Interview

»Es ist schön, keine Minderheit mehr zu sein«

Amit Beumling musste wegen Corona eineinhalb Jahre warten, um Alija machen zu können. Foto: Felix Strattner

Interview

»Es ist schön, keine Minderheit mehr zu sein«

Amit Beumling über Alija, Antisemitismus in Deutschland und berufliche Pläne in Israel

von Annette Kanis  06.01.2022 06:19 Uhr

Frau Beumling, Sie ziehen im neuen Jahr von Köln nach Tel Aviv – wie kam es zu diesem Schritt?
Vor zwei Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich im Leben stagniere, wenn ich einfach weiter denselben Job mache und in Köln bleibe. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Nach meinem Bachelor in Media Management hatte ich in einem Online-Shop für Luxusuhren gearbeitet. Dort habe ich mit 25 Jahren gekündigt, weil ich eine Veränderung in meinem Leben wollte. Zunächst wollte ich mit einem Arbeitsvisum nach Israel gehen und direkt länger bleiben, aber die Pandemie hat das erschwert.

Was wurde aus Ihren Plänen?
Es hat sich alles verzögert, da die Grenzen geschlossen waren. Es war lange ein Schwebezustand: Ich habe eineinhalb Jahre immer wieder gedacht, bald geht es los. Dann konnte ich mit einem organisierten Programm der Jewish Agency nach Israel gehen, zunächst für ein halbes Jahr. Das war meine Eintrittskarte für Israel. In dieser Zeit habe ich Praktika gemacht, habe das Land noch einmal neu kennengelernt und mich schließlich entschieden, Alija zu machen. Ich habe in den sechs Monaten gemerkt, dass ich mich in Israel einfach wohlfühle.

Wie ist das Leben in Israel für Sie?
Es ist nicht so leicht, wie es sich vielleicht anhört. Die ersten Monate waren anstrengend und mit viel Bürokratie gespickt. Ich glaube, generell ist es nicht so einfach, woanders hinzuziehen, vor allem, wenn es einem zu Hause ja grundsätzlich gut geht, wenn einen nichts vertreibt. Israel ist auch kein leichtes Land. Obwohl meine Mutter Israelin ist, bin ich sehr deutsch und treffe deshalb immer wieder auf meine Grenzen, im Verhalten der Leute oder wie Dinge geregelt sind. Anfangs war es definitiv nicht leicht, aber nach ein paar Monaten ging es immer besser. Und dann wollte ich dem Ganzen eine längerfristige Chance geben.

Sie sagen, es vertreibt Sie nichts. Wie sieht es mit Antisemitismus aus?
Mein Vorhaben, jetzt Alija zu machen, entstand nicht aus dem Grund heraus, dass es mir hier in Deutschland schlecht ging. Es ist nicht so, als hätte ich Antisemitismus nicht erfahren. Aber das ist nichts, was mich wirklich vertreibt. Ich sehe Deutschland immer noch als meine Heimat, und das lasse ich mir von Antisemiten nicht wegnehmen. Dennoch genieße ich, dass ich diese Erfahrungen in Israel nicht machen muss. Ich war jetzt über die Feiertage dort, habe Chanukka auf der Straße erlebt, das war beeindruckend. Es ist schön, keine Minderheit mehr zu sein und nichts mehr erklären zu müssen.

Wie lange möchten Sie bleiben?
Ich tue mich schwer damit, langfristig zu planen, deswegen ist das erst einmal nur eine Entscheidung für das nächste Jahr. Wenn es irgendwann so sein sollte, dass ich merke, ich möchte wieder in Deutschland leben, weil es mir dort besser ging, dann komme ich auch wieder zurück. Ich fühle mich frei, das immer wieder neu zu entscheiden.

Wie ist es mit der Sprache?
Ich spreche fließend Hebräisch, habe aber jetzt erst richtig gelernt zu lesen. Schreiben folgt dann noch. Meine Freunde und Familie helfen mir immer mal wieder, wenn es darum geht, Verträge oder wichtige Dinge durchzugucken, damit ich mich dann nicht auf meine noch nicht ausreichenden Fähigkeiten verlassen muss.

Was möchten Sie beruflich machen?
Ich bin gerade im Bewerbungsprozess. Ich glaube, wie gerade jeder Deutsche, der Alija macht, dass es etwas im Hightech-Bereich wird. Der deutsche Markt ist riesig und wirtschaftlich sehr stark, und gleichzeitig gibt es kaum Leute in Israel, die Deutsch sprechen. Das heißt, es werden durchaus Menschen gesucht, die die Sprache sprechen und die Kultur verstehen.

Was erhoffen Sie sich in Israel?
Das primäre Ziel nach zwei Jahren Ungewissheit ist, einfach wieder anzukommen. Ein bisschen Stabilität zu haben, zu wissen, wo ich die nächsten Monate verbringe. Es ist mir bewusst, dass Veränderungen Zeit brauchen, dennoch möchte ich einfach wieder ein normales Leben führen und mich in Israel nicht mehr so neu fühlen.

Das Gespräch führte Annette Kanis.

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Köln

»Russisch gehört zum Familienleben«

Hana Fischer bietet in der Kulturakademie Sprachkurse für Kinder an. Ein Gespräch über spielerisches Lernen, Vokabeln und das beliebte Bingo-Alphabet

von Christine Schmitt  26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026