Film

Es begann an der Friedrichstraße

Arkadij Khaet hat sich warm angezogen. An einem kalten Frühlingstag steht der 28‐Jährige am Bahnhof Friedrichstraße im Herzen Berlins. Gerade hat es wieder angefangen zu regnen. Passanten eilen geschäftig an ihm vorbei. Businessleute klemmen ihre Mobiltelefone ans Ohr. Touristen ziehen Rollkoffer hinter sich her. Arkadij Khaet bleibt vor zwei Skulpturen stehen. Die wenigsten Menschen scheinen sie wahrzunehmen.

Khaet schaut lange und tief in die bronzenen Gesichter. Zwei von ihnen lachen. Neben ihnen stehen gepackte Koffer, hoffnungsvoll blicken sie in Richtung Westen. Die Gesichter der anderen fünf Figuren hingegen schauen voller Angst in die entgegengesetzte Himmelsrichtung.

Der Junge mit dem Koffer in der Hand und das Mädchen mit dem Schulranzen stehen für die Geretteten. Die anderen fünf Mädchen und Jungen sollen die 1,5 Millionen Kinder symbolisieren, die von den Nazis in den Konzentrations‐ und Vernichtungslagern im Osten ermordet wurden. Die Regentropfen, die den bronzenen Kinderskulpturen in die Gesichter prasseln, wirken plötzlich wie Tränen, findet Khaet.

denkmal »Züge ins Leben – Züge in den Tod: 1938–1939«, so lautet der offizielle Titel der Plastik am Bahnhof Friedrichstraße, die der britisch‐israelische Bildhauer Frank Meisler geschaffen hat. Sie soll an die mehr als 10.000 überwiegend jüdischen Kinder aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen erinnern, die nach der Pogromnacht im November 1938 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 mit den sogenannten Kindertransporten aus dem Deutschen Reich nach England emigrieren konnten und so vor dem sicheren Tod gerettet wurden. An der Liverpool Street Station in London, jenem Bahnhof, an dem die Kinder damals nach ihrer Überfahrt von den Niederlanden über die Hafenstadt Harwich eintrafen, steht ein entsprechendes Pendant.

Wenn er früher zu Besuch in Berlin war, sei er immer unaufmerksam an dem Denkmal vorbeigegangen, erzählt der Regisseur. Das wird ihm nicht wieder passieren. Denn der 28‐Jährige hat dem Denkmal ein eigenes filmisches Denkmal gesetzt, indem er es zum Dreh‐ und Angelpunkt seines Regiedebüts gemacht hat. »Wenn man als junger Regisseur seinen ersten Film dreht, sollte man sich ein Thema aussuchen, mit dem man sich einerseits gut auskennt und zu dem man andererseits auch eine persönliche Beziehung hat«, meint er. In seinem Fall war es das Thema »Erinnerung an die Schoa im 21. Jahrhundert«.

zuwanderer Arkadij Khaet ist in dem kleinen Städtchen Belz im heutigen Moldawien geboren, als Sohn einer jüdischen Familie. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderten seine Eltern mit ihm nach Deutschland aus. Aufgewachsen ist Khaet in Oberhausen im Ruhrgebiet.

»Ich hatte eine sehr jüdische Jugend«, sagt der Student, der an der Filmakademie Baden‐Württemberg in Ludwigsburg eingeschrieben ist, mit einem Lächeln. Schon als Kind war er bei »Netzer« aktiv, der Jugendorganisation der Union progressiver Juden (UpJ). Heute engagiert er sich bei der UpJ‐nahen Organisation »Jung und Jüdisch«.

Sein Mitte 2016 erschienener Kurzfilm mit dem Titel Durch den Vorhang gewann im vergangenen Jahr den Deutschen Menschenrechtsfilmpreis in der Kategorie Bildung und konnte auch international Auszeichnungen erringen. Sogar auf Filmfestivals in China und Indien erhielt er Publikumspreise. Mit Durch den Vorhang wollte Khaet ein Drama über Erinnerungskultur schaffen, das sich speziell an Schüler und junge Erwachsene richtet. Der Film, der gleichzeitig seine Bachelor‐Abschlussarbeit ist, setzt sich damit auseinander, wie junge Generationen mit den Schrecken der Schoa und dem Erinnern daran umgehen.

»Wenn ich einen Film schaue, verfalle ich automatisch in die Zeit, in der er spielt. Ich begebe mich emotional in diese Zeit mit ihrer Gefühlswelt. Ich kann lachen oder weinen. Diesen Effekt haben wir nicht, wenn wir uns mit geschichtlichen Ereignissen und trockenen Statistiken in Schulbüchern befassen«, meint Khaet.

preis Umso mehr freut er sich darüber, dass sein Film in der Menschenrechtsfilmpreis‐Kategorie Bildung gewonnen hat, als DVD herauskommt und somit zusammen mit didaktischem Begleitmaterial im Schulunterricht einsetzbar ist.

Durch den Vorhang spielt nicht in der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt. Vielleicht gerade deswegen ist er geeignet, junge Zuschauer für die Geschichte zu interessieren. Startpunkt ist der Bahnhof Friedrichstraße. Von hier aus fährt die Berliner Schulklasse des 14‐jährigen Tom (gespielt von Leon Seidel) mit der S‐Bahn und dem Bus zum Flughafen Tegel. Es ist Winter in Berlin. Das Reiseziel der Klassenfahrt ist Israel. Eine deutsche Schulklasse zu Besuch im jüdischen Staat, das bedeutet in erster Linie: Gedenkstätten, Museen und Mahnmale abklappern.

