielen. Damals war ich begeistert von dem lieblichen Klang des Instruments. Das habe ich dann acht Jahre lang gespielt. Ich war auch bei »Jugend musiziert« und habe am Landeswettbewerb in Düsseldorf teilgenommen.

Danach kam ich an einen Punkt, wo ich mich festlegen musste, ob ich auf die Musikhochschule gehen will. Ich habe mich gegen diese Laufbahn entschieden und mir ein anderes Instrument gesucht: das Saxofon. Für mich hat es eine Seele. Das fehlte mir bei der Querflöte. Jedes Mal, wenn ich darauf spiele, spricht es zu mir. Die Musik ist für mich eine Bereicherung, die mich mein ganzes Leben begleiten wird. Vor allem in der Prüfungszeit hat mir die Musik als Beruhigung und Ausgleich gedient.

Herkunft Ursprünglich komme ich aus Russland. Ich bin in Moskau geboren. Dort habe ich meine ersten neun Monate verbracht. Aufgewachsen bin ich dann in Deutschland, aber mit russischen Eltern. Dadurch bin ich zweisprachig und habe zwei kulturelle Seiten kennengelernt. Zu Hause sprechen wir nur Russisch. Es ist nicht immer einfach, zwischen beiden Sprachen zu wechseln. Manchmal fehlt mir in einer Sprache der passende Ausdruck, und ich muss erst einmal überlegen.

Meine Eltern sind mit mir und meiner älteren Schwester aus Russland ausgewandert. Meine Mutter ist Jüdin. Ich weiß von ihr, dass keiner erfahren durfte, dass wir Juden sind. Beruflich gab es keine Aufstiegsmöglichkeiten, alles war eingeschränkt, man wurde diskriminiert. Ich wurde deshalb auch russisch‐orthodox getauft. Selbst während der Perestroika war es nicht möglich, ein Kind dort vernünftig aufzuziehen. Deshalb haben meine Eltern den Schritt gewagt und sind nach Deutschland gekommen, damit meine Schwester und ich unter besseren Umständen aufwachsen können.

Ich bin froh, hier zu leben und deutscher Staatsbürger zu sein. Aber es gibt auch Momente, in denen es schwierig für mich ist. Ich war zum Beispiel kürzlich im Münchner Hofbräuhaus. Es ist ein unangenehmes Gefühl zu wissen, dass dort diese Nazi‐Feten gefeiert wurden. Es beschäftigt mich, dass wir auf demselben Grund und Boden leben, wo so viele Juden verschleppt und getötet worden sind. Diese Narbe bleibt. Ich habe immer ein Kribbeln, wenn ich mir überlege, dass das noch gar nicht so lange her ist. Ich frage mich: Hat Deutschland wirklich so viel gelernt? Aber ich versuche, das Gute zu sehen. Wir leben nicht in der Vergangenheit.

Zugehörig In unserer Familie gab es lange keinen Bezug zur Religion. Ich hatte überhaupt keine Verbindung zum Glauben. Auch in der Kirche habe ich nichts gefühlt. Ich habe mich immer gefragt: Was machst du eigentlich hier? Du bist ein Fremder. Mir war nicht wohl dabei. Meine Mutter hat das gemerkt. Sie hat mir vorgeschlagen, das jüdische Jugendzentrum in Duisburg zu besuchen. Das habe ich dann auch gemacht.

Als ich das erste Mal in der Synagoge war, merkte ich, was mir die ganze Zeit gefehlt hat: Zugehörigkeit. Es war ein warmes Gefühl, dass sich in mir ausbreitete. Ich habe gemerkt, dass ich mit diesen Menschen etwas Tieferes teile, dass uns etwas verbindet. Das war anfangs sehr aufregend, und es ist immer wieder schön.

Inzwischen bin ich seit bald zwei Jahren in der jüdischen Gemeinde. In dieser Zeit habe ich unglaublich viel über mich erfahren. Vor allem, weil ich mittlerweile als Madrich aktiv bin. Immer sonntags treffen wir uns mit den Kindern. Wir erklären dann beispielsweise jüdische Feiertage oder bereiten die Feste vor.

Die Arbeit mit den Kindern gibt mir unglaublich viel. Es ist für mich sehr wichtig, dass ich meine Vorbildfunktion ernst nehme, weil die Kinder vor allem wegen uns ins Jugendzentrum kommen. Dadurch habe ich mich zu einem besseren Menschen entwickelt. Meine Rolle als Madrich hat sich auf mein gesamtes Leben übertragen, auf mein Verhalten und mein Denken.

Freunde Ich habe einen großen Freundeskreis, bin mit Arabern, Türken und Deutschen befreundet. Alle finden meine Religion interessant. Manchmal werde ich sogar regelrecht ausgefragt über das Judentum. Auch meine frühere Freundin fand es spannend, dass ich jüdisch bin. Momentan habe ich keine Freundin. Aber wenn ich später heirate, dann wäre es mir schon wichtig, dass meine Frau entweder jüdisch ist oder konvertiert. Als Vater möchte ich meinen Kindern das geben, was ich in der Gemeinde erfahren habe: dieses Zugehörigkeitsgefühl.

Ich träume davon, irgendwann Hebräisch zu lernen. Ich kann zwar die Gebete und einige Lieder singen, aber Hebräisch lesen kann ich leider nicht. Ich hoffe, dass ich das in den nächsten Jahren schaffe.

Eigentlich wollte ich zum Studium gern weit weg, nach Berlin oder München. Aber ich habe einen Platz in Düsseldorf bekommen. Das freut meine Eltern. Sie wollen mich nah bei sich haben. Zurzeit suche ich eine kleine Wohnung in Düsseldorf. Vielleicht gründe ich eine Zweier‐WG mit einem Freund.

In ein paar Jahren würde ich gern einige Auslandssemester machen. Es gibt so viele Orte, die ich unbedingt sehen will: Norwegen, Südafrika, Schweden, Amerika, Australien. Ich habe Fernweh. Aber egal, wohin ich gehe, meinen Glauben nehme ich mit. Ich werde immer versuchen, vor Ort eine Gemeinde zu finden. Auch als Student würde ich sehr gern weiter in einem Jugendzentrum arbeiten. Ich will zurückgeben, was ich durch die Gemeinde erfahren habe.

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