Göppingen

Erinnerung an Vergessenes

Das Jüdische Museum ist für Göppingens Bürgermeister Guido Till (am Rednerpult) ein wichtiger außerschulischer Lernort. Foto: Michael Steinert

Nach einer größeren konzeptionellen Umgestaltung hat das Jüdische Museum Göppingen am 23. Januar mit einem Festakt seine neue Dauerausstellung eröffnet. Jiddische Lieder, gesungen von Dorothea Baltzer und auf dem Klavier begleitet von Hanno Bötsch, gaben der Veranstaltung den feierlichen Rahmen.

Nach der Begrüßung durch den Göppinger Oberbürgermeister Guido Till erinnerte Jehuda Puschkin, Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), in seinem kurzen Grußwort an die reichen Wurzeln des jüdischen Lebens im Neckar- und Filstal Württembergs. Dieses Museum, betonte er, sei etwas Besonderes für die Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit im Südwesten der Bundesrepublik.

In Jebenhausen siedelten
sich im 18. Jahrhundert
wieder Juden an.

Das Jüdische Museum Göppingen wurde 1992 als eines der ersten Jüdischen Museen in der Bundesrepublik eröffnet. Sibylle Thelen von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg rief in ihrer Rede in Erinnerung, dass in den 80er-Jahren Gedenkstätten »oftmals gegen massive Widerstände vor Ort« durchgesetzt werden mussten. Hier hingegen habe »die Stadt entscheidende Impulse gesetzt«. Seinen Platz hatte es in der profanierten evangelischen Kirche von Jebenhausen gefunden, einem Ortsteil von Göppingen, in dem sich im 18. Jahrhundert die ersten Juden nach den Vertreibungen im späten Mittelalter wieder angesiedelt hatten.

1777 hatten die Freiherren von Liebenstein einen Schutzbrief für Juden ausgestellt, und binnen weniger Jahrzehnte war die jüdische Gemeinde auf mehr als 500 Mitglieder angewachsen. Sie war damit eine der größten jüdischen Gemeinden Württembergs. Mit der Industrialisierung zog es viele Juden in die wachsende Industriestadt Göppingen. 1874 wurde dann der Rabbinatssitz dorthin verlegt, und 1881 erfolgte die Einweihung der Synagoge. Die Synagoge in Jebenhausen wurde im Jahr 1900 verkauft. Mit dem Nationalsozialismus wurde die Geschichte der Göppinger jüdischen Gemeinde ausgelöscht. 92 Göppinger Juden wurden ermordet, 233 konnten sich durch Auswanderung retten.

gedenkbuch Den Ermordeten ist im Museum ein Gedenkbuch jeweils mit Bild und Kurzbiografie gewidmet. Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Göppingen. Die Erinnerung an die Göppinger Juden und ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes aber blieb und wird im heutigen Jüdischen Museum dokumentiert.

Dank des frühen Interesses des Stadtarchivleiters Karl-Heinz Rueß, dem richtigen Mann für die Aufgabe, wie Sibylle Thelen ausdrücklich hervorhob, und dank der Unterstützung ehemaliger Göppinger Juden verfügt das Museum heute über eine ansehnliche Sammlung an Ausstellungsstücken, darunter ein Kidduschbecher von 1870 oder ein Schächtmesser mit Lederscheide. Die außergewöhnlichsten Exponate sind jedoch die Bänke und der Deckenleuchter aus der ehemaligen Synagoge. Beides wurde der evangelischen Gemeinde 1906 von Jebenhausener Juden nach der Auflösung ihrer Gemeinde geschenkt und zeugt von dem guten Verhältnis zur christlichen Gemeinde.

Erfolgsgeschichte Mit mehr als 70.000 Besuchern in 25 Jahren war die bisherige Dauerausstellung eine lokale Erfolgsgeschichte. Es sei jetzt aber an der Zeit, sagte Archivleiter Rueß, »die Ausstellung auf den aktuellen inhaltlichen Stand zu bringen«. Zudem seien bauliche Instandsetzungen nötig geworden. Die Stadt Göppingen stellte für die Gestaltungsmaßnahmen 305.000 Euro zur Verfügung. Auch die museale Didaktik änderte sich hin zu biografischen Erzählungen und Lebensschicksalen, um auf diese Weise das Leben der Juden in Göppingen für die Museumsbesucher lebendiger und erfahrbarer zu machen.

