Schicksal

»Es gibt kein Bild von ihm«

Shir Gideon (r.) mit ihren Cousins, Eltern und Kindern vor dem Stolperstein für Samuel. Foto: Uwe Steinert

»Für Samuel Kurzmann wurde in Auschwitz bestimmt kein Kaddisch gesprochen«, sagt Menachem Gideon am Sonntag vergangener Woche. Das wollten die Nachfahren von Kurzmann nun nachholen – und sprachen es gemeinsam nach der Stolpersteinverlegung in der Sybelstraße 27 in Charlottenburg-Wilmersdorf. Einen Tag vor Jom HaSchoa kam Samuel Kurzmanns Familie aus Hamburg und Israel angereist, um bei der Zeremonie dabei sein zu können.

»Keiner von uns kannte Samuel, es gibt auch kein Bild von ihm – aber er ist Teil unserer Familiengeschichte«, meint Shir Gideon, die die Stolpersteinverlegung angeregt hatte. Sie war von 2018 bis 2021 Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin, arbeitet jetzt als Direktorin für das Außenministerium in Israel. »Samuel Kurzmann ist der Onkel meiner Oma«, berichtet sie vor dem Haus, in dem Samuel von 1929 bis zu seinem Zwangsumzug in ein sogenanntes Judenhaus lebte. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert. Er wurde 55 Jahre alt. Die Familie ihrer Oma konnte noch rechtzeitig emigrieren.

Eine intensive Recherche im Archiv

»Wer war er?«, fragt Shir Gideon in ihrer Ansprache. Ein Nachbar, Geschäftsmann und Onkel. Als seine Nichten aus Bayern ihn in den 1920er-Jahren in Berlin besuchten, kaufte er für sie extra Blumenkleider und Schmuck im KaDeWe. »Leider gibt es keine Infos mehr aus erster Hand über ihn«, sagt Shir Gideon.

Soviel weiß die Familie über ihn: Er hatte einen Zigaretten- und Tabakladen in der Uhlandstraße 187, bemühte sich um ein Ausreisezertifikat beim Palästina-Amt in der Meinekestraße und holte es wahrscheinlich auch ab. Außerdem habe er zwei Jahre lang Englisch gelernt.

Um mehr über ihn zu erfahren, hat sich Shir Gideon in die Archive begeben. Die vielen Dokumente würden beweisen, wie systematisch die Entrechtung, Verschleppung und Ermordung vor sich ging. Von der Löschung der Konten, bis zu Zwangsumzug und Zwangsarbeit, schließlich der Deportation und Ermordung im Vernichtungslager. »Ich habe viele Fragen an das Schicksal meiner Familie«, sagt sie weiter. Mit der Zeit werden es immer mehr Fragen.

Shir Gideon kam mit gemischten Gefühlen nach Berlin.

Die persönliche Verbindung mit dieser Vergangenheit habe damals ihre Arbeit in Deutschland sehr besonders gemacht. »Meine Geschichte fängt zu einem Teil als deutsch-jüdische Geschichte an, denn meine Großeltern väterlicherseits sind hier aufgewachsen.« Sie sei damals mit gemischten Gefühlen nach Berlin gekommen, denn sie hatte zwar diese »deutsche Ecke in meinem Herzen, aber die Mehrheit meiner Familie wurde im Holocaust verfolgt und ermordet«.

Nach der Zeremonie besuchte die Familie noch die Uhlandstraße und die Meinekestraße – zwei Adressen, die Samuel Kurzmanns Schicksal entschieden.

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