Darauf hat der pubertierende Tom aber keine Lust. Er will am liebsten Urlaub in der Sonne machen. Doch alles kommt ganz anders. Für den Protagonisten endet die Reise erst einmal in einem Aschkeloner Hospital. Das erste, woran sich Tom, der in einem Krankenhausbett aufwacht, erinnern kann, ist der Hass seines streitsüchtigen israelischen Gastbruders Ari (Nino Böhlau): Auch er hat keine Lust auf den von seinem Vater organisierten Schüleraustausch und schon gar nicht auf seinen deutschen Zimmergenossen. Es gibt eine handfeste Auseinandersetzung – nicht gerade der ideale Start.

Toms Abneigung gegenüber dem fremden Land wächst mit jedem Tag – bis zu dem Moment, in dem seine Bettnachbarin Rosa (gespielt von Nurith Yaron), die hinter einem Sichtschutzvorhang neben ihm liegt, auf Deutsch von der Schoa zu erzählen beginnt. Tom wird schnell klar: Indem Rosa über diesen Teil der Vergangenheit spricht, spricht sie über ihre eigene Geschichte. »Vergiss uns nicht!«, ruft sie Tom mit ihrem letzten Atemzug zu. Zurück in Berlin‐Friedrichstraße schaut er mit anderem Blick auf Israel und die Vergangenheit.

erlebnis »Schon als ich das Drehbuch gelesen habe, fand ich die Geschichte sehr interessant und individuell. Der Film handelt von einem Jungen, der sich nie wirklich mit dem Thema Holocaust auseinandergesetzt hat und durch eine zufällige Begegnung eine völlig andere Sicht erhält. Das wird am Ende deutlich, wenn er das Mahnmal der Kindertransporte in Berlin wirklich beachtet«, sagt Schauspieler Leon Seidel.

Der 20‐Jährige mit den markanten roten Haaren besucht ein Gymnasium in Köln und ist regelmäßiger Darsteller in Jugendfilmen. Der Dreh mit Arkadij Khaet und seinem Team habe ihm sehr viel Spaß gemacht, und er freue sich schon auf das nächste gemeinsame Projekt, sagt der Jungschauspieler.

Nurith Yaron, die fließend Deutsch spricht, kann dem nur zustimmen: »Die Zusammenarbeit mit Arkadij war hervorragend. Rosa war nicht die erste Rolle einer überlebenden Jüdin, die ich verkörpert habe. Als Jüdin berühren mich die Schicksale all jener Frauen und Heldinnen, die Unsägliches erleben mussten. Ich sehe mich als ihr Sprachrohr«, erklärt die israelische Schauspielerin.

feedback Das positive Feedback seines Filmteams freut Regisseur Arkadij Khaet. Durch den Vorhang war nicht nur sein erstes großes Projekt, sondern auch ein sehr persönliches. Die Handlung basiert in großes Teilen auf einem Erlebnis, das er als Jugendlicher in Israel gemacht hat. »Mit 15 Jahren war ich mit meiner ›Netzer‹-Jugendgruppe zum ersten Mal in Israel. Es war ein Austausch, wir kamen in Gastfamilien. Ich habe eine starke Katzenhaarallergie, und da meine sonst überaus nette Gastfamilie mehrere Katzen hatte, kam ich in der ersten Nacht gleich erst einmal ins Krankenhaus«, erzählt Khaet. Er konnte damals kein Hebräisch und fühlte sich unwohl und fremd.

Im Bett neben ihm lag – wie im Film – eine ältere Frau, abgetrennt durch einen Vorhang. Sie starb noch in derselben Nacht. Kurz vor ihrem Tod sagte sie mehrere Sätze auf Deutsch, ihrer Muttersprache, wie sich später herausstellte. »Von der Krankenschwester erfuhr ich am nächsten Tag, dass die Frau aus Berlin stammte, mit den Kindertransporten nach England fliehen konnte und noch während des Zweiten Weltkriegs in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina emigrierte«, erzählt Khaet.

Diese Erfahrung habe ihn sehr nachdenklich gestimmt. Noch heute erinnert er sich an die Situation, als wäre es gestern gewesen. Weder seinen Freunden noch seinen Eltern hatte er als Jugendlicher davon erzählt.

Erst jetzt, Jahre später, verwendete er sein nächtliches Erlebnis in einem israelischen Krankenhausbett als Vorlage für sein Regiedebüt. Mit Durch den Vorhang will Khaet nicht nur das Denkmal an die Kindertransporte in der Berliner Friedrichstraße in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, sondern vor allem die Menschen, die dank der Rettungsaktion der britischen Regierung die Schoa überlebt haben. Die Stimme der Rosa im Film steht damit stellvertretend für die Geretteten.

jiddisch Mit Problemen und Fragen rund um das Judentum will sich Khaet auch in seinen aktuellen und künftigen Arbeiten beschäftigen. Das steht für den jungen Regisseur fest. »Ich denke, dass ich Filme zu diesem Thema besser machen kann als viele andere Regisseure. Nicht etwa, weil mein Handwerkszeug in irgendeiner Form besser als das von Kollegen wäre, sondern einfach deshalb, weil ich einen anderen, persönlichen Zugang habe«, erläutert Khaet.

Gerade schreibt er am Drehbuch für seinen neuen Film – eine Komödie, die in einem osteuropäischen Schtetl spielt, das in der Geschichte eingefroren und in die Zukunft gebeamt wird. Gesprochen wird Jiddisch und Deutsch. Damit wäre es der erste bilinguale Film in beiden Sprachen seit 1933.

Am Bahnhof Friedrichstraße hat der Regen inzwischen nachgelassen. Passanten eilen weiter aneinander vorbei. Eine Frau legt an dem Denkmal für die Kindertransporte Blumen nieder. Und Arkadij Khaet geht mit einem Lächeln Richtung U‐Bahn.

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