Beispielhaft ist hier die Visualisierung des Lebens von Aaron Tänzer. Dieser war nicht nur Rabbiner, sondern auch Wissenschaftler, Heimatforscher und Patriot, der als »nicht arisch« 1933 aus dem »Kriegerverein« ausgeschlossen wurde, was er sarkastisch mit »Vaterlands Dank« kommentierte. Auch die stillen Helfer während der Nazizeit kommen zu Wort. Die Darstellung der religiösen Bräuche und Traditionen mit ihren beispielhaft ausgestellten Kultgegenständen blieb weitgehend in der früheren Form erhalten. Neu ist hier ein Aufrissmodell der Göppinger Synagoge, die 1938 zerstört wurde.

In der ersten Ausstellung
war die Zeit nach 1945
nicht berücksichtigt.

In der alten Dauerausstellung war die Zeit nach 1945 nicht berücksichtigt worden. Dem wird nun in der Neukonzeption Rechnung getragen. Ein eigenes Kapitel ist der juristischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen gewidmet, darunter der Auschwitz-Prozess, in dem der Göppinger Auschwitz-Apotheker Victor Capesius auf der Anklagebank saß. Ergänzend wurde auch die Geschichte der Erinnerungskultur aufgenommen, beginnend mit der Errichtung eines Denkmals 1954 in der jüdischen Abteilung des Friedhofs, damals finanziert von der IRGW selbst, und der von der Stadt Göppingen aufgestellten Gedenktafel am Synagogenplatz 1967.

stolpersteine In den 80er-Jahren hatte der damalige Oberbürgermeister dann verstärkt den Kontakt zu ehemaligen jüdischen Göppinger Bürgern gesucht. Daraus haben sich bleibende Beziehungen entwickelt. Immer wieder besuchten die Überlebenden und ihre Nachfahren in den vergangenen Jahren die Stadt, oftmals im Zusammenhang mit der Verlegung von Stolpersteinen.

Thomas Thiemeyer, Professor für Museumswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, betonte in seinem Vortrag »Zur Erforschung und Vermittlung jüdischer Geschichte«, dass neue Ansätze erforderlich seien, »um die Geschichte über das Verhältnis von Juden, Christen und eben auch Muslimen in Deutschland weiterhin zu vermitteln, und deshalb müssen sich Bildungsinstitutionen wie Museen aktuell neu erfinden«.

Vor allem soziale Medien veränderten das gesamte Alltagshandeln der Menschen, »das Smartphones und Tablets inzwischen ganz selbstverständlich bestimmen«, sagte Thiemeyer. Viele Museen müssen sich aktuell auch deshalb neu aufstellen. Dem trägt das Jüdische Museum mit seiner Neukonzeption nun Rechnung. Ein viereinhalb Minuten langer Animationsfilm (deutsch und englisch) führt in die Geschichte der Jebenhäuser Juden in der Zeit zwischen 1777 und 1900 ein. VHS-Kassetten und Diaprojektionen wurden durch Hörstationen und Touchscreens ersetzt.

Das Museum bietet in der neuen Dauerausstellung Recherchestationen zum jüdischen Glauben oder zu den Wohnorten und Geschäften jüdischer Bürger in Göppingen. Hörstationen erklären den Ablauf eines jüdischen Gottesdienstes oder die Architektur der Synagoge. Historische Filme zeigen Ausschnitte aus dem Leben der jüdischen Familie Rohrbacher und ihrer Auswanderung nach Palästina. Zudem werden Aufnahmen eines Gesprächs zwischen Schülern und der KZ-Überlebenden Inge Auerbach aus dem Jahr 2017 gezeigt.

Begleitprogramm Das Begleitprogramm mit Vorträgen, Diskussionen, Filmen und Lesungen – über 200 Veranstaltungen haben bis dato stattgefunden − wird fortgeführt und weiter ausgebaut. Eine Publikationsreihe mit allgemeinen Darstellungen zur jüdischen Lokalgeschichte und zahlreichen Einzeluntersuchungen vermittelt vertiefende Einblicke und Einsichten. Seit 2017 gibt es aufgrund einer bürgerschaftlichen Initiative auch einen mit Informationsstelen markierten Rundweg durch die ehemalige jüdische Siedlung Jebenhausen. Mitte dieses Jahres soll ein überarbeiteter Museumsführer in deutscher und englischer Sprache vorliegen.

www.goeppingen.de/lde/start/Kultur/Juedisches+Museum

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