Lörrach

Erster Aufruf für Daniel

Rabbiner Moshe Flomenmann (l.) und Daniel Schermann (M.) mit der Torarolle Foto: Peter Bollag

Das zweite Dezemberwochenende war für die Israelitische Kultusgemeinde Lörrach (IKL) ein ganz besonderes. Und dies noch vor den ohnehin schon festlichen Chanukka-Feiertagen, die selbstverständlich auch in Lörrach gefeiert wurden. Auch am deutschlandweiten »Mitzvah Day« hatte sich die kleine badische Gemeinde beteiligt. Doch nun stand etwas ganz Besonderes auf dem Programm: Mit Daniel Schermann konnte nämlich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein Kind seine Barmizwa begehen.

»Das ist ein großer Tag für Daniel, aber auch für unsere Gemeinde«, fasste Rabbiner Moshe Flomenmann seine, aber auch die Gedanken der Familie und vieler anderer Gemeindemitglieder zusammen. Es sei nämlich in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich, dass ein 13-Jähriger regelmäßig und diszipliniert den Barmizwa-Unterricht besucht, wie Daniel das getan habe.

Unterricht Zumal der Junge nicht in Lörrach selbst wohnt, sondern in einem einige Kilometer entfernt gelegenen Dorf im Schwarzwald. Deshalb musste Daniel auch immer mit dem Auto zum Unterricht gebracht werden – eine Aufgabe, der sich seine Mutter gerne annahm: »Es ist eine Ehre für uns, dass Daniel diesen Unterricht besuchen darf.«

Am Donnerstag vor der Barmizwa versammelten sich in der Lörracher Synagoge Freunde und Verwandte von Daniel, um zu erleben, wie er zum ersten Mal die Tefillin anlegte und die entsprechenden Segenssprüche sagte – und anschließend gemeinsam mit Vater und Großvater zur Tora aufgerufen wurde. All dieser Aufgaben entledigte er sich wie selbstverständlich und ohne jegliche Aufregung. Am Schabbat erfolgte der Aufruf zur Tora im Rahmen des Schabbatgottesdienstes. Am Sonntag feierte die Gemeinde dann »ihren« Barmizwa und seine Freunde mit einer ganz speziellen Party.

Dass in Lörrach mit großem Aufwand begangen wird, was in vielen größeren Gemeinden eine Selbstverständlichkeit ist, erklärt sich nicht zuletzt aus der Struktur der Gemeinde, die einen eher hohen Altersdurchschnitt aufweist. »Umso wichtiger ist, dass die Jungen in unserer Gemeinde das Gefühl erhalten, dass man sich um sie kümmert und sie auch wertschätzt«, sagt Rabbiner Flomenmann. Daniel Schermann selbst ist in Lörrach geboren und aufgewachsen, seine Eltern kamen aus Russland und der Ukraine in den Jahren nach 2001 in die südlichste Ecke Deutschlands direkt an der Schweizer Grenze.

tefillin und tallit Daniel selbst empfindet es an seinem großen Tag offensichtlich als überaus »cool«, mit Tefillin und Tallit nach jüdischem Gesetz ein Erwachsener zu sein. Einem Freund, der etwas jünger und bei dem Toraaufruf am Donnerstag ebenfalls anwesend ist, legt Daniel den Barmizwa-Unterricht ganz besonders ans Herz: »Da lernst du sehr viel über die jüdische Religion und den Alltag.«

Allerdings: »Meinen Mitschülerinnen und Mitschülern, die ja nicht jüdisch sind, habe ich noch nichts erzählt von meiner Barmizwa«, verrät er. Denn die wären dann wohl eher neidisch, wenn sie hörten, wie stark Daniel rund um seinen 13. Geburtstag gefeiert wird. Für die Barmizwa gab es zudem von der Schule einen Tag frei, ein Privileg, das seine Mitschüler nicht kennen und um das sie Daniel beneiden würden, so zumindest glaubte er.

Doch Daniel durfte sein »Geheimnis« nicht allzu lange für sich behalten. Denn weil eine Barmizwafeier in Lörrach so eine seltene Sache ist, berichtete auch das regionale Programm des SWR über Daniels großen Tag.

Die Gemeinde freut sich sicher über solch positive Publicity, doch auch im Alltag sei man »ziemlich gut unterwegs«, sagt Rabbiner Flomenmann, der bereits seit sechs Jahren in Lörrach amtiert. Einige der Ziele, die man vor einigen Jahren anvisiert habe, habe man inzwischen auch erreicht, andere dagegen verfolge man immer noch.

Café Wie etwa das Projekt eines gemeindeeigenen Kindergartens. Oder auch ein eigenes kleines Café mit Imbiss. Dafür hatte man zwar schon Ort und Einrichtung im Blick, doch gebe es bei den möglichen Pächtern noch immer Fragezeichen.

»Wir sind weiter auf der Suche nach unseren Wunschpächtern«, fasst Rabbiner Flomenmann zusammen. Doch sei man zuversichtlich, sie bald vorstellen zu können. Unter Zeitdruck wolle man sich aber nicht setzen lassen: »Es ist bis jetzt ohne Café gegangen. Wir werden die Zeit, bis wir aufmachen können, auch noch überstehen.«

Zumal es ja seit einigen Jahren in Lörrach auch die Möglichkeit gibt, koschere Backwaren und Kuchen zu kaufen. Inzwischen bieten dies im Stadtgebiet gleich drei Filialen des Bäckereibetriebes an. Weitere koschere Artikel wie Fleisch oder Wein sind wie bisher bei einem russischen Einzelwarengeschäft erhältlich.

jahrestag Auf jeden Fall wird 2018 ein wichtiges Jahr für die Gemeinde und wohl auch für die Stadt Lörrach. »Am 9. November, dem 80. Jahrestag der Pogromnacht, wird unsere Synagoge zehn Jahre alt«, sagt Rabbiner Flomenmann. Gleichzeitig beginnen Feierlichkeiten, die erst im Jahre 2020 enden: Dann nämlich jährt sich die jüdische Präsenz in Lörrach zum 350. Mal.

Aus diesem Anlass hat die Lörracher Gemeinde Großes vor: Sie startet demnächst einen Spendenmarathon, um eine neue Torarolle schreiben lassen zu können, die im nächsten Jahr auch feierlich eingeweiht werden soll. An diesem Spendenmarathon, für den die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden (IRG) die Schirmherrschaft übernimmt, würden sich auch die Oberbürgermeisterämter der Städte Lörrach und Weil am Rhein beteiligen, verrät Rabbiner Flomenmann voller Stolz.